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09.07.2022

17:15

Energiekrise

Europa in Gasnot: Was tun andere EU-Staaten, um den steigenden Preisen und Versorgungsrisiken zu begegnen?

Von: Sandra Louven, Gregor Waschinski, Christian Wermke, Jakob Blume

Neben Deutschland bangen auch die anderen EU-Staaten um ihre Energieversorgung. Dabei sind ihre Pläne für den Winter ganz unterschiedlich.

Mit Flüssiggas (LNG) will Frankreich gegen den Versorgungsengpass angehen. Es sind bereits drei Terminals vorhanden. Stephane Mahe

Französisches LNG-Terminal bei Saint-Nazaire

Mit Flüssiggas (LNG) will Frankreich gegen den Versorgungsengpass angehen. Es sind bereits drei Terminals vorhanden.

In der einen oder anderen Form ist die Mehrzahl der europäischen Staaten von Energielieferungen aus Russland abhängig. Entsprechend besorgt blicken nicht nur die Deutschen, sondern auch die Bürger im restlichen Europa auf den kommenden Winter.

Der Grad der Abhängigkeit unterscheidet sich allerdings stark von Land zu Land – ebenso wie die Strategien, mit denen die jeweiligen Regierungen versuchen, russisches Öl und Gas zu ersetzen, den Energieverbrauch zu drosseln und Bürger wie Unternehmen vor allzu großen Kostensteigerungen oder gar Versorgungsengpässen zu bewahren.

Ein Überblick der Handelsblatt-Korrespondentinnen und -Korrespondenten – mit einigen Anregungen für die deutsche Energiepolitik.

Frankreich

In Frankreich ist bereits seit einigen Wochen Realität, was Deutschland noch fürchtet: Die Pipelines, aus denen zuvor Gas aus Russland strömte, sind versiegt. Nach der Drosselung der russischen Lieferungen nach Westeuropa hatte der französische Netzbetreiber GRTGaz Mitte Juni die „Unterbrechung des Gasflusses zwischen Frankreich und Deutschland“ festgestellt.

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    Im Vergleich zur Bundesrepublik ist Frankreich allerdings weniger abhängig von Russland, das zuletzt nur für 17 Prozent der dortigen Gasimporte stand. Der größte Lieferant ist Norwegen, das Gas kommt über eine Pipeline am Nordseegrund direkt im nordfranzösischen Dünkirchen an. Außerdem verfügt Frankreich bereits über drei Terminals, an denen sich per Tanker angeliefertes Flüssiggas (LNG) entladen und ins Leitungsnetz einspeisen lässt.

    Dazu kommt die traditionell starke Atomenergie, die für rund 70 Prozent der französischen Stromerzeugung steht. Allerdings liefern derzeit etwa die Hälfte der 56 Reaktoren des Landes keine Energie.

    Zwölf Reaktoren musste der Energiekonzern EDF vom Netz nehmen, um Rohrleitungen des Notkühlsystems auf Risse zu überprüfen. Der Konzern hatte die Vorsichtsmaßnahme ergriffen, nachdem im Dezember bei älteren Anlagen Hinweise auf Korrosionsschäden entdeckt worden waren.

    Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister rief seine Landsleute auf: „Es gibt keine Alternative zur Enthaltsamkeit beim Energieverbrauch.“ Reuters

    Bruno Le Maire

    Der französische Finanz- und Wirtschaftsminister rief seine Landsleute auf: „Es gibt keine Alternative zur Enthaltsamkeit beim Energieverbrauch.“

    Neben den unvorhergesehenen Abschaltungen stehen gegenwärtig auch mehr Reaktoren als üblich wegen routinemäßiger Wartungen still. Während der Lockdown-Phasen in der Pandemie waren geplante Instandsetzungsarbeiten verschoben worden, nun überschneiden sie sich mit den Korrosionsproblemen.

    Die Kernkraftproduktion dürfte frühestens 2023 wieder Normalniveau erreichen. Die elf Gaskraftwerke des Landes müssen daher bis auf Weiteres am Anschlag laufen – mit Blick auf die Gasversorgung zur Unzeit.

