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28.03.2022

11:19

Energiekrise

Griechenlands Suche nach Gas und Öl: „Aufmerksamkeit auf Gasvorkommen bei Kreta und im Ionischen Meer richten“

Von: Gerd Höhler

Griechenland will sich frei machen von Energielieferant Russland. Das Interesse konzentriert sich auch auf inländische Seegebiete. Helfen könnte auch Ökostrom aus Ägypten.

Griechenland arbeitet zurzeit massiv daran, mehr Flüssiggas-Terminals auszubauen.

Flüssiggas-Tanker

Griechenland arbeitet zurzeit massiv daran, mehr Flüssiggas-Terminals auszubauen.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine zwingt die griechische Regierung zum Umdenken in der Energiepolitik. Im vergangenen Jahr bezog Griechenland fast die Hälfte seiner Erdgasimporte vom russischen Staatskonzern Gazprom. Bei den griechischen Ölimporten betrug der Anteil Russlands 36 Prozent. Jetzt will Athen die Energieversorgung diversifizieren. Dazu gehört auch die Ausbeutung eigener Öl- und Gasvorkommen.

„Wir glauben an die erneuerbaren Energiequellen, und wir werden deshalb nicht unter dem Boden des Mittelmeeres nach Gas graben“, erklärte der griechische Außenminister Nikos Dendias noch vor knapp einem Jahr bei einem Besuch in Saudi-Arabien einer Reporterin der Zeitung „Arab News“. Ökonomisch mache die Öl- und Gasförderung für Griechenland keinen Sinn, versicherte der Athener Chefdiplomat damals.

Jetzt klingt das anders. „Wir werden unsere Aufmerksamkeit wieder auf die inländischen Gasvorkommen bei Kreta und im Ionischen Meer richten“, kündigte Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis am Mittwoch im griechischen Parlament an. „Wir müssen feststellen, welche Vorkommen es gibt und ob sie wirtschaftlich genutzt werden können“, so der Premier. Einzelheiten werde die Regierung kommende Woche bekannt geben, sagte Mitsotakis.

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    Damit kommt neue Bewegung in die Suche nach Öl und Gas in Griechenland. Das Interesse konzentriert sich auf fünf Seegebiete: „Block 2“ und „Ionio“ westlich und südwestlich der Insel Korfu, „Block 10“ vor der Westküste der Halbinsel Peloponnes und zwei große Gebiete westlich und südwestlich der Insel Kreta. Explorations- und Förderkonzessionen für die Regionen vor Korfu und der Peloponnes haben die Gesellschaften Energean und Hellenic Petroleum.

    Die Gebiete bei Kreta sicherte sich ein Konsortium, dem Total Energies, Exxon Mobil und Hellenic Petroleum angehören. Öl- und Gasvorkommen werden auch östlich von Kreta und in der Ägäis vermutet. Die Gebiete sind aber tabu. Griechenland und die Türkei vereinbarten dort wegen des Streits um die Abgrenzung der Wirtschaftszonen schon 1976 ein Stillhalteabkommen.

    Marktwert von griechischem Kohlenwasserstoff: Über 300 Milliarden Euro

    Die griechische Regierung hatte schon während der Staatsschuldenkrise ab 2014 begonnen, Förderkonzessionen im Westen des Landes, in mehreren Seegebieten des ionischen Meeres und südwestlich von Kreta zu vergeben. Der damalige Regierungschef Antonis Samaras bezifferte gegenüber dem Handelsblatt den Marktwert der nutzbaren griechischen Kohlenwasserstoffvorkommen auf „mehr als 300 Milliarden Euro“. Expertenschätzungen gingen sogar in eine Größenordnung von 465 Milliarden Euro.

    Grafik

    Seismische Untersuchungen aus den Jahren 2017 und 2018 lassen allein vor Kreta auf Erdgasvorkommen von rund 280 Milliarden Kubikmetern schließen. Das wäre das Fünfzigfache des derzeitigen Jahresverbrauchs Griechenlands.

    Die Explorationen kamen aber nur schleppend voran, teils wegen Einsprüchen von Umweltschützern, teils wegen Zweifeln an einer wirtschaftlichen Ausbeutung zu den damaligen Öl- und Gaspreisen, aber auch, weil sich die Politik in den vergangenen Jahren stärker auf erneuerbare Energieträger fokussierte. Einige Konzessionäre zogen sich ganz zurück.

