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24.10.2022

10:42

Energiekrise

Alternative zu Russland? Eine Pipeline durchs Mittelmeer könnte neues Erdgas nach Europa bringen

Von: Gerd Höhler

Eastmed statt Nordstream: Eine Pipeline soll zunächst Erdgas und später Wasserstoff aus dem Nahen Osten nach Europa bringen. Doch ein Land stellt sich noch quer.

Eine neue Pipeline soll Europas Energiesicherheit stützen. Reuters

Pipeline in Griechenland

Eine neue Pipeline soll Europas Energiesicherheit stützen.

Athen Totgesagte leben länger – das zumindest hofft Alexandra Sdoukou für die geplante Pipeline Eastmed. „Das Projekt ergibt jetzt wirtschaftlich und politisch mehr Sinn als je zuvor“, sagte die Generalsekretärin im griechischen Ministerium für Umwelt und Energie. Eastmed könnte Europa helfen, Lieferungen des Kremlkonzerns Gazprom durch Erdgas aus dem Mittelmeer zu ersetzen.

„Das östliche Mittelmeer leistet schon jetzt einen bedeutenden Beitrag zur Energiesicherheit Europas“, erklärte Sdoukou dem Handelsblatt. Ägypten sei in diesem Jahr bereits Europas sechstgrößter Flüssiggaslieferant, die jüngsten Gasfunde in den Wirtschaftszonen Israels und Zyperns unterstrichen das Potenzial der Region.

Diskutiert wird das Pipelineprojekt schon seit Anfang der 2000er-Jahre, als Israel vor seiner Küste mit der Gasförderung begann. Lange gab es Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Vorhabens. Der Bau soll sieben Milliarden Euro kosten. Auch der Streit über die Abgrenzung der Wirtschaftszonen im östlichen Mittelmeer bremste die Pläne. Aber die gestiegenen Gaspreise, die Versorgungsengpässe in Europa und die Bemühungen der EU, sich vom Lieferanten Russland abzunabeln, lassen das Projekt in einem neuen Licht erscheinen.

Eastmed-Pipeline: Erdgas aus dem Mittelmeer für Europa

Eastmed soll Erdgas aus dem östlichen Mittelmeer über eine Distanz von 1900 Kilometern quer durch das Mittelmeer über Zypern, Kreta und das griechische Festland nach Italien bringen. Damit könnten Länder wie Israel, Libanon, Ägypten und Zypern Gas aus ihren Fördergebieten direkt ins europäische Netz einspeisen. Über Griechenland sollen die Balkanregion und Osteuropa, von Italien aus Nordwesteuropa versorgt werden.

Projektentwickler ist das Konsortium IGI Poseidon. Ihm gehören zu gleichen Teilen der griechische Gasversorger Depa und der italienische Energiekonzern Edison an. Die Pipeline soll technisch so ausgelegt sein, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt auch grünen Wasserstoff aus dem Nahen Osten nach Europa transportieren könnte. „Langfristig könnte die Eastmed-Pipeline zum Rückgrat der Wasserstoffversorgung für die EU werden“, glaubt Ministerin Sdoukou.

Reserven könnten Deutschland für 60 Jahre mit Gas versorgen

Zyperns Energieministerin Natasa Pilides beziffert die bisher nachgewiesenen Erdgasvorkommen der Region auf 2200 Milliarden Kubikmeter. Nach einer Studie des US Geological Survey werden allein im Nildelta unentdeckte Gasreserven von weiteren 6320 Milliarden Kubikmetern vermutet. Das würde reichen, Deutschland über 60 Jahre mit Gas zu versorgen.

Die Pipeline gilt unter anderem wegen der großen Wassertiefe von bis zu 3000 Metern als teuer und technisch anspruchsvoll. 2013 nahm die EU-Kommission Eastmed in die Liste der förderungswürdigen Projekte von gemeinsamem Interesse (PCI) auf. Brüssel unterstützte Vorstudien mit Zuschüssen von 34,5 Millionen Euro. 2020 unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs Griechenlands, Israels und Zyperns in Athen ein Regierungsabkommen über den Bau der Pipeline.

Zwei Jahre später kam ein Rückschlag: Anfang 2022 entzogen die USA dem Projekt ihre politische Unterstützung. Die Pipeline sei unwirtschaftlich und klimapolitisch nicht vertretbar, erklärte das State Department in einem Non-Paper.

Auch ohne die Pipeline könnte Gas aus dem östlichen Mittelmeer nach Europa kommen. Im Juni unterzeichnete EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen in Kairo ein Abkommen mit Ägypten und Israel. Es sieht vor, israelisches Erdgas durch Pipelines zu den beiden bestehenden Verflüssigungsanlagen in Ägypten zu pumpen und von dort als Flüssigerdgas (LNG) in Tankern nach Europa zu transportieren.

Eine andere Möglichkeit wäre, das Gas aus dem östlichen Mittelmeer zur türkischen Küste zu pumpen und von dort über bestehende Pipelines nach Europa zu leiten. Diese Lösung favorisiert die türkische Regierung. Sie will damit die Rolle des Landes als Energie-Drehscheibe für Europa stärken.

Erdogan wehrt sich gegen die Gas-Pipeline

Ankara hat deshalb bereits Einspruch gegen die geplante Eastmed-Pipeline angemeldet. Sie soll durch ein Seegebiet führen, das die Türkei und Libyen in einem 2019 geschlossenen Abkommen als eigene Wirtschaftszonen abgesteckt haben. Die EU und die USA betrachten den türkisch-libyschen Vertrag zwar als völkerrechtswidrig. Dennoch könnte Staatschef Recep Tayyip Erdogan versuchen, die Verlegung der Pipeline zu verhindern. Bereits 2020 ließ er im Streit um die Wirtschaftszonen im Mittelmeer seine Kriegsflotte auffahren.