    Die Regierung in Paris schaut entsprechend bang auf die Versorgungssicherheit im kommenden Herbst und Winter. Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire rief seine Landsleute auf: „Es gibt keine Alternative zur Enthaltsamkeit beim Energieverbrauch.“

    Und die Chefs der drei großen französischen Energiekonzerne EDF, Total und Engie mahnten in einem gemeinsamen Appell: „Wir müssen zusammen bei der Energienachfrage aktiv werden und unseren Verbrauch senken, um uns wieder etwas Spielraum zu verschaffen.“

    Die Zeitung „Les Échos“ berichtete über Pläne der Regierung, dem Staat bei einem Energienotstand Sonderrechte zu geben, die selbst für französische Verhältnisse sehr weit reichen. Unter anderem solle der Staat den Betrieb der Gaskraftwerke und die Steuerung der Stromversorgung übernehmen können.

    Die Gaspreise für die Verbraucher hat die Regierung seit vergangenem Herbst gedeckelt und dafür bereits mehr als 20 Milliarden Euro ausgegeben. Nun hat Paris die Maßnahme noch einmal verlängert, zunächst bis Ende des Jahres.

    Spanien

    Anfang Juni hat die EU-Kommission auch Spanien und Portugal erlaubt, den Gaspreis für die Stromerzeugung ein Jahr lang künstlich zu deckeln. Der Preisdeckel wird im Jahresdurchschnitt bei 48,80 Euro pro Megawattstunde (MWh) liegen, ist aber über die Laufzeit gestaffelt: In den ersten sechs Monaten beträgt er 40 Euro pro MWh und steigt dann jeden Monat um fünf Euro an, bis er im letzten Monat der Deckelung 70 Euro pro MWh erreichen wird.

    Gerade in Spanien waren die Verbraucher besonders stark von den steigenden Gaspreisen betroffen, da 37 Prozent der Haushalte einen regulierten Stromtarif haben, dessen Preis direkt an den Spotmarkt gebunden ist. Sie spüren Preisausschläge deshalb sofort.

    In Spanien waren die Verbraucher besonders stark von den steigenden Gaspreisen betroffen. AP

    Größte LNG-Anlage Europas in Barcelona

    In Spanien waren die Verbraucher besonders stark von den steigenden Gaspreisen betroffen.

    Je höher der reale Gaspreis steigt, desto geringer fällt trotz des Preisdeckels allerdings die Ersparnis für Verbraucher und Unternehmen aus. Der Grund liegt in der Finanzierung: Damit die Energieversorger keine Verluste machen, erstattet der Staat ihnen die Differenz zwischen Preisdeckel und realem Gaspreis.

    Das Geld dafür holt Madrid sich unter anderem von den Verbrauchern im regulierten Tarif. Rund 20 Prozent der spanischen Stromproduktion basiert auf Erdgas. Die EU-Kommission schätzt die Kosten des Gaspreisdeckels auf 8,4 Milliarden Euro im gesamten Jahr, davon entfallen 6,3 Milliarden auf Spanien und der Rest auf Portugal. 

    Die erste Bilanz nach zwei Wochen: Der Strompreis lag bei 147 Euro pro Megawattstunde – nach Angaben der spanischen Regierung 47 Prozent niedriger, als es ohne Preisdeckel der Fall gewesen wäre. Durch die Umlage der Kosten lag die Ersparnis im regulierten Tarif aber nur bei 14 Prozent.

    Spanien hat zudem Steuern, Abgaben und Gebühren auf Strom gesenkt und einkommensschwachen Haushalten einen Strompreis-Rabatt gewährt. Alle Maßnahmen zusammen hätten im regulierten Tarif für Einsparungen von fast 30 Prozent im Vergleich zu einem Preis ohne Maßnahmen gesorgt, so die Regierung.

    Darüber hinaus greift Spanien auch einen Teil der Extragewinne ab, die Energiekonzerne durch den hohen Gaspreis erzielen. Betroffen sind vor allem Kern- und Wasserkraftwerke. Seit Oktober hat Spanien damit 350 Millionen Euro eingenommen.

