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24.09.2019

13:38

Eurasia-Chef im Interview

Ian Bremmer warnt vor weltweiter Rezession: „Wir sind auf eine neue Krise nicht vorbereitet“

Von: Torsten Riecke

Es sei sehr ungewöhnlich, dass die Weltwirtschaft so stark von geopolitischen Risiken beeinträchtigt werde, sagt der Politikberater – und warnt vor den Folgen.

Bremmer ist Präsident der weltweit agierenden Politikberatung Eurasia Group, die er 1998 auch gegründet hat. Getty Images

Ian Bremmer

Bremmer ist Präsident der weltweit agierenden Politikberatung Eurasia Group, die er 1998 auch gegründet hat.

Berlin „Die Welt steckt mitten in einer geopolitischen Rezession, die schnell in eine Rezession der Weltwirtschaft umschlagen kann.“ Zu dieser Einschätzung kommt Ian Bremmer, Chef der internationalen Politikberatung Eurasia-Group, im Gespräch mit dem Handelsblatt.

„Die geopolitische Rezession verschärft sich. Das gilt nicht nur für den Iran-Konflikt und den Handelskrieg zwischen den USA und China. Hinzu kommen neue auch Spannungen zwischen Südkorea und Japan“, warnt der Risikoberater. Es sei sehr ungewöhnlich, dass die Weltwirtschaft so stark von geopolitischen Risiken beeinträchtigt werde.

Die Unternehmen seien sehr besorgt über die Folgen eines harten Brexits, die Auswirkungen des globalen Handelskrieges und den starken Ölpreisanstieg nach den Attacken in Saudi-Arabien. „Wir sind auf eine neue Krise nicht vorbereitet“, konstatiert Bremmer.

Es fehle der gemeinsame Wille, sich dagegen zu stemmen. „Das beginnt schon innerhalb der USA, die politisch tief gespalten sind. Aber auch die Kooperation mit den Verbündeten ist heute viel schwächer. China wird heute als Teil des Problems angesehen und die Russen versuchen, aus den zahlreichen Krisen politisches Kapital zu schlagen.“

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Als Ian Bremmer Anfang des Jahres erstmals von einer „geopolitischen Rezession“ sprach und damit die zahlreichen politischen Krisenherde rund um den Globus meinte, ging es der Weltwirtschaft noch relativ gut. Neun Monate später hat sich die Lage deutlich verschlechtert – wirtschaftlich und politisch.

Die Vollversammlung der Vereinten Nationen ist für Bremmer daher eine perfekte Gelegenheit, um die wachsende Kriegsgefahr zwischen den USA und dem Iran durch ein Treffen auf höchster Ebene zu verringern. „Aber dazu wird es wohl nicht kommen“, sagt der Krisenberater im Handelsblatt-Gespräch.

Herr Bremmer, auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben jetzt den Iran für die Angriffe auf die Ölanlagen in Saudi-Arabien verantwortlich gemacht. Gibt es noch Zweifel?
Nein, ich habe keinen Zweifel. Das heißt nicht, dass es sich um iranische Raketen gehandelt hat. Wir wissen nicht zweifelsfrei, woher die Angriffe kamen. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass ein technologisch so versierter Angriff ohne iranische Unterstützung stattfinden könnte. Zudem würde keine mit dem Iran verbündete Miliz einen solchen Angriff wagen, ohne zuvor die Zustimmung der Revolutionären Garden Teherans einzuholen. Die Fingerabdrücke des Irans sind also deutlich zusehen. 

Wie sollen die USA, wie soll der Westen jetzt reagieren?
Aus iranischer Sicht handelt es sich um eine Reaktion auf den von Saudi-Arabien geführten Krieg im Jemen, den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen, den harten Wirtschaftssanktionen und den jüngsten Cyberattacken auf das iranische Militär. Die Geschichtsbücher in den USA und im Iran werden die aktuelle Konfrontation sehr unterschiedlich darstellen. 

Präsident Trump hat jetzt weitere Wirtschaftssanktionen angekündigt. Gibt es unterhalb einer militärischen Konfrontation dafür noch Spielraum?
Man kann sicher immer noch etwas finden, um den Iranern das Leben zu erschweren. Auf dem G7-Treffen in Biarritz hat Trump mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron noch über einen 15 Milliarden Dollar-Kredit für den Iran gesprochen. Das dürfte erstmal vom Tisch sein. Trumps Reaktion ist aber ein deutliches Signal, dass er eine militärische Konfrontation vermeiden will. Er will mit Teheran verhandeln und wollte den iranischen Präsidenten Ruhani am Rande der UN-Vollversammlung treffen. Dazu wird es wohl nicht kommen.

