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29.03.2020

10:51

Corona-Pandemie

Amerikas Bürger fürchten ihr Gesundheitssystem mehr als das Virus

Von: Astrid Dörner, Alexander Demling, Katharina Kort, Axel Postinett, Christian Rickens

Das US-Gesundheitssystem wird in der Coronakrise zum Risiko. Viele Betroffene können sich eine Behandlung nicht leisten. Die Politik regiert planlos.

Corona-Pandemie

Donald Trump verlängert Corona-Maßnahmen in den USA bis zum 30. April

Corona-Pandemie: Donald Trump verlängert Corona-Maßnahmen in den USA bis zum 30. April

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New York/San Francisco/Washington Nach ihrer Behandlung wegen des Coronavirus waren für Danni Askini zwei Dinge klar: Sie war noch einmal mit dem Leben davongekommen, und sie ist voraussichtlich für den Rest ihres Lebens ruiniert. Die Gesamtsumme von 34.927,43 Dollar für Krankenhaus- und Arztrechnungen wird sie nie in ihrem Leben zusammenbringen können, erzählte sie dem Magazin „Time“.

Sie hatte gerade einen Job verloren und war dabei, den nächsten anzutreten. In dieser gefährlichen Zwischenphase hatte sie keinen Krankenversicherungsschutz. Eine typische Situation in den USA, wo meist die Arbeitgeber die Krankenversicherungen stellen.

Danni Askinis Fall passierte, noch bevor US-Präsident Donald Trump versprach, alle US-Amerikaner könnten sich kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Doch selbst das hätte die Frau finanziell nicht gerettet. Die Tests waren mit Kosten von rund 900 Dollar noch das geringste Problem der jungen Frau. Die Krankenversicherer und Krankenhäuser stellten nach dem Trump-Versprechen umgehend klar, dass nur der Test kostenfrei sei, nicht aber die Behandlungen.

Die Corona-Pandemie bringt das Gesundheitssystem der USA in doppelter Hinsicht an seine Belastungsgrenze. Da ist zum einen das offensichtliche Problem: In den Epizentren der Seuche, allen voran New York City, sind die Krankenhäuser bereits jetzt überlastet. Von weitreichenden Ausgangssperren sieht Präsident Trump dennoch vorerst ab.

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    Dabei teilen sich im Prebysterian Hospital Columbia-Irving zwei Corona-Patienten inzwischen ein Beatmungsgerät, weil die Zahl sonst nicht mehr ausreicht. Andere Krankenhäuser nutzen Kühl-Lkws, um die Corona-Toten zwischenzulagern. Und den Höhepunkt der Pandemie erwartet Gouverneur Andrew Cuomo erst in zwei bis drei Wochen.

    Da ist zum einen die offensichtliche Belastungsgrenze des amerikanischen Gesundheitssystems. Die finanzielle Grenze wird aber auch bei Millionen von amerikanischen Bürgern überschritten, die bei einer Corana-Erkrankung den finanziellen Ruin befürchten müssen.
    Vom Krankentransport über Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken, Krankenversicherung, Arzneimittelproduktion: Das Gesundheitssystem in den USA ist weitgehend privatwirtschaftlich organisiert und gewinnorientiert. Das führt schon in normalen Zeiten zu extremen Belastungen – rund 60 Prozent der Privatinsolvenzen in den USA sind auf unbezahlbare Krankenhausrechnungen zurückzuführen. In Zeiten einer Pandemie potenziert sich dieses Problem, werden die gewaltigen Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems besonders deutlich.

    Es produziert am oberen Ende zu enormen Kosten Überversorgung für alle jene, die es sich leisten können. Am unteren Ende zwingt es vor allem Bürger der unteren Mittelschicht, auf notwendige Behandlungen zu verzichten oder sich für sie finanziell zu ruinieren. Lediglich für die Allerärmsten und für Rentner übernimmt der Staat die Behandlungskosten.

    Zuzahlungen lassen sich kaum überblicken

    Zwar haben seit der Gesundheitsreform unter Präsident Barack Obama („Obamacare“) vor zehn Jahren alle US-Bürger Anrecht auf eine Krankenversicherung ohne vorherige Gesundheitsprüfung – für US-Verhältnisse ein gewaltiger Fortschritt. Doch welche Leistungen bei den einzelnen Policen abgedeckt sind und was an Zuzahlungen anfällt, lässt sich für den Versicherten kaum überblicken. So haben einige, aber längst nicht alle Versicherungsunternehmen angekündigt, für Corona-Behandlungen auf die sonst fällige Selbstbeteiligung verzichten zu wollen.

