Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

15.08.2022

20:27

Essay

Ein Jahr Taliban-Herrschaft in Afghanistan: Wo bleibt die feministische Außenpolitik?

Von: Isabelle Wermke

Unsere Autorin ist Deutsch-Afghanin. Ein Jahr nach der Machtübernahme in Kabul sind ihr ihre Privilegien bewusster denn je – denn die Taliban haben Weiblichkeit zum Stigma gemacht.

Aktuelle Proteste wurden von den Taliban mit Warnschüssen aufgelöst. KIANA HAYERI/The New York Times/

Afghanische Frauen protestieren in Kabul

Aktuelle Proteste wurden von den Taliban mit Warnschüssen aufgelöst.

Ich bin Journalistin. Und bei der Ausübung meines Berufes kann ich meine Meinung öffentlich sagen. Ich muss anschließend keine Angst um mein eigenes Leben haben, geschweige denn um das meiner Familie.

Es ist selbstverständlich für mich, allein aus meinem Haus zu gehen, zu sagen, was ich denke und dafür nicht auf offener Straße geschlagen oder verhaftet zu werden.

Auf dem Weg ins Büro begegnen mir zahlreiche andere Frauen. Darunter sind viele, die ebenfalls unterwegs zur Arbeit sind, die zur Uni fahren, mir begegnen Mädchen, die auf dem Weg zur Schule sind. Es ist kaum vorstellbar, dass an unserer Stelle Brüder oder männliche Verwandte unsere Arbeit antreten, die für diese Tätigkeiten nicht ausgebildet sind. Oder dass unser Platz leer bleibt, weil wir Frauen sind.

Spätestens seit dem 15. August 2021 hat mein freies, alltägliches Handeln aber einen bitteren Beigeschmack. Ich schäme mich für mein Privileg, denn es fühlt sich nicht gerecht an. Fast alle Freiheiten, die ich hierzulande als Deutsch-Afghanin, als Journalistin und als Frau auslebe, haben Frauen in Afghanistan spätestens seit einem Jahr nicht mehr.

Seit ihrer Rückkehr an die Macht unterdrücken die Taliban jede abweichende Meinung. Willkürliche Verhaftungen, außergerichtliche Tötungen ehemaliger afghanischer Amtsträger und Angriffe der Terrormiliz Islamischer Staat gegen religiöse Minderheiten haben zugenommen. Auch die wirtschaftliche Not ist größer als zuvor. Fast 95 Prozent der Bevölkerung sind von Hunger bedroht.

Doch niemand wurde so massiv in seinen Freiheiten eingeschränkt und gefährdet wie die Frauen und Mädchen. Denn vor einem Jahr verloren diese ihr Recht auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum und sind permanent von Gewalt bedroht.

Drei Viertel der Journalistinnen in Afghanistan haben ihren Job verloren oder ihn aus Angst vor den Taliban aufgegeben. AP

Die afghanische Nachrichtensprecherin Khatereh Ahmadi stützt ihren Kopf ab

Drei Viertel der Journalistinnen in Afghanistan haben ihren Job verloren oder ihn aus Angst vor den Taliban aufgegeben.

Und dennoch gehen zum Jahrestag der Machtübernahme der Taliban an diesem Montag erneut afghanische Frauen auf die Straßen Kabuls. Mit dem Leitspruch „Arbeit, Brot und Freiheit – für alle Menschen in Afghanistan“ kämpfen sie für ihre Rechte. Doch dass es diese für Frauen kaum noch gibt, mussten Demonstrantinnen bereits am Samstag nach wenigen Minuten aufs Neue erleben. Denn nach kurzer Zeit beendeten die Taliban den Protest mit Luftschüssen und vertrieben die Demonstrantinnen, die sich vor dem Bildungsministerium versammelt hatten.

Einige Frauen, die in nahe gelegene Geschäfte flüchteten, wurden von den Taliban gejagt und mit Gewehren geschlagen. Auch Journalisten, die über die erste Frauendemonstration seit Monaten berichten wollten, wurden nach Angaben eines AFP-Reporters angegriffen.

