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09.10.2018

17:35 Uhr

Die Fischer versprechen sich vom EU-Austritt gelockerte Regeln. Reuters

Demo von Brexit-Hardlinern

Die Fischer versprechen sich vom EU-Austritt gelockerte Regeln.

EU-Austritt

Drohendes Brexit-Desaster – Deutsche Wirtschaft warnt vor Milliardenbelastungen

VonDonata Riedel

Der BDI blickt mit Sorge auf die Brexit-Verhandlungen. Mittlerweile wird ein Scheitern befürchtet. Hunderttausende Arbeitnehmer sind bedroht.

BerlinDie deutsche Industrie schlägt laut wie nie zuvor Brexit-Alarm. „Wenn es zur Trennung des Vereinigten Königreichs von der EU ohne Austritts- und Übergangsabkommen käme, wäre dies ein Desaster“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang in Berlin.

Denn: Es gebe viele Produkte, die im Produktionsprozess viele Male über den Kanal hin- und hergehen. „Dies hat sich in Jahrzehnten des gemeinsamen Binnenmarktes aus betriebswirtschaftlicher Logik ergeben“, betonte er. Zehntausende von Unternehmen und Hunderttausende von Arbeitnehmern in Großbritannien und in der EU würde dieses Worst-Case-Szenario in größte Schwierigkeiten bringen, so Lang.

Hintergrund der wachsenden Panik in der Wirtschaft ist der Verlauf des Salzburger EU-Gipfels vom 20. September, der keinerlei Annäherung zwischen Großbritanniens Premierministerin Theresa May und ihren europäischen Kollegen gebracht hatte.

Der BDI fürchtet nun, dass der Frust auf beiden Seiten des Ärmelkanals zum trotzigen Sich-Abfinden mit dem No-Deal-Szenario führen könnte. Den EU-Gipfel kommende Woche sieht die Industrie als fast letzte Chance auf Annäherung: Sollte er enden wie Salzburg, dann bliebe den Firmen nichts anderes übrig, als ihr Großbritannien-Geschäft so weit wie möglich abzuwickeln.

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Das Desaster würde allerdings die Briten am härtesten treffen. Zum Beispiel werden fast alle Lebensmittelimporte der Briten über Belgien auf die Insel gebracht. 51 Prozent der britischen Importe stammen aus der EU. 48 Prozent der britischen Exporte gehen nach Kontinentaleuropa.

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2500 deutsche Firmen sind mit Niederlassungen auf der Insel aktiv, sie beschäftigen 400.000 Mitarbeiter. In Deutschland sind nach BDI-Schätzung direkt 50.000 Arbeitsplätze vom Geschäft mit dem Vereinigten Königreich abhängig.

Die wechselseitigen Abhängigkeiten sind laut BDI groß genug, um bei einem harten Brexit auch in den EU-27-Staaten das Wirtschaftswachstum zu bremsen. „Der Außenhandel würde dann bereits ab der Jahreswende und mit Sicherheit ab April immens beeinträchtigt“, sagte Lang.

Das wiederum würde das Wirtschaftswachstum dämpfen, vor allem in Großbritannien, aber auch im Exportland Deutschland. Die deutschen Konjunkturforschungsinstitute stützten in ihrer jüngsten Gemeinschaftsdiagnose ihre Wachstumserwartung von 1,7 Prozent für 2018 und 1,9 Prozent für 2019 auf die Erwartung, dass ein geordneter Brexit gelingt.

Fabriken werden stillgelegt

Es gibt bisher erst eine ökonomische Folgenanalyse des No-Deal-Szenarios. Sie stammt aus der Feder des Ifo-Direktors Gabriel Felbermayr im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums: Großbritannien würde demnach 1,73 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) verlieren – und damit in die Rezession rutschen.

Deutschland bekäme einen Dämpfer in der Größenordnung von 0,23 Prozent des BIP. Gäbe es zumindest ein Abkommen nach dem Muster des Handelsvertrags zwischen der EU und Südkorea, würde das britische BIP um 0,6 Prozentpunkte und das deutsche um 0,1 Prozentpunkte sinken.

„Es ist im ureigensten Interesse auch der EU, dass Großbritannien in der Zollunion bleibt“, sagte Felbermayr dem Handelsblatt. „Wenn die Lieferketten auseinanderreißen, hilft das niemandem, auch nicht der EU“, sagte er. Anders als der BDI und die Mehrheit seiner deutschen Kollegen ruft der Ökonom die EU-Regierungen zum Tabubruch auf: „Die Personenfreizügigkeit sollte kein unverhandelbares Dogma bleiben“, so Felbermayr.