    Portugal

    In Portugal, dessen Energienetze eng mit den spanischen verbunden sind, gilt seit Mitte Juni derselbe Gaspreisdeckel wie im Nachbarland. In Portugal und Spanien hat sich durch den Gaspreisdeckel der Strom- vom Gaspreis entkoppelt und ist in den letzten zwei Juni-Wochen gesunken. In Italien und Frankreich stieg er dagegen parallel zum steigenden Gaspreis.

    Portugal subventioniert zudem seit April energieintensive Unternehmen wie Stahl-, Zement- und Glasproduzenten. Der Staat übernimmt dabei 30 Prozent des Gaspreisanstiegs aus den Jahren 2021 und 2022. Jedes Unternehmen erhält maximal 400.000 Euro, die Regierung stellt insgesamt 160 Millionen Euro für diese Hilfen bereit. Lissabon rechnet damit, dass die Maßnahme rund 160 Millionen Euro kosten wird und rund 3000 Unternehmen zugutekommt.

    Italien

    Die jüngsten Dienstreisen von Italiens Regierungsmitgliedern hatten fast alle die gleiche Mission: unabhängiger von russischem Erdgas zu werden. Premier Mario Draghi und sein Außenminister Luigi di Maio schlossen Abkommen mit Algerien, Katar und Israel, mit Aserbaidschan, Angola und der Republik Kongo.

    Vor einem Jahr noch deckten die Importe aus Russland gut 35 Prozent des italienischen Gasbedarfs ab. Im ersten Quartal dieses Jahres lag dieser Wert nur noch bei 21 Prozent. Das liegt vor allem an den Importen aus Algerien, die schon vor Beginn des Ukrainekriegs stark zugelegt haben.

    Das Drohszenario von Russlands Präsident Wladimir Putin, den Europäern den Gashahn zuzudrehen, sorgt in Rom für ähnlich große Nervosität wie in Berlin. Händeringend ist man auf der Suche nach Alternativen, um durch den nächsten Winter zu kommen.

    In diesem und im kommenden Jahr sollen neun Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich aus Algerien kommen. Die Pipeline dafür gibt es schon, sie führt über Tunesien bis zur Urlaubsinsel Sizilien, war bisher aber nur zur Hälfte ausgelastet.

    Auch die Importe von Flüssiggas (LNG) will man massiv hochschrauben. Erst am Sonntag unterzeichnete der staatliche Gasversorger Eni ein Joint Venture, um gemeinsam mit Katar das Gasfeld „North Field East“ zu erschließen, das größte LNG-Projekt der Welt. Ab 2025 sollen hier jährlich 45 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert und verflüssigt werden. Per Schiff gelangt ein großer Teil davon nach Italien.

    Der Gasversorger Eni hat mit QatarEnergy eine Vereinbarung für das North Field East Project getroffen. Ab 2025 sollen hier jährlich 45 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert werden. Reuters

    Claudio Descalzi, CEO des italienischen Energieunternehmens Eni, und der katarische Staatsminister für Energie und CEO von QatarEnergy, Saad al-Kaa

    Der Gasversorger Eni hat mit QatarEnergy eine Vereinbarung für das North Field East Project getroffen. Ab 2025 sollen hier jährlich 45 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert werden.

    Das Land hat bislang schon drei LNG-Terminals, zwei weitere sollen innerhalb von zwei Jahren hinzukommen. Auch die nationale Gasförderung soll hochgefahren werden. Bislang macht sie nur vier Prozent der benötigten Menge aus, der Import war bislang günstiger als die Förderung vor Ort.

    Obendrein plant Rom den schnelleren Ausbau von erneuerbaren Energien, pro Jahr soll eine Leistung von 20 Gigawatt dazukommen. Bis das Land komplett unabhängig von Moskaus Gas wird, veranschlagt die Regierung aber mindestens 18, eher 24 Monate.

    Daher trifft Italien derzeit Notmaßnahmen, um die nächste Wintersaison zu überstehen. Die Gasspeicher sollen schneller befüllt werden als sonst. Derzeit stehen sie im Schnitt bei 55 Prozent, bis November will Italien auf mindestens 90 Prozent kommen.