    Zahlen liefert eine Studie der kalifornischen „Kaiser Family Foundation“ und des „Peterson Center of Healthcare“. Demnach würde eine Corona-erkrankte Person ohne Versicherung im Schnitt auf einer Rechnung von 9.763 Dollar sitzen bleiben, wenn keine Komplikationen auftreten. Mit Komplikationen seien es bis zu 20.000 Dollar. Selbst mit Krankenversicherung würden durch Selbstbeteiligungen und Zuzahlungen etwa 1.300 Dollar übrig bleiben – pro Person. In einer Familie, in der man sich leicht gegenseitig mit dem Virus ansteckt, führt das schnell an die finanzielle Belastungsgrenze.

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    Das belegt eine Statistik der US-Notenbank Fed, der zufolge 40 Prozent aller US-Haushalte nicht in der Lage wären, eine überraschende Ausgabe von 400 Dollar zu stemmen, ohne etwas zu verkaufen, Freunde oder Familie um Hilfe zu bitten oder zum Pfandhaus zu gehen. In Florida sind Pfandhäuser inzwischen zu „unverzichtbaren“ Geschäften erklärt worden, so wie Lebensmittelläden oder Apotheken, und dürfen während des Corona-Shutdowns geöffnet bleiben.

    Im Eiltempo bemühen sich die USA, die größten Lücken ihres Gesundheitssystems in der aktuellen Krise zu überbrücken. Doch die grundsätzlichen Schwächen lassen sich nicht auf die Schnelle kompensieren.

    „Sie können in New York City behandelt werden, egal, welchen Immigrationsstatus Sie haben oder wie viel Sie zahlen können“, teilt die Stadt auf ihrer Website mit. Die Zahl der positiv getesteten Personen in der Stadt ist zuletzt auch deshalb rasant gestiegen, weil der Bundesstaat New York derzeit 16.000 Menschen pro Tag testet. Doch es geht nur zäh voran.

    In der vergangenen Woche haben Demokraten und Republikaner eine Reihe von Hilfen für Corona-Kranke und -Verdachtsfälle vereinbart. So gibt es nun erstmals eine garantierte Lohnfortzahlung von 14 Tagen im Krankheits- oder Quarantänefall. Allerdings: Diese für US-Verhältnisse sehr großzügigen Lösungen gelten nur für Arbeitgeber mit bis zu 500 Beschäftigten. Großbetriebe, bei denen rund die Hälfte der Amerikaner arbeiten, sind ausgenommen.

    Sie hätten meist ohnehin eine freiwillige Lohnfortzahlung, heißt es zur Begründung. Doch auch zehn Prozent der Beschäftigten in großen Betrieben haben keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung. Auch Betriebe unter 50 Mitarbeitern sowie Krankenhäuser und Pflegeheime können sich von der Lohnfortzahlung befreien lassen.

    Die Lücken von Obamacare

    Ungerechtigkeiten und Versorgungslücken im US-Gesundheitssystem sind zentrales Wahlkampfthema. Für US-Verhältnisse besonders radikal tritt dabei Bernie Sanders auf. Der demokratische Senator, der sich um die Präsidentschaftskandidatur bei den Demokraten bewirbt, fordert unter dem Schlagwort „Medicare for All“ eine einheitliche staatliche Krankenversicherung für alle Bürger ohne Zuzahlungen – die Coronakrise habe die Schwächen des derzeitigen Systems überdeutlich gemacht.

    Sein innerparteilicher Gegenkandidat Joe Biden will im Wesentlichen am „Obamacare“ genannten System festhalten, allerdings ergänzt um eine staatliche Versicherungsoption, der Bürger freiwillig beitreten können. Bidens Argument: „In Italien hat auch eine einheitliche Versicherung für alle die Corona-Pandemie nicht aufhalten können.“ Biden fordert stattdessen eine staatliche Garantie, dass kein US-Bürger auf seinen Test- oder Behandlungskosten für Corona sitzen bleibt.

    Das wäre eine Lösung für den Moment, nicht aber für ein grundsätzliches Problem des amerikanischen Gesundheitssystems: „Überraschungsrechnungen“, die schnell mal 50.000 oder 100.000 Dollar erreichen können. Versicherer erstatten nur Kosten für Ärzte, Krankenhäuser, Labore und Therapeuten in ihrem Netzwerk, mit dem sie Verträge ausgehandelt haben.

