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12.09.2019

16:30

EU-Kommission

Wie Ursula von der Leyen die EU-Kommission befrieden will

Von: Ruth Berschens

Mit der Deutschen hält ein rationaler Führungsstil Einzug in die EU-Kommission. Die künftige Präsidentin will nichts dem Zufall überlassen.

Das Leitmotiv der künftigen EU-Kommissionspräsidentin ist die Perfektion. dpa

Ursula von der Leyen bei der Vorstellung ihres Teams

Das Leitmotiv der künftigen EU-Kommissionspräsidentin ist die Perfektion.

Brüssel Die Einladung kam prompt. Die neuen EU-Kommissare waren kaum vorgestellt, da erhielten sie bereits Post von der Chefin. Noch am Dienstag bestellte Ursula von der Leyen ihr Team zu einem zweitägigen Einführungsseminar. Per Reisebus ging es am Mittwoch von Brüssel in das Fünf-Sterne-Hotel „Château du Lac“ im Örtchen Genval südöstlich von Brüssel.

Dort schwor die künftige EU-Kommissionspräsidentin ihre Mannschaft auf ihre politischen Leitlinien ein. Ein Vortrag über „Kollegialität, Unabhängigkeit und Ethik“ war laut Einladungsschreiben ebenfalls vorgesehen – und ein „Spaziergang rund um den See“. Dabei sollte das erste „Familienfoto“ der neuen EU-Kommission entstehen. Sogar ein Hinweis auf die Kleidung fehlte nicht: „Der Dresscode ist casual.“

Von der Leyen überlässt nichts dem Zufall, seitdem die EU-Regierungschefs sie im Juli überraschend zur neuen Kommissionspräsidentin nominiert haben. Perfektion ist ihr Leitmotiv. Ohne einen einzigen Versprecher trug die 61-Jährige ihre Bewerbungsrede im Europaparlament vor – abwechselnd auf Englisch, Deutsch und Französisch. Die Ressorts in der Kommission balancierte sie sorgfältig aus. Zwischen Männern und Frauen, den großen Parteien, sowie zwischen Osten, Westen, Norden und Süden des Kontinents.

Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberale bekamen jeweils einen der mächtigen Vizepräsidenten-Posten mit exekutiven Befugnissen. Den Osteuropäern kam von der Leyen entgegen – mit dem Ressort Rechtsstaatlichkeit für Tschechien, den Südeuropäern mit dem Dossier Wirtschaft für Italien.

Alle sollen befriedet werden, keiner sich ausgeschlossen fühlen. Und ein Verdacht soll auf gar keinen Fall aufkommen: dass Deutschland Vorteile daraus ziehen könnte, erstmals seit 60 Jahren wieder den Posten an der Spitze der wichtigsten EU-Institution zu besetzen.

Einmischung ist unerwünscht

Mit ihrem Vorgänger Jean-Claude Juncker verbindet von der Leyen immerhin zweierlei: Beide sind Christdemokraten. Und beide glauben fest daran, dass die EU weiter zusammenwachsen muss, um im Wettbewerb der Weltmächte zu überleben. Doch davon abgesehen, könnten die Gegensätze zwischen dem Noch-Amtsinhaber und seiner Nachfolgerin kaum größer sein. Juncker, der Katholik aus Luxemburg, ist kein Kostverächter; und das bereitete ihm einige Probleme in der Öffentlichkeit.

Der Kettenraucher litt seine ganze Amtszeit hindurch unter dem Image, öfter mal ein Glas Wein zu viel zu trinken. Dagegen wird von der Leyen, der Protestantin aus Hannover, Askese bis zur Selbstaufgabe nachgesagt. „Sie trinkt nur stilles Wasser und isst abends nur Salat“, spottet ein Parteifreund.

Juncker agierte meist aus dem Bauch heraus, wobei er sich auf ein einmaliges Netzwerk in der internationalen Polit-Elite stützte. Ansonsten verließ er sich auf die Hilfe seines allmächtigen Kabinettschefs Martin Selmayr. Von der Leyen dagegen legt Wert darauf, die Entscheidungsgewalt zu besitzen. Schon kurz nach ihrer Ankunft in Brüssel habe sie sich die Einmischung von Selmayr verbeten, munkeln Insider.

Ursula von der Leyen trinkt nur stilles Wasser und isst abends nur Salat. Ein Parteifreund

Inzwischen hat der deutsche Spitzenbeamte seinen Posten als Generalsekretär der EU-Kommission geräumt. Mit Selmayrs Entlassung erfüllte von der Leyen eine Forderung ihrer Parteifreunde im Europaparlament. Das bedeutet freilich nicht, dass sie es der EVP nun immer recht machen wird. Fiskalpolitisch scheint sie eher Richtung Sozialdemokratie, umweltpolitisch Richtung Grüne zu tendieren.

Literaturliebhaber Juncker regierte die EU mit Wortgewalt und Humor. Bei den für ihn typischen ironischen Anmerkungen ließ er manches Mal alle Vorsicht außer Acht. Massive politische Irritationen waren die Folge. Das Risiko wird seine Nachfolgerin nicht eingehen. Auf den Gefühlsmenschen folgt eine Phase neuer Nüchternheit.

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