    Um das zu schaffen, sollen Unternehmen, die bis Ende des Jahres ihre Speicher auffüllen, staatliche Bürgschaften erhalten. So soll verhindert werden, dass die Firmen wegen der stark gestiegenen Gaskosten in Liquiditätsprobleme kommen.

    Gleichzeitig sind auch Entlastungen für Unternehmen vorgesehen, die jetzt langfristige Lieferverträge eingehen. Um weniger Gas für die Verstromung zu nutzen, werden die sechs Kohlekraftwerke, die eigentlich bis 2025 stillgelegt werden sollten, seit Anfang des Jahres stärker ausgelastet.

    Das Land hat bislang schon drei LNG-Terminals, zwei weitere sollen innerhalb von zwei Jahren hinzukommen. Reuters

    LNG-Terminal vor VenedigDas Land hat bislang schon drei LNG-Terminals, zwei weitere sollen innerhalb von zwei Jahren hinzukommen.

    Das Land hat bislang schon drei LNG-Terminals, zwei weitere sollen innerhalb von zwei Jahren hinzukommen.

    Allein der staatliche Versorger Enel soll von Januar bis Mai schon sechs Terawatt Kohlestrom produziert haben – eine Verdoppelung der Leistung im Vergleich zum Vorjahr. Die Diskussion über Laufzeitverlängerungen der Atomkraftwerke wie in Deutschland gibt es hier indes nicht: Italien hat sich schon Ende der Achtziger von der Kernkraft verabschiedet.

    Obendrein gibt es eine staatlich verordnete Energiesparmaßnahme in allen öffentlichen Gebäuden: Italiens Beamte (und ihre Kunden) dürfen die Klimaanlage in diesem Sommer maximal auf 25 Grad Celsius stellen, ein Grad höher als sonst. Im Winter dürfen die Heizungen nur noch auf 19 bis 21 Grad Celsius gestellt werden (bislang 20 bis 22). Die Regelung gilt seit Mai und vorerst bis Ende März kommenden Jahres.

    Schweiz

    In der Schweiz wächst ebenfalls die Nervosität mit Blick auf die Gasversorgungslage – auch wenn das Land kaum von russischen Erdgaslieferungen abhängt. Die Schweiz deckte bislang nur sechs Prozent seiner direkten Energieimporte aus Russland, ausschließlich Erdgas. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Anteil bei über 30 Prozent.

    Alessandro Bee, Ökonom bei der UBS, sagt: „Die Schweiz ist sehr robust gegenüber einem Energieschock, viel robuster als unsere Nachbarn. Aber nicht robust genug“. Die Stromproduktion in der Schweiz ist weitgehend unabhängig von fossilen Energieträgern. Knapp 60 Prozent des Stroms wird aus Wasserkraft produziert, dabei helfen die vielen Berge. Weitere 33 Prozent aus Atomkraft.

    Die Autarkie gilt aber nur über den Jahresverlauf hinweg und auch nur für Strom. So warnt der Präsident von Swissgas, André Dosé, im Gespräch mit der „NZZ“: Die Schweiz sei vor allem im Winter auf Einfuhren von Strom und Gas aus der EU angewiesen. Dosé: „Es kann im nächsten Winter gleichzeitig ein Engpass beim Strom und beim Gas eintreten.“

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    Was der Schweiz hilft: Im Vergleich zur deutschen ist die eidgenössische Industrie längst nicht so stark auf billige Energie angewiesen. Die größte Wertschöpfung entsteht in der Pharmaindustrie, die vergleichsweise wenig Energie benötigt.

    Daher hat der jüngste Energiepreisschock die Produzentenpreise der Industrie bislang nur um drei Prozent erhöht. In Europa stiegen die Produzentenpreise im Schnitt um 15 Prozent.

    Zudem hilft die Geldpolitik der Schweizer Notenbank dabei, die importierte Inflation einzudämmen. Der starke Franken sorgt dafür, dass etwa die in Euro und Dollar notierten Gaspreise nicht voll durchschlagen. Derzeit liegt die Teuerungsrate in der Schweiz unter drei Prozent.

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