    In vielen US-Krankenhäusern fehlt das nötige Equipment für die Corona-Welle. AP

    Krankenschwestern protestieren

    In vielen US-Krankenhäusern fehlt das nötige Equipment für die Corona-Welle.

    Es kann aber passieren, dass ein Patient zu einem sogenannten „Netzwerk-Krankenhaus“ geht, dieses aber dann die Tests bei einem „Nicht-Netzwerk-Labor“ untersuchen lässt oder die Röntgenaufnahmen von einem „Nicht-Netzwerk-Radiologen“ angeschaut werden. Diese Dienstleister können dann Preise nach freiem Ermessen ansetzen.

    Kostet ein Bluttest im Netzwerk 50 Dollar, können es außerhalb des Netzwerks 3.000 Dollar sein. Die Dienstleister müssen den Patienten nicht vorab darüber informieren, dass sie nicht zum Versicherungsnetzwerk zählen und höhere Summen ansetzen.

    Extrem kann das werden, wenn ein Patient vom Land ins nächste Krankenhaus einer Großstadt geflogen werden muss. Das GAO („Government Accountability Office“) veröffentlichte Zahlen, nach denen 2017 rund 66 Prozent aller Rettungsflüge „außerhalb des Netzwerks“ der Versicherten stattgefunden hätten.

    Tests für alle

    Mit dramatischen Konsequenzen: Als Beispiel nennt das GAO einen Flug von Dickenson nach Bismarck in Nord Dakota, Luftstrecke rund 160 Kilometer. Der Rettungsdienst rechnete dafür 41.400 Dollar ab, die Krankenversicherung übernahm nur 6.700 Dollar. Der Patient musste die Rechnung von 34.700 Dollar schultern. Hätte die Corona-erkrankte Danni Askini einen Rettungsflug benötigt, hätte das ihre Gesamtrechnung auf über 70.000 Dollar anschwellen lassen können.

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    Je weiter sich die Corona-Pandemie in den USA ausbreitet, desto mehr Fälle wie den von Danni Askini wird es in den USA geben. Mittlerweile ist die Seuche längst nicht mehr auf Epizentren wie die Ballungsräume New York, Seattle oder New Orleans beschränkt. Von den Küsten frisst sich das Virus ins Landesinnere vor. Auch im ländlichen Bundesstaat Colorado gehen den Krankenhäusern mittlerweile Masken und Schutzkleidung aus. Was Colorado aus den nationalen Notfallbeständen in den kommenden Tagen zugeschickt wird, reicht gerade mal für einen weiteren Tag, heißt es.

    Jeder fünfte Einwohner im Bundesstaat hat Wurzeln in Mittel- und Südamerika – eine Bevölkerungsgruppe, die deutlich seltener als andere eine Krankenversicherung hat, wie Zahlen der Colorado Health Policy Coalition, einer Interessengruppe, zeigen.
    Kostenlose Coronatests können daher gerade in diesem Bundesstaat eine große Hilfe sein, um zumindest einige der lebensbedrohlichen Schwächen des US-Gesundheitssystems auszubügeln.

    Ein einzigartiger Versuch startet in diesen Tagen in Colorado im Ski-Ort Telluride. Das Biotech-Unternehmen United Biomedical hat angekündigt, Tests für alle 8500 Einwohner der Stadt und des umliegenden Landkreises kostenlos bereitzustellen. Das Unternehmen hat einen Bluttest entwickelt, der im Eilverfahren von der Arzneimittelbehörde FDA genehmigt wurde. Er unterscheidet sich von der bisherigen Methode, Abstriche aus Hals oder Nase zu entnehmen, und soll innerhalb von 24 Stunden Ergebnisse liefern.

    Die Teilnahme an dem Test ist freiwillig. Es ist damit der erste Landkreis der USA, für den flächendeckend Tests zur Verfügung stehen. „Wir wollen zeigen, was großflächige Tests und strategische Isolation tun können, um die Verbreitung der Infektion zu stoppen“, erklärt Vorstandschefin Mei Mei Hu, deren Firma im Bundesstaat New York ansässig ist. Ähnliche Tests wurden in der italienischen Gemeine Vo durchgeführt. Dort sei die Infektionsrate um 90 Prozent gesenkt worden.

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