Vita Ian Bremmer

Der Risikoberater

Bremmer ist Präsident der weltweit agierenden Politikberatung Eurasia Group, die er 1998 auch gegründet hat. Der gelernte Politikwissenschaftler gilt als „Guru“ für geopolitische Risiken und als einer der Ersten, die die Folgen eines Rückzugs der USA aus der Führungsrolle in der Welt analysiert haben. Bremmer lehrt als Professor an der New York University.

Der Autor

Der Amerikaner hat mehrere Bestseller geschrieben. Darunter das Buch „Every Nation for Itself: Winners and Losers in a G-Zero World“ (2012). Sein jüngstes Buch heißt „Us vs. Them“ und beschäftigt sich mit den Schwächen der Globalisierung.

Was bedeutet die politische Patt-Situation in Israel für die brenzlige Lage im Mittlere Osten?
Das dürfte kaum Einfluss auf die Lage haben. Es ist gut möglich, dass die Bemühungen um eine nationale Einheitsregierung in Israel scheitern und es einen dritten Wahlgang geben wird. Selbst wenn Benny Gantz Premierminister werden sollte, ändert sich kaum etwas. Er verfolgt in Fragen der nationalen Sicherheit einen ähnlich harten Kurs wie der jetzige Premier Benjamin Netanjahu.

US-Präsident Trump hat Robert C. O’Brien zu seinem neuen Nationalen Sicherheitsberater berufen. Was bedeutet das für die amerikanische Außenpolitik?
O‘Brien ist kompetent und ein guter Manager. Er ist sicher kein großer Falke und verfügt nicht über das Profil, das seine Vorgänger H.R. McMaster und John Bolton hatten. Am wichtigsten ist vermutlich, dass er einen guten Draht zum US-Außenminister Mike Pompeo hat und dessen Außenpolitik konsolidieren wird.

Was können wir von ihm erwarten?
Er bringt keine politische Agenda mit ins Amt. Trump signalisiert mit dem Rauswurf von Bolton und der Berufung von O’Brien, dass er im Jahr der Präsidentschaftswahlen darauf setzt, die außenpolitischen Krisen nicht militärisch, sondern durch Verhandlungen zu lösen. Ob das gelingt, ist aber keineswegs sicher.

Anfang des Jahres haben sie der Welt angesichts der zahlreichen ungelösten politischen Konflikte eine geopolitische Rezession prophezeit. Stecken wir jetzt mitten drin?
Ja, das kann man sagen. Die geopolitische Rezession verschärft sich. Das gilt nicht nur für den Iran-Konflikt und den Handelskrieg zwischen den USA und China. Die Konfrontation zwischen den Großmächten hat sich auch auf andere Bereiche ausweitet – auf Währungen und Technologie zum Beispiel. Hinzu kommen die neuen Spannungen zwischen Südkorea und Japan. Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei sind seit den Waffenkäufen der Türken von Russland angespannt.

Gibt es dafür einen gemeinsamen Nenner?
Ja, die USA treten nicht mehr als Ordnungsmacht auf und die von Amerika einst aufgebauten Institutionen und Standards zur Lösung von geopolitischen Konflikten haben deshalb an Kraft verloren. Die geopolitische Rezession wird also viel länger dauern und kann schnell in eine Rezession der Weltwirtschaft umschlagen. Eine Mehrheit der amerikanischen Finanzmanager rechnet vor den Wahlen im nächsten Jahr mit einer Rezession in den USA.

Die politischen Konflikte werden zu einem wirtschaftlichen Risiko?
Ja, genau. Es ist sehr ungewöhnlich, dass die Weltwirtschaft so stark von geopolitischen Risiken beeinträchtigt wird. Die Unternehmen sind sehr besorgt über die Folgen eines harten Brexits, die Auswirkungen des globalen Handelskrieges und den starken Ölpreisanstieg nach den Attacken in Saudi-Arabien.

Sind wir im Westen darauf vorbereitet?
Nein, wir sind nicht darauf vorbereitet. Nach der Finanzkrise 2008 gab es eine gemeinsame Kraftanstrengung, sich gegen die wirtschaftlichen Folgen zu stemmen. Damals gab es den ersten G20-Gipfel. Amerika, Europa, Japan und sogar China, alle arbeiteten solidarisch zusammen.

