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18.10.2022

18:43

Energie

Die Speicher sind voll: Vor Spanien stauen sich zahlreiche LNG-Tanker

Von: Sandra Louven

LNG-Tanker finden an den europäischen Küsten keinen Hafen zum Entladen. Denn die Speicher sind vor dem Winter nahezu überall gefüllt – und die Schiffe könnten abdrehen.

Dutzende Schiffe ankern aktuell vor den Küsten Europas. Reuters

LNG-Tanker

Dutzende Schiffe ankern aktuell vor den Küsten Europas.

Madrid Dutzende Schiffe mit verflüssigtem Erdgas (LNG) stauen sich aktuell vor der spanischen Küste. Der Grund: Sie finden keine freien Terminals zum Entladen. Wenn der Rückstau nicht bald beseitigt wird, könnten sich diese Schiffe nach alternativen Häfen außerhalb Europas umsehen, um ihre Ladung loszuwerden, warnen Experten.

Mehr als 35 mit LNG beladene Schiffe treiben vor Spanien und im Mittelmeer, wie Händler, Analysten und mit der Situation vertraute Mitarbeiter von LNG-Terminals der Nachrichtenagentur Reuters sagten. Auf der Seite von Marine Traffic, die Schiffsdaten trackt, waren am Dienstag allein im Golf von Cádiz neun LNG-Tanker zu sehen, die dort warteten.

Die Lage ist kurios: Überall in Europa fehlt das Gas, die Preise sind hoch – doch die Tanker warten trotzdem wenige Kilometer von den Küsten entfernt.

Fraglich ist allerdings, wie viele von ihnen tatsächlich spanische Häfen zum Ziel haben. „In unseren Häfen haben die Tanker, die Flüssiggas entladen, vorher entsprechend der Vorschriften einen Slot dafür erhalten“, stellt ein Sprecher des spanischen Gasnetzbetreibers Enagás klar. Laut den von Enagás veröffentlichten Betriebsberichten haben in den vergangenen Monaten in Spanien gerade einmal sechs bis acht Schiffe pro Woche LNG entladen.

Enagás versteigert die Slots in der Regel mehrere Monate im Voraus. Wenn es aktuellen Bedarf gibt, finden neue Versteigerungen statt. Das sei derzeit aber nicht der Fall, weil die Speicher nahezu voll sind, heißt es.

Spaniens Speicher sind voll – und die Industrie hat weniger Bedarf

Europa hat in den vergangenen Wochen seine Gasspeicher fast komplett gefüllt, um sich für den Winter zu wappnen. Im Zuge des Ukrainekriegs hatte Russland seine Gaslieferungen an Europa gestoppt. Die EU-Mitglieder, die über Regasifizierungsanlagen zur Umwandlung von LNG verfügen, haben deshalb verstärkt Flüssiggaslieferungen aus anderen Ländern gekauft und dafür zum Teil horrende Preise bezahlt.

Enagás erklärte am Montagabend in einem Betriebshinweis, dass man möglicherweise LNG-Ladungen zurückweisen müsse. Die spanischen LNG-Lager seien aktuell zu 93 Prozent gefüllt.

Das liege unter anderem daran, dass seit August die Nachfrage der Industrie gesunken ist. Zahlreiche spanische Fabriken hatten wegen des hohen Gaspreises ihre Produktion runtergefahren oder gekürzt.

Die hohen Füllstände der spanischen Speicher würden mindestens noch bis zur ersten Novemberwoche anhalten, heißt es in dem Hinweis. „Es kommt aber nur ganz punktuell zu Verspätungen“, stellt der Konzern auf Anfrage klar.

Die Speicher sind auch außerhalb Spaniens voll, und durch das aktuell milde Wetter sinken die Speicherstände vorerst kaum. LNG-Schiffe harren nicht nur vor Spanien, sondern auch in der Nähe anderer europäischer Länder wie Großbritannien aus oder kreisen im Mittelmeer.

Möglicherweise liege das auch daran, dass einige Schiffe vor Beginn der Heizperiode darauf warten, ihre Ladungen zu einem höheren Preis zu verkaufen, sagte Alex Froley, LNG-Analyst beim Datenanalyseunternehmen ICIS.

Spaniens Gas kommt nicht nach Europa

Spaniens Häfen verfügen über ein Drittel des gesamten LNG-Anlandevolumens in Europa und machen 44 Prozent der LNG-Speicherkapazität aus. Allerdings kann Madrid diese Kapazitäten derzeit fast nur für sich selbst nutzen, weil es keine potente Pipeline gibt, die das Land mit dem Norden Europas verbinden würde.

Deutschland, Spanien und Portugal drängen deshalb auf eine neue Pipeline von Spanien nach Frankreich, damit das Gas von dort Richtung Nordeuropa transportiert werden kann. Doch bislang weigert sich Paris.

Deutschland besitzt keinen eigenen LNG-Terminal. Im kommenden Winter sollen zwei schwimmende LNG-Anlagen in Wilhelmshaven und Brunsbüttel einsatzbereit sein, um Importe von Flüssiggas ins deutsche Gasnetz einzuspeisen. Zusammen haben sie eine Kapazität von jährlich bis zu 12,5 Milliarden Kubikmeter. In Stade und Lubmin könnten zwei weitere dieser Anlagen zum Einsatz kommen, die wie auch die ersten später durch feste LNG-Terminals ersetzt werden könnten.

Mit Agenturmaterial.

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