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01.02.2022

08:46

Energiekrise

Wie Europa mithilfe der USA und Katar die Gaslücke schließen will

Von: Mathias Brüggmann, Moritz Koch, Martin Kölling

Die Exporte des russischen Konzerns Gazproms liegen mehr als 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Nun soll verstärkt auf Flüssiggas von anderen Lieferanten gesetzt werden.

Europa setzt zunehmend auf die Versorgung mit Flüssiggas. In Griechenland soll nun ein zweiter Terminal entstehen. Reuters

Tanker mit Flüssiggas

Europa setzt zunehmend auf die Versorgung mit Flüssiggas. In Griechenland soll nun ein zweiter Terminal entstehen.

Berlin, Brüssel, Tokio Inmitten der Gaskrise in Europa und sinkender Gaslieferungen aus Russland steigt in Europa die Zahl der Flüssiggasterminals: Jetzt gab Griechenland bekannt, in Alexandroupolis eine zweite LNG-Anlandestelle zu bauen.

Die Anlage, die bis Ende 2023 in Betrieb gehen soll, wird mit 167 Millionen Euro staatlichen Subventionen, auch der EU, errichtet. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) unterstützt inzwischen Pläne, „einen oder mehrere“ LNG-Terminals in Deutschland zu bauen, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit am Montag in Berlin.

Damit nehmen die Pläne für eine größere Diversifizierung der europäischen Gasversorgung Fahrt auf. Und verflüssigtes Erdgas, über spezielle Tanker und auf minus 160 Grad heruntergekühlt, spielt dabei eine immer bedeutendere Rolle. Mit mehr als zehn Milliarden Kubikmeter LNG wurde im Januar laut dem Branchenverband Gas Infrastructure Europe ein Lieferrekord aufgestellt.

Einer der Gründe sind die stark gestiegenen Gaspreise in Europa, während sie in Asien fielen. Der Gaspreis in Asien liegt traditionell höher als in Europa, wo durch Pipelines transportiertes Erdgas dominiert. Asien ist deshalb bisher attraktiver für das teurere LNG. Aber auch mit der Rekordlieferung wurden die schon bestehenden europäischen LNG-Terminals bisher nur zu 71 Prozent genutzt – vor allem, da in den Anlagen in Litauen und Polen bisher nur 13 beziehungsweise 21 Prozent der maximal lieferbaren Menge angelandet wurden.

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    Das könnte sich in Kürze ändern: Die Gefahr eines russischen Gasembargos gegen Europa wird in Brüssel äußerst ernst genommen. Um mögliche fatale Folgen abzuwenden, wird zusammen mit den USA ein Notfallplan für die europäische Energieversorgung ausgearbeitet.

    Tägliche Gespräche der EU-Spitzenbeamten mit Washington

    Täglich schalten sich Spitzenbeamte der EU-Kommission über abhörsichere Verbindungen mit den Experten des Nationalen Sicherheitsrats in Washington zusammen. Es gebe, berichten Eingeweihte, quasi eine „Standleitung“ zwischen den engsten Mitarbeitern von Kommissionschefin Ursula von der Leyen und den außenpolitischen Strategen der US-Regierung: zu Amos Hochstein, dem Sonderbeauftragten für Energiesicherheit im Außenministerium, und Jake Sullivan, dem Sicherheitsberater von Präsident Joe Biden.

    Von der Leyen und Biden verkündeten kürzlich in einer gemeinsamen Erklärung: „Die Vereinigten Staaten und die EU arbeiten gemeinsam an einer kontinuierlichen, ausreichenden und rechtzeitigen Versorgung der EU mit Erdgas aus verschiedenen Quellen weltweit, um Versorgungsschocks zu vermeiden, die sich nicht zuletzt durch eine weitere russische Invasion in der Ukraine ergeben könnten.“

    Die USA engagieren sich für die Versorgungssicherheit der EU auch deshalb so stark, weil sie die Abhängigkeit Europas von russischen Energieimporten als Hindernis bei den Verhandlungen mit den Europäern über abschreckende Sanktionsdrohungen gegen Moskau ausgemacht haben. Je abhängiger einzelne EU-Staaten von russischen Erdgaslieferungen sind, desto geringer ist die Bereitschaft, entschlossen auf einen russischen Angriff auf die Ukraine zu reagieren.

    Biden empfing am Montagabend den Emir von Katar, Tamim bin Hamad Al Thani, im Weißen Haus. Katar ist einer der führenden LNG-Exporteure, hat aber langfristige Lieferverträge mit asiatischen Kunden geschlossen. Inwiefern LNG nun nach Europa umgeleitet werden kann, wollten die Staatschefs in Washington besprechen.

    Biden lobte Katar als „guten Freund“ und „zuverlässigen Partner“. Um die Bedeutung der bilateralen Beziehungen weiter zu stärken, wolle er dem Kongress empfehlen, Katar „zu einem wichtigen Nicht-NATO-Verbündeten“ zu ernennen. „Ich denke, das ist längst überfällig“, sagte der Demokrat.

    Japan als einer der größten LNG-Importeure

    Vor allem China, Japan, Südkorea und Taiwan importieren große Mengen LNG. Japan hat als einer der größten Flüssiggaskonsumenten der Welt große Lager angelegt. Nachdem Gasnot Anfang 2021 fast für Stromausfälle gesorgt hatte, haben die Energieversorger die Reserve besonders gut gefüllt. Im November lagerten etwa 70 Prozent mehr als vorgeschrieben in den Tanks. Diese Reserve reicht für 52 Tage.

    Verschärft wird Europas Gaskrise durch deutlich gesunkene russische Erdgaslieferungen: So hatte sich Gazprom verpflichtet, durchschnittlich täglich 109 Millionen Kubikmeter Erdgas durch die Ukraine zu pumpen, hat aber nur 53 Millionen durchgeleitet in der ersten Hälfte des Januars. Von der Ukraine angebotene Zusatz-Transitkapazitäten buchte der staatlich kontrollierte russische Konzern nach Angaben des ukrainischen Pipelinebetreibers GTSU nicht.

    Die durch Polen führende Jamal-Pipeline wird inzwischen gar nicht mehr genutzt. Gazprom hat nach eigenen Angaben bis 15. Januar mit 5,4 Milliarden Kubikmetern 41,1 Prozent weniger als vor einem Jahr in Länder exportiert, die nicht Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind. Das ist das niedrigste Niveau seit 2015. Neuere offizielle Zahlen sind bisher nicht verfügbar. Gazproms Gasförderung ist derweil um 2,1 Prozent gestiegen.

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