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24.06.2019

15:54

Ekrem Imamoglu

Das ist der stärkste Gegner Erdogans

Von: Ozan Demircan

Der neue Bürgermeister von Istanbul hat eine breite Mehrheit überzeugt. Auch, weil er dem Präsidenten die Hand gereicht hat.

Türkei: Das ist der größte Gegner Erdogans Erhan Arik / NarPhotos/laif

Ekrem Imamoglu

Der CHP-Politiker ist Istanbuls neuer Bürgermeister.

Istanbul In der türkischen Politik gilt eine goldene Regel: Mach dich nie mit deinem Gegner gemein, sonst verlierst du deine Glaubwürdigkeit. Doch als Ekrem Imamoglu am Sonntagabend im Istanbuler Stadtteil Beylikdüzü vor Zehntausenden Menschen ans Mikrofon tritt, da weiß er genau, dass er diese Regel brechen wird. Imamoglu, gerade zum neuen Bürgermeister der Stadt gewählt, kündigte an, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, 65, bald besuchen zu wollen.

Imamoglu, der Oppositionspolitiker von der Partei CHP, wolle mit dem Staatspräsidenten von der AKP „in Harmonie zusammenarbeiten“. Noch bevor der neue Bürgermeister offiziell sein Amt angetreten hat, hat er sich mit dieser Aussage bereits auf eine Gratwanderung begeben. Doch Imamoglu weiß, dass er nur so eine Chance haben wird, dem Präsidenten die Stirn bieten zu können.

Zweimal war er mit dieser Strategie bereits erfolgreich. Ende März gewann er die Kommunalwahlen am Bosporus mit hauchdünnem Vorsprung. Das Wahlergebnis wurde auf Druck aus der Regierung allerdings annulliert. Am Sonntag nun gewann Imamoglu erneut – mit deutlich größerem Vorsprung. Der 49-Jährige ist seitdem nicht nur neuer Bürgermeister der türkischen Stadt, die ein Fünftel der Bevölkerung und ein Drittel der Wirtschaftskraft repräsentiert. Er ist auch Hoffnungsträger der Opposition.

Hoffnungsträger für die Zukunft

Der wichtigste Unterschied zu Erdogans früheren Herausforderern aber ist: Imamoglu ist kein Antipol zum türkischen Präsidenten. Der Kommunalpolitiker hat dabei geschickt zwei Umstände kombiniert: den Frust auf die Regierungspartei – sowie die Tatsache, dass sich der Staatspräsident landesweit immer noch in einer ungefährdeten Position befindet.

Imamoglu kritisierte das Staatsoberhaupt im Wahlkampf nie direkt und kündigte doch an, mit der Verschwendung, die dessen Partei angewandt habe, aufzuhören. Das macht Imamoglu wohl zum stärksten Herausforderer, den Erdogan je gehabt hat, und Imamoglu gleichzeitig zu einem Aspiranten, der in der Zukunft das ganze Land anführen könnte.

Imamoglu stammt aus ärmlichen Verhältnissen, anders als die meisten seiner Parteikollegen, die aus elitären säkularen Kreisen kommen. Während des BWL-Studiums sah Imamoglu, wie polarisiert das Land ist. „Ich konnte alle Seiten erkennen und verarbeiten, weil wir sie auch alle in meiner Familie haben“, sagte er einmal in einem Interview.

Er ist wie Erdogan auch in der Schwarzmeer-Region aufgewachsen. Als Imamoglu noch studierte, wurde Erdogan im Jahr 1994 zum Bürgermeister von Istanbul ernannt. Der konservative Politiker galt damals aus Außenseiter, wurde gerade von der säkularen Elite kritisch beäugt.

Imamoglu kennt Erdogans Werdegang und hat daraus gelernt. Er ist keiner, der die türkische Politik umkrempeln und von Grund auf ändern möchte. Das zeigt sich in seinen Worten, künftig mit dem Präsidenten „in Harmonie“ zusammenarbeiten zu wollen. Konkret: Imamoglu hat sich nicht in die Landespolitik eingemischt. Er hat nicht einmal den neuen Flughafen in Istanbul erwähnt, obwohl dieser viel Kritik auf sich gezogen hatte.

Der neue Bürgermeister hat erkannt: Die Bevölkerung, zumindest die in Istanbul, möchte keine Spaltung mehr – und sie will auch nicht unter den ständigen Diskussionen leiden, die das Land so lange gelähmt haben. Hier setzt sich der neue Bürgermeister klar von der polarisierenden Politik des Staatspräsidenten ab – offenbar mit Erfolg.

Trotzdem: Den größten Schub erhielt Imamoglu, als ihm sein erster Wahlsieg aberkannt worden war. Das war auch die Zeit, in der der Politiker rhetorisch zur Höchstform auflief. „Ihr habt den Ruf der Demokratie in der Türkei vor den Augen der ganzen Welt gewahrt“, sagte er da. Imamoglu wird jetzt zeigen müssen, dass er ein alternatives Programm zur AKP anbieten kann. Nur wenn er Lösungen für die großen Probleme des Landes erarbeitet, hat er gute Chancen, Erdogan persönlich herauszufordern.

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