Wäre ich Journalistin in Afghanistan, dürfte oder könnte ich meinen Beruf nicht mehr ausüben. Laut Daten der Organisation Reporter ohne Grenzen ist die Zahl der Journalistinnen und Journalisten um mehr als die Hälfte auf rund 4750 gesunken.

Schüsse am Tag, Entführungen bei Nacht

Von dem Rückgang in Afghanistan sind Frauen besonders betroffen: Drei Viertel der Journalistinnen haben ihren Job verloren oder ihn aus Angst vor den Taliban aufgegeben. In elf von 34 afghanischen Provinzen arbeiten gar keine Journalistinnen mehr.

Etwa 850.000 der 1,1 Millionen Sekundarschülerinnen Afghanistans werden durch die Taliban von ihrer schulischen Bildung abgehalten. AP

Leerer Klassenraum einer Schule in Kabul

Etwa 850.000 der 1,1 Millionen Sekundarschülerinnen Afghanistans werden durch die Taliban von ihrer schulischen Bildung abgehalten.

Als Afghanistans Hauptstadt Kabul vor einem Jahr fiel, wurden aus Furcht vor Hausdurchsuchungen der Taliban Dokumente wie Akten, Schulunterlagen, Zeugnisse und Verträge verbrannt. Maler wurden herbeigerufen, um Reklamebilder an Geschäften, die Frauen zeigten, rasch mit Farbe zu überstreichen.

Unweigerlich sehe ich mich mit der Frage konfrontiert: Was bleibt, wenn meine Weiblichkeit zum Stigma wird, das es aus dem öffentlichen Leben zu löschen gilt? In meinem Alltag sind meine Menschenrechte zumindest nicht völlig an mein Geschlecht gekoppelt. Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit sowie das Recht auf die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit sind weitgehend garantiert. Meine sozialen und kulturellen Rechte darf ich ausleben.

Auch mit Frauenfeindlichkeit und strukturellen Benachteiligungen hierzulande, wie etwa ungleichen Bildungschancen oder dem Gender-Pay-Gap, bleibt mir die Erkenntnis: Lebte ich in Afghanistan, würde ich aufgrund meiner Weiblichkeit entmenschlicht werden.

Während ich hierzulande als Individuum wahrgenommen werde, werden Frauen in Afghanistan als ein zu unterdrückendes Kollektiv gesehen. Die afghanische Politikerin Nahid Farid bezeichnete die systematische Unterdrückung im Januar als „Gender Apartheid“, also als die wirtschaftliche und soziale Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung.

Die gegenwärtigen Verbote der Taliban werden Generationen afghanischer Frauen ihrer beruflichen Perspektiven berauben. BRYAN DENTON/The New York Times/

Schülerinnen demonstrieren gegen die Schulverbote der Taliban

Die gegenwärtigen Verbote der Taliban werden Generationen afghanischer Frauen ihrer beruflichen Perspektiven berauben.

Szenarien, die wir in Albträumen oder Horrorfilmen erleben, sind zur Lebensrealität afghanischer Frauen geworden. Denn so, wie die Taliban die Proteste in Kabul am Tag mit Schüssen auflösen, entführen sie Frauenrechtsaktivistinnen oft nachts, wenn es dunkel ist.

Die Kabuler Aktivistin Tamana Paryani protestierte gegen die Bestimmungen des Talibanregimes – und zahlte einen hohen Preis für ihren Widerstand. Im Januar veröffentlichte die Studentin ein Video, das zehntausendfach auf sozialen Medien und Nachrichtenplattformen geteilt wurde.

Auf der Handyaufnahme schreit Paryani nachts panisch in die Kamera ihres Handys. „Hilfe! Bitte, die Taliban sind vor meiner Haustür, meine kleinen Schwestern sind zu Hause.“ Auf der anderen Seite der Haustür sind Rufe von Männern zu hören, Forderungen, sie solle die Türe öffnen.

Im Hintergrund schreien Paryanis Schwestern verängstigt um Hilfe, während es an der Haustür rüttelt. Dann bricht die Aufnahme ab. Erst etwa einen Monat später wurden Paryani und weitere entführte Aktivistinnen freigelassen. Inzwischen sind zahlreiche andere Frauen verhaftet worden.