Für den BDI kommt dagegen eine Trennung der vier Freiheiten des EU-Binnenmarkts – für Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital – nach wie vor nicht infrage. Der Zusammenhalt der EU-27 habe oberste Priorität: Denn 52 Prozent aller deutschen Exporte gehen in die kontinental-europäischen EU-Staaten. „Das ist unser Heimatmarkt“, so Lang.

Nur sieben Prozent der deutschen Exporte gingen 2016 nach Großbritannien. Inzwischen sei es weniger, so Lang.

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Lang zeigte Verständnis dafür, dass Barnier den Chequers-Plan der britischen Premierministerin abgelehnt hatte, der für Waren, nicht aber für Personen, den Binnenmarkt weitgehend erhalten will. Er mahnte allerdings Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten an. „Um aus der verhandlungspolitischen Sackgasse herauszukommen, sollte die Politik jetzt nicht auf all das schauen, was nicht möglich ist. Sondern dort weitermachen, wo sich Anknüpfungspunkte ergeben“, sagte Lang: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Bei 90 Prozent der Themen habe man sich doch bereits geeinigt, da sollten die übrigen zehn Prozent möglich sein, appellierte er an die Regierungen.

Das Schreckensszenario des BDI: Transportwege werden unterbrochen. Viele Fabriken deutscher Konzerne in Großbritannien, die von Zulieferungen aus Kontinentaleuropa abhängen, würden erst einmal stillgelegt. Jede Just-in-time-Produktion würde wegen umständlicher Zollkontrollen stocken. „Selbst wenn es eine Null-Zoll-Einigung gäbe, wäre die Lage schlechter als heute, denn zeitraubende Kontrollen gäbe es trotzdem“, sagte Lang.

Nach einer neuen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kämen milliardenschwere Zollkosten auf die Unternehmen zu, wenn im Handel mit Großbritannien plötzlich nur noch die Regeln der Welthandelsorganisation WTO gelten würden: Zehn Milliarden Euro müssten EU-Firmen aufwenden, auf deutsche Unternehmen entfielen davon drei Milliarden. Fünf Milliarden müssten britische Firmen zahlen. Das IW erwartet, dass der Handel mit der Insel sich in kurzer Zeit halbieren dürfte.

Neue Routen für Handelsschiffe

International tätige deutsche Konzerne verharren allerdings nicht in Schockstarre vor solchen Szenarien. Sie haben längst begonnen, ihre Lieferketten so umzubauen, dass möglichst wenig künftig über Großbritannien läuft. Die Chemieindustrie habe dies bereits 100 Millionen Euro gekostet; Geld, das die Firmen sicherlich lieber anders eingesetzt hätten, so Lang.

Logistik, Auto, Luftfahrt, Pharmazie und Chemie sind die Branchen, die besonders vom Brexit betroffen wären. Allein Airbus hat 15.000 Beschäftigte auf der Insel.

Bisher etwa sei es üblich, dass viele Güter aus Übersee zunächst in irgendeinem EU-Hafen und so auch in Großbritannien landeten. Erst dann werde geprüft, welcher Teil der Ladung im Land des Ankunftshafens bleibt und welcher in andere EU-Staaten verteilt wird. Dies müsste nun aufwendig neu organisiert werden, sagte Lang.

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Der BDI verlangt, dass der EU-Gipfel kommende Woche endlich eine Übergangsfrist bis zum Jahresende 2020 festzurrt. Erst sie würde es ermöglichen, dass sich die Unternehmen auf die vielfältigen Änderungen einstellen können. Vor allem sei es wichtig, eine „praktische Lösung“ für die irische Insel zu finden, die Handel zwischen dem britischen Nordirland und der irischen Republik weiter ermöglicht. Wie diese aussehen könnte, müssten die Briten vorschlagen.

Lang mahnte vor allem May: Die Vorstellung, dass Großbritannien wirtschaftlich besser dastünde, wenn es künftig ohne die EU Freihandelsabkommen mit anderen Staaten schließen könnte, sei eine Illusion: „Die EU wird auf absehbare Zeit der wichtigste Handelspartner bleiben und umgekehrt Großbritannien der wichtigste Drittstaat für die EU.“

May solle beginnen, stärker wirtschaftspolitisch zu denken: Bereits im ersten Halbjahr 2018 sei die britische Wirtschaft nur um 1,1 Prozent gewachsen – das sei die zweitschlechteste Wachstumsrate in der EU.

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