Griechenlands Energieministerin Sdoukou sagte dazu, die Türkei solle „die neue Realität“ zur Kenntnis nehmen, die sich mit Russlands Aggression gegen die Ukraine ergeben hat. Drohungen, anderen Ländern die Gasversorgung abzuschneiden, passten nicht in die Zeit, mahnt Sdoukou.

Der türkische Präsident stellt sich gegen die Eastmed-Pipeline. dpa

Recep Tayyip Erdogan

Der türkische Präsident stellt sich gegen die Eastmed-Pipeline.

Zu dem Problem der regionalen Rivalitäten kommt hinzu, dass die Kapazität der Pipeline relativ gering wäre: Sie soll anfangs zehn Milliarden und im Endausbau 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr transportieren. Zum Vergleich: Durch Nord Stream 1 flossen 2021 fast 60 Milliarden Kubikmeter.

Europa könnte Gas zu niedrigeren Preisen kaufen

Trotzdem gibt es gute Argumente für die Pipeline. „Von allen möglichen Optionen wäre die Eastmed-Pipeline der direkteste Weg, Gas aus dem östlichen Mittelmeer nach Europa zu exportieren“, sagte die israelische Energieberaterin Gina Cohen dem Handelsblatt. Im Vergleich zu dem von der EU geplanten LNG-Transport aus Ägypten sieht sie in Eastmed einen wesentlichen Vorteil für die europäischen Abnehmer: „Das Pipelinegas wäre ausschließlich für Europa bestimmt. Damit würde es möglich, einen Eastmed-Gaspreis als Benchmark für Europa festzusetzen“, sagte Cohen.

In langfristigen Gaslieferverträgen wird oft auf den Kurs am virtuellen Handelspunkt Title Transfer Facility (TTF) Bezug genommen. Durch die Bindung an den TTF-Kurs ist in einigen europäischen Ländern das Gas nun teurer, als es notwendig wäre. Der Gaspreis in Israel und Ägypten sei aber in der Regel niedriger und stabiler als der TTF-Preis, sagte Cohen. Würde Europa Gas aus dieser Region kaufen, könne es das über einen neuen Handelspunkt auf Basis der dortigen Preise tun oder einen neuen Preis festlegen, an dem sich Verträge orientieren

Beteiligung Italiens an Eastmed ist entscheidend

Auch in der jüngst zwischen Israel und Libanon erzielten Einigung über die Abgrenzung der Wirtschaftszonen sieht Cohen einen Impuls für das Pipelineprojekt: „Das bringt weitere Stabilität in die Region, in der es bereits Pipelines und Gastransaktionen zwischen Israel, Jordanien und Ägypten gibt.“ Das erleichtere die politische Einigung und die Finanzierung.

Grafik

Entscheidend ist allerdings eine Beteiligung Italiens als Endpunkt der Pipeline. Die Regierung in Rom machte sich anfangs für das Projekt stark, ging aber später auf Distanz. Als Anfang 2020 die Staats- und Regierungschefs Griechenlands, Zyperns und Israels in Athen die Absichtserklärung zum Bau der Pipeline unterzeichneten, war Italien wegen klimapolitischer Bedenken und regierungsinterner Streitigkeiten nicht dabei.

Unter dem Eindruck des Ukrainekriegs, stark steigender Gaspreise und wachsender Versorgungsengpässe verabschiedete das italienische Parlament zwar im April 2022 mit großer Mehrheit eine Resolution für den Bau der Pipeline. Aber wie die neue Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zu dem Projekt steht, ist noch ungewiss.

Eastmed-Pipeline: Projekt steht vor bürokratischen Hürden

Leonardo Belloni, früherer Manager des Mineralölkonzerns Eni und heutiger Unternehmensberater, hält Eastmed dennoch aus italienischer Sicht für ein „kniffliges Projekt“. Auch wenn eine politische Entscheidung für das Projekt falle, gebe es viele bürokratische Hürden, die Gesetzesänderungen erforderlich machten.

Der CEO des Energiekonzerns Edison, Nicola Monti, sagte schon im Frühjahr, Eastmed verdiene mehr Aufmerksamkeit. Es sei „das einzige echte Diversifikationsprojekt für den europäischen Gasmarkt“. Schon vor den jüngsten Gaspreissteigerungen sei das Vorhaben konkurrenzfähig gewesen, „umso mehr jetzt“.

Das Poseidon-Konsortium forciert derweil das Projekt. „Eastmed ist das am weitesten fortgeschrittene Pipelinevorhaben im Mittelmeerraum“, sagte Poseidon-CEO Fabrizio Mattana. Die Leitung werde „Europa direkt mit den Gasfeldern im östlichen Mittelmeer verbinden und zugleich Möglichkeiten des Zugangs zu künftigen Zentren der Wasserstoffproduktion in der Region eröffnen“, erklärte er.

Im Juni hat die internationale Zertifizierungsgesellschaft DNV nach eingehender Prüfung die Durchführbarkeit des Projekts bestätigt. Bis Ende dieses Jahres werde IGI Poseidon die technischen Studien abschließen, heißt es in Unternehmenskreisen. Dann soll die Investitionsentscheidung fallen. Den Beginn des kommerziellen Betriebs setzt das Konsortium für 2027 an.
Mehr: Gigantisches Gasfeld im Meer – so will Israel Europa aus der Energiekrise helfen

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