Identität afghanischer Frauen institutionell ausradiert

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beklagte in einem Bericht, dass die Taliban Frauen für „mindere Verstöße gegen diskriminierende Regeln“ verhaften. Der Bericht macht vor allem auf die Misshandlung von Frauen aufmerksam, die sich gegen die Auflagen der Taliban stellen. Frauen, die gegen die Verhältnisse protestieren, würden verschleppt und gefoltert.

Amnesty berichtet sogar vom Verschwinden von Demonstrantinnen. Nicht zuletzt gäbe es einen Anstieg von Zwangsehen. Die Organisation führt dies unter anderem auf die aktuelle humanitäre Krise in Afghanistan sowie fehlende Bildungs- und Berufschancen zurück.

Nicht nur in der Gegenwart werden die Rechte afghanischer Frauen massiv beschnitten. Laut der Organisation Save the Children werden 850.000 der 1,1 Millionen Sekundarschülerinnen Afghanistans von ihrer schulischen Bildung abgehalten.

Mit dem verwehrten Zugang zur Bildung hindern die Taliban junge Frauen daran, später ins Arbeitsleben einzutreten – fortwährend gehen so mehr Ärztinnen, Lehrerinnen und Ingenieurinnen verloren, bis sie irgendwann verschwunden sind. Die gegenwärtigen Verbote der Taliban werden Generationen afghanischer Frauen ihrer beruflichen Perspektiven berauben.

Vor einem Jahr verloren Frauen in Afghanistan ihr Recht auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum. AP

Zwei Afghaninnen protestieren in ihrem Zuhause

Vor einem Jahr verloren Frauen in Afghanistan ihr Recht auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum.

Mir macht das erneut deutlich, wie angsteinflößend und bedrohlich eine gebildete Frau für patriarchalisch-motivierte Gewalt und Kriegsführung ist. Diese Bedrohung auszuschalten ist für die Taliban weitaus wichtiger als die Verlockung, das wirtschaftliche Potenzial berufstätiger Frauen auszuschöpfen.

Die Lage am Hindukusch zeigt, was fortwährende Ignoranz anrichten kann. Die Identität einer selbstbestimmten Frau wird in Afghanistan institutionell ausradiert. Und daran ändern auch die internationalen Frauenrechte für den Westen nichts: Nachdem sich internationale Truppen jahrzehntelang als Befreier von unterdrückten Afghaninnen inszeniert hatten und diese sich selbst den Weg in Schulen, Universitäten und die politische Mitbestimmung erkämpft hatten, wurden sie nun ohne Unterstützung ihrem Schicksal überlassen.

Als Deutsch-Afghanin ist mir bewusst, dass mein deutscher Teil auch vor Ort Privilegien hätte, da es die afghanische Frau ist, die ihrer Würde beraubt wird. Dieser privilegierte Teil fühlt sich schuldig, kann jedoch sein Privileg nutzen, um auf die Verantwortung zu verweisen, die wir tragen: Die aktuell gefährdeten Frauenrechtsaktivistinnen, deren Familien und andere schutzbedürftige Gruppen müssen schnellstmöglich evakuiert werden.

Die Wirtschaftsjournalistin Isabelle Wermke ist Deutsch-Afghanin.

Die Autorin

Die Wirtschaftsjournalistin Isabelle Wermke ist Deutsch-Afghanin.

Statt mit den Taliban zu verhandeln, muss die internationale Gemeinschaft die Frauen dort stärken. Der deutsche Frauenrat fordert: „Die Bundesregierung muss zudem sicherstellen, dass bestehende Nothilfen, Strukturaufbau- und Bildungsprojekte dauerhaft ausgeweitet und so gestaltet werden, dass sie Afghaninnen wirklich erreichen.“

Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan warte ich noch immer auf die feministische Außenpolitik, die die Bundesregierung in dieser Zeit mehrfach versprach. Verglichen mit den Frauen in Afghanistan, die währenddessen weiterhin um ihr Leben fürchten müssen, ist meine Warteposition allerdings in gewaltigem Maße privilegiert.
Mehr: Ein Jahr nach der Machtübernahme: Taliban haben Afghanistan zum „traurigsten Land der Erde“ gemacht

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×