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10.11.2022

16:07

Euro-7-Norm

„Technologisch kaum realisierbar“ – Autohersteller protestieren gegen Abgasnorm

Von: Christoph Herwartz

Die EU-Kommission will Vorgaben verschärfen, Autokonzerne aber auch von zu großer Belastung verschonen. Doch die sagen: Die neuen Pläne sind kaum umsetzbar.

Schätzungen zufolge hat die Feinstaub- und Stickoxid-Verschmutzung durch den Straßenverkehr 2018 in den EU-Staaten und Großbritannien etwa 70.000 vorzeitige Todesfälle verursacht. dpa

Autobahn

Schätzungen zufolge hat die Feinstaub- und Stickoxid-Verschmutzung durch den Straßenverkehr 2018 in den EU-Staaten und Großbritannien etwa 70.000 vorzeitige Todesfälle verursacht.

Brüssel Die EU-Kommission hat ihren Vorschlag für eine neue Abgasnorm vorgelegt, die voraussichtlich ab 2025 gelten soll. Sie regelt, wie viele gesundheitsgefährdende Stoffe neu zugelassene Pkw und Lkw ausstoßen dürfen.

Während Umweltschützer den Entwurf als zu schwach kritisieren, sehen sich die Hersteller vor kaum lösbaren Aufgaben. „Die Entwicklung und Genehmigung eines entsprechenden Antriebs bei einer Vorlaufzeit von nur einem Jahr nach erwartetem Abschluss der delegierten Rechtsakte ist schlichtweg nicht realisierbar“, sagte Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilhersteller (VDA) mit Blick auf die Pkw-Grenzwerte. Hintergrund ist, dass die EU-Kommission Detailbestimmungen noch nachreichen will.

Gleichzeitig wird die Wirkung des geplanten Gesetzes angezweifelt. „Der Vorschlag konzentriert sich auf extreme Fahrbedingungen, die kaum einen Bezug zur Realität haben“, sagte BMW-Chef Oliver Zipse, der auch Präsident des europäischen Automobilverbands Acea ist. Hintergrund ist, dass laut Vorschlag viele Grenzwerte zwar gleich bleiben, aber künftig auch zum Beispiel bei sehr niedrigen Temperaturen eingehalten werden müssen. Der Nutzen für die Umwelt sei „sehr begrenzt“, während die Kosten pro Fahrzeug stark anstiegen, so Zipse.

Einen größeren Schritt will die Kommission bei Lkw gehen. Dort sollen die Feinstaubemissionen 39 Prozent niedriger liegen als in der bisher geltenden Euro-6-Norm. Um die dafür notwendige Technik zu entwickeln, müsse man substanziell Ingenieur- und Finanzressourcen von der Entwicklung der Elektroantriebe abziehen, sagte Volvo-Chef Martin Lundstedt, der bei Acea den Nutzfahrzeugbereich verantwortet.

Die EU-Kommission betont dagegen, die Emissionsreduktionen könnten durch existierende Technik erreicht werden. Die Auswirkungen auf die Konsumenten seien gering: Ein Auto verteuere sich um 90 bis 150 Euro. Ein Bus oder Lkw werde rund 2600 Euro teurer. Auch mit Blick auf die „aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Lage“ sei der Vorschlag noch einmal überarbeitet worden, heißt es in den Erwägungsgründen für das Gesetz.

Kommission will auch Vorgaben für den Abrieb von Bremsen und Reifen machen

Die Kommission will künftig auch die Emissionen, sprich den Abrieb von Reifen und Bremsen, regulieren. Auch deswegen wird die neue Regelung eine Bedeutung über das Jahr 2035 hinaus haben. Dann sollen keine neuen Pkw mit Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden dürfen. Ein Kommissionsbeamter wollte nicht ausschließen, dass in Zukunft auch eine Euro-8-Norm vorgeschlagen wird, um die Emissionen von Bremsen und Reifen weiter zu reduzieren.

Als Nächstes wird der Vorschlag nun in das europäische Gesetzgebungsverfahren eingebracht. Das EU-Parlament und die Mitgliedstaaten können in diesem Rahmen Änderungen vornehmen. Politiker von CDU und FDP bemängelten, dass klimafreundlich hergestellte synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) im Text nicht erwähnt werden. Der Grünen-Abgeordnete Michael Bloss warf der Kommission vor, sie sei vor der Auto-Lobby „eingeknickt“.

Wenn die Gesetzgeber keine umfassenden Ergänzungen vornehmen, wird die Abgasnorm zumindest weniger komplex. Der nun vorgelegte Vorschlag hat 99 Seiten. Das geltende Gesetz zur Euro-Norm 6 erstreckt sich über 860 Seiten. Laut einem Kommissionsbeamten können die Autokonzerne mehrere Milliarden Euro durch einfachere bürokratische Anforderungen einsparen.

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