    Jetzt macht die Regierung Druck. Die Bohrungen könnten nach Einschätzung von Marktkennern 2025 oder 2026 beginnen. Bis zum Beginn einer Förderung dürften allerdings erfahrungsgemäß mindestens noch einmal drei bis fünf Jahre vergehen. Wenn die Konzessionäre weiter mit Explorationen zögern, könnte der Staat die Genehmigungen widerrufen und an andere Interessenten vergeben, heißt es in Regierungskreisen.

    Erdgas spielt im griechischen Energiemix eine große Rolle. 540.000 der gut vier Millionen privaten Haushalte heizen mit Gas. In den Wintermonaten kommen rund 50 Prozent des Stroms aus Gaskraftwerken. Griechenland hat seine Abhängigkeit vom Lieferanten Gazprom allerdings schon vor dem Überfall Putins auf die Ukraine deutlich reduziert. Kamen noch im vergangenen Jahr 45,5 Prozent der Gasimporte aus Russland, waren es nach Angaben von Ministerpräsident Mitsotakis im Januar 2022 nur noch 33 Prozent.

    Das Land baut seine Flüssiggas-Terminals aus

    Möglich wurde das, weil Griechenland seine Flüssiggasimporte über das LNG-Terminal Revithousa bei Athen steigerte. Flüssiggas (LNG) macht aktuell 47 Prozent der griechischen Gasimporte aus, davon kommt mehr als die Hälfte aus den USA. Die restlichen 20 Prozent der Gasimporte kommen über die Transanatolische Pipeline (TANAP) aus Aserbaidschan.

    Griechenland baut seine Gas-Infrastruktur jetzt massiv aus. Am LNG-Terminal auf der Insel Revithousa bei Athen wird zusätzlich zu den drei bestehenden Gasspeichern ein dritter, schwimmender Tank gebaut. Damit steigt die Lagerkapazität von 225.000 auf 325.000 Kubikmeter. Weitere LNG-Terminals sind beim nordgriechischen Hafen Alexandroupoli, bei Korinth und bei der Hafenstadt Volos im Bau oder geplant.

    Vor dem nordgriechischen Hafen Kavala soll eine Erdgas-Lagerstätte, die seit den 1980er-Jahren ausgebeutet wurde und inzwischen erschöpft ist, als unterirdischer Gasspeicher mit einem Fassungsvermögen von rund einer Milliarde Kubikmeter genutzt werden. Die Privatisierung läuft derzeit. Voraussichtlich im September dieses Jahres geht der Interconnector Greece-Bulgaria (IGB) in Betrieb.

    Die 182 Kilometer lange Gaspipeline verbindet die Netze Griechenlands und Bulgariens miteinander. Sie kann in beide Richtungen genutzt werden und trägt damit zur Versorgungssicherheit beider Länder bei. Die Kapazität der bereits Ende 2020 in Betrieb genommenen Transadriatischen Pipeline (TAP), die Gas aus Griechenland nach Albanien und Süditalien transportiert, soll in den nächsten vier Jahren auf 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr verdoppelt werden. Mit diesen Projekten stärkt Griechenland seine Rolle als Gas-Knotenpunkt in Südosteuropa.

    Die forcierte Suche nach Kohlenwasserstoffen und der Ausbau der Gas-Infrastruktur sollen aber keine Abkehr von den Klimazielen der Regierung signalisieren, unterstreicht man in Athener Regierungskreisen. Griechenland will bis 2025 aus der Kohleverstromung aussteigen und bis 2030 65 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen decken.

    Premier Mitsotakis erläuterte im Parlament seine Pläne zur Diversifizierung der Energieversorgung: Der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Exploration eigener Gasvorkommen und die internationale Vernetzung der Stromtrassen seien die Säulen des künftigen Energiemixes, sagte der Ministerpräsident. Eine besondere Rolle spielt dabei ein geplantes 1400 Kilometer langes Unterwasserkabel, das Ökostrom aus Ägypten über Zypern nach Griechenland bringen soll. Die Investition wird auf 3,5 Milliarden Euro geschätzt, die Leitung könnte 2026 ans Netz gehen.

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