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17.11.2022

13:36

Energiekrise

„Wir diskutieren zu viel über Kurzfristiges“: Energiekonzerne fordern langfristige Gasinvestitionen

Von: Gregor Waschinski

Energieunternehmen aus Frankreich und Deutschland sehen großen Investitionsbedarf in das europäische Gasnetz. Bei den LNG-Lieferverträgen fordern sie langfristige Perspektiven.

Weil in Mitteleuropa die Gaskapazitäten fehlen, fordern die Unternehmen einen schnellen Ausbau. dpa

LNG-Terminal in Brunsbüttel

Weil in Mitteleuropa die Gaskapazitäten fehlen, fordern die Unternehmen einen schnellen Ausbau.

Paris Energiekonzerne aus Deutschland und Frankreich fordern massive Investitionen in die europäische Gasinfrastruktur. Spitzenmanager aus beiden Ländern verlangten beim French-German Business Forum des Handelsblatts und der französischen Wirtschaftszeitung „Les Échos“ in Paris außerdem langfristige Lieferverträge für Flüssiggas (LNG). Ohne sie sei eine bezahlbare Energieversorgung in Europa nicht zu sichern.

„Wir diskutieren zu viel darüber, wie wir kurzfristig die Preise unter Kontrolle kriegen“, sagte RWE-Chef Markus Krebber. Die Debatte auf europäischer Ebene müsse sich aber eher um eine langfristige Lösung drehen.

„Am Ende kommen wir aus dieser Krise nur heraus durch langfristige, massive Investitionen in die Energieversorgung“, sagte Krebber. Das gelte sowohl für Gas als auch für erneuerbare Energien. Zudem müssten westliche Konzerne mit Lieferländern wie Katar Langfristverträge abschließen, damit überhaupt in Gasförderung und Verflüssigungsanlagen investiert werde.

Aus der Bundesregierung komme mit Blick auf über 20 oder 25 Jahre laufende Gasverträge oft der Reflex, dass man den Stromsektor bis 2035 und bis 2040 die gesamte Volkswirtschaft dekarbonisiert haben wolle. Die notwendigen Investitionen in den Produktionsländern würden am Ende aber nur getätigt, wenn es Planungssicherheit bei der Nachfrage in Europa gebe.

Im Klartext: Wenn sich in Europa niemand darauf festlegt, dass auch 2040 noch Gas eingekauft wird, dann entstehen in den Gaslieferländern möglicherweise nicht genügend Förderanlagen und Umladestationen.

Mittel- und Osteuropa brauchen mehr LNG-Kapazitäten

Auch der Chef des französischen Gasnetzbetreibers GRTGaz, Thierry Trouvé, forderte eine „sehr viel langfristigere Vision bei den Verträgen, um Stabilität zu bekommen“. Stéphane Michel, der im Vorstand des französischen Energieriesen Total Energies für Gas, Erneuerbare und Strom zuständig ist, sagte: „Die Erhöhung der LNG-Importe ist eine gemeinsame Verantwortung von Europa.“

Der RWE-Chef sprach sich zusammen mit französischen Unternehmenschefs für mehr langfristige Ziele aus. Bloomberg

Markus Krebber

Der RWE-Chef sprach sich zusammen mit französischen Unternehmenschefs für mehr langfristige Ziele aus.

Total Energies ist an dem schwimmenden LNG-Terminal am Hafen von Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern beteiligt, das Anfang kommenden Jahres den Betrieb aufnehmen soll. Weitere Anlandepunkte für Flüssiggas sind laut Michel der „Schlüssel“, um die Energieversorgung in der EU zu sichern.

RWE-Chef Krebber sagte, dass Europa in diesem Winter zwar „besser dasteht als vermutlich gedacht“. Doch es gebe noch immer einen zweigeteilten europäischen Gasmarkt. Im Westteil mit der iberischen Halbinsel und Frankreich gebe es „keinerlei Volumenrestriktionen, weil man genug LNG-Importkapazitäten hat“. Im mittleren und östlichen Teil mit Deutschland fehle die Infrastruktur, um die russischen Gaslieferungen zu ersetzen.

„Das System ist noch nicht so stabil, dass es weiteren Stress verträgt“, sagte der RWE-Chef. Daher müssen die LNG-Fähigkeiten dringend ausgebaut und auch das Gasleitungsnetz auf einen Fluss von Westen nach Osten ausgerichtet werden. „Dazu brauchen wir vermutlich bis Mitte 2024.“

Die Flussrichtung an der einzigen direkten Gasverbindung zwischen Deutschland und Frankreich wurde vor einem Monat bereits umgekehrt. Seitdem speisen die Franzosen täglich bis zu 100 Gigawattstunden ins deutsche Netz ein. Trouvé sagte, die Gasmenge entspreche ungefähr der Leistung von drei Atomreaktoren.

Der Chef von GRTGaz wies darauf hin, dass Frankreich auch die Flussrichtung nach Belgien umgekehrt habe – und ein Teil dieses Gases über diesen Weg ebenfalls nach Deutschland gelange. In den ersten zehn Monaten 2021 habe Frankreich über die Belgienroute 17 Terawattstunden importiert, im gleichen Zeitraum dieses Jahres 53 Terawattstunden in Richtung Belgien exportiert.

Der Chef der französische Notenbank, François Villeroy de Galhau, forderte beim French-German Business Forum eine bessere Planbarkeit für die europäischen Unternehmen bei den Energiekosten. Mit Blick auf die Debatte in der EU über eine Senkung der Preise sagte er: „Wir brauchen eine schnelle Entscheidung.“

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Der „schlimmste Feind“ der Wirtschaft sei derzeit die Unsicherheit über die Energierechnungen. Zugleich warnte er vor zu umfangreichen Hilfspaketen der EU-Staaten für Unternehmen in der Energiekrise. „Das würde gegen den gemeinsamen Markt und die Nachhaltigkeit unserer öffentlichen Finanzen gehen“, sagte er. „Die Inflation werden wir langfristig nicht mit staatlichen Ausgaben, sondern über die Anpassung der Geldpolitik schlagen.“

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