Und heute ist das nicht mehr so?
Nein, es fehlt der gemeinsame Wille. Das beginnt schon innerhalb der USA, die politisch tief gespalten sind. Aber auch die Kooperation mit den Verbündeten ist heute viel schwächer. China wird heute als Teil des Problems angesehen und die Russen versuchen, aus den zahlreichen Krisen politisches Kapital zu schlagen. Die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft gegenüber einer geopolitischen Rezession ist also heute deutlich geringer.

Würde sich das ändern, wenn es wie 2008 zu einem Schock kommt?
Ich befürchte, die Lage würde sich auch nicht ändern, wenn eine globale Krise ausbricht. Trump hat nicht den Wunsch, das Land zu einen. Es dürfte ihm auch sehr schwerfallen, die Verbündeten hinter sich zu versammeln, wie George W. Bush es nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 geschafft hat. Hinzu kommt, dass soziale Medien heute solidarisches Verhalten eher erschweren. Eine Krise würde die Menschen vermutlich mehr auseinander treiben als zusammenzubringen.

China feiert am 1. Oktober den Geburtstag der Volksrepublik vor 70 Jahren. Ist das Regime in Peking angesichts der Proteste in Hongkong so stabil wie es der Welt glauben machen will?
Die Ereignisse in Hongkong haben kaum Einfluss auf das übrige China. Auch deshalb nicht, weil es kaum Informationen darüber gibt. Die meisten Chinesen sind gegen die Proteste in Hongkong und sehen sie als Aktionen einer arroganten Minderheit. Peking versucht die Krise auszusitzen und wird insbesondere einer Untersuchung der Polizeigewalt nicht zustimmen?

Warum nicht?
Weil das Regime in Peking selbst hinter dem harten Vorgehen der Hongkonger Polizei steckt. China wird bei diesem Geduldsspiel am Ende die Oberhand behalten, auch weil die Wirtschaft in Hongkong immer stärker unter den Protesten leidet und Bürger aus der Mittelklasse sich deshalb von den Demonstranten distanzieren werden.

Auf Hilfe aus dem Ausland kann Hongkong nicht hoffen?
Nein, es gibt im Westen zwar eine emotionale Unterstützung. Aber insbesondere die USA werden darüber hinaus nichts unternehmen, um den Demonstranten zu helfen.

Europa steht unter starkem internationalem Druck, mehr Verantwortung zu übernehmen. Was sind die wichtigsten außenpolitischen Hausaufgaben der neuen EU-Kommission?
Ganz oben steht natürlich die Lösung des Brexit-Problems. Dringend erforderlich ist zudem eine gemeinsame Politik gegenüber China. Das betrifft vor allem die Industriepolitik, den Marktzugang und den Einsatz wichtiger Zukunftstechnologien. Voraussetzung dafür ist, dass Europa lernt, sein wirtschaftliches Gewicht auf der Weltbühne auch politisch zu nutzen.

Andere Länder wie die USA sind da weiter und nutzen ihre Wirtschaft als Waffe, um ihre politischen Ziele durchzusetzen. Ist das die Kehrseite einer wirtschaftlich eng vernetzten Welt?
Es ist komplizierter als es scheint. In der globalen Finanzwelt wird sich an der dominierenden Stellung des Dollar sobald nichts ändern. Wenn es um Rohstoffe und Agrarprodukte geht, werden sowohl Angebot wie Nachfrage zunehmend auf einem globalen Markt bedient. Bei Industriegütern sehen wir dagegen in der Tat, dass sich die globalen Lieferketten unter dem Druck von Protektionismus und einer nationalistischen Wirtschaftspolitik etwas ändern. Aber wir stehen hier nicht vor einer plötzlichen Zeitenwende. Am stärksten sind die Veränderungen in der globalen Digitalwirtschaft. Hier sind wir auf dem Weg zu einer totalen Aufspaltung in ein amerikanisches System, eine chinesische Einflussspähre und in Länder, die noch nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen.

Herr Bremmer, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Im August lag das Ifo-Konjunkturbarometer noch auf dem niedrigsten Wert seit 2012 – im September hat sich die Stimmung wieder verbessert. Doch das ist nur ein kurzfristiger Trend.

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Kommentare (1)

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Herr Christian Faust

24.09.2019, 17:11 Uhr

typisch Mensch ...in einer Zeit, wo höchste Zusammenarbeit erforderlich wäre, geschieht das Gegenteil ...das zeigt, dass es noch viel zu viele gibt die vom jetzigen System profitieren...doch das wird sich ändern.

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