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17.09.2019

16:50

Folgen des Handelsstreits

Chinas Nachbarländer wetteifern um abwandernde Unternehmen

Von: Mathias Peer

Wegen der US-Zölle ziehen viele Unternehmen ihre Produktion aus China ab. Bisher hat davon vor allem Vietnam profitiert. Doch auch andere Länder bringen sich in Stellung.

China: Nachbarländer wetteifern um abwandernde Unternehmen dpa

Chinesischer Hafen

Wegen des Handelsstreits verlagern viele Unternehmen in China ihre Produktion ins Ausland.

Bangkok Der iPhone-Produzent Apple, der Spielekonsolenhersteller Nintendo und der Sportschuhkonzern Brooks haben eine Gemeinsamkeit: Sie alle wollen raus aus China – zumindest mit einem Teil ihrer Produktion. Grund dafür sind die Zölle, mit denen sich die Regierungen in Washington und Peking gegenseitig überziehen. Und weil sich in dem Handelskonflikt keine schnelle Lösung abzeichnet, wächst die Liste der prominenten China-Abwanderer beinahe wöchentlich.

In Chinas Nachbarschaft hat die Verlagerung der Lieferketten nun einen neuen Konkurrenzkampf ausgelöst: Mehrere asiatische Länder wetteifern um die Gunst internationaler Unternehmen und versuchen, sich als neue Standorte ins Spiel zu bringen. Indien, Indonesien und Thailand haben in den vergangenen Wochen milliardenschwere Lockangebote ins Leben gerufen und wollen damit im Wettlauf um die Investorengelder eine Aufholjagd starten.

In Thailand, Südostasiens zweitgrößter Volkswirtschaft, macht die Regierung dabei unmissverständlich klar, wen man für den größten Gegner im Gerangel um die Niederlassungen hält: Vietnam. Dem kommunistisch regierten Staat ist es gelungen, wie kein anderer von den Folgen des amerikanisch-chinesischen Handelskonflikts zu profitieren und eine Fabrik nach der anderen zum Umzug zu bewegen. Doch die anderen Länder der Region wollen der Erfolgsserie der Vietnamesen nicht länger untätig zusehen.

„Wir sind überzeugt davon, dass wir mit den neuen Anreizen wettbewerbsfähiger als Vietnam sein werden“, sagte Kobsak Pootrakool, der im Kabinett von Thailands Premierminister Prayuth Chan-o-cha die Wirtschaftspolitik mitverantwortet. Konkret verspricht die Regierung in Bangkok mit ihrem Anfang des Monats vorgestellten Wirtschaftsförderungspaket eine Halbierung der Unternehmensteuern für fünf Jahre.

Diese Reduktion wird zusätzlich zu anderen Erleichterungen gewährt. Wer beispielsweise in der Sonderwirtschaftszone EEC im Osten des Landes seine Fabrik baut, hat Anspruch auf eine Steuerbefreiung von bis zu 13 Jahren. Voraussetzung für die neuen Vergünstigungen ist, dass bis spätestens Dezember 2021 umgerechnet mindestens 30 Millionen Euro investiert werden.

Grafik

Die thailändischen Behörden machen keinen Hehl daraus, dass sie sich damit gezielt als Handelskriegsprofiteur in Stellung bringen wollen: Man wolle die Entscheidung von Unternehmen, die sich angesichts des Handelsstreits in der Region neu aufstellen, beschleunigen, teilte Kobsak mit.

Die Folgen der Strafzölle seien für viele Unternehmen eine Frage von Leben und Tod, sagte der zuständige Spitzenbeamte im Industrieministerium, Nattapol Rangsitpol. „Geschwindigkeit ist deshalb wichtig. Wir müssen den Unternehmen ermöglichen, ihre Fabriken schnell zu bauen, schnell zu produzieren und die Waren schnell zu verkaufen.“

Dass die Thailänder dabei Nachholbedarf haben, lassen die offiziellen Statistiken erahnen: Zwar stieg das Volumen der geplanten neuen Direktinvestitionen im ersten Halbjahr stark an und zwar auf 4,8 Milliarden Dollar. In Vietnam, dessen Volkswirtschaft nur halb so groß ist wie die thailändische, beliefen sich die Investitionszusagen ausländischer Unternehmen im gleichen Zeitraum jedoch auf mehr als 18 Milliarden Dollar.

Besonders die Elektronikindustrie interessiert sich für einen Einstieg in Vietnam. Der Apple-Zulieferer Goertek, der in China bisher die Produktion der drahtlosen Kopfhörer Airpods verantwortete, investiert 260 Millionen Dollar in eine neue Fabrik in der Nähe von Hanoi.

Der japanische Konzern Sharp stoppte Anfang August sein Vorhaben, LCD-Displays für den US-Markt in China herzustellen. Stattdessen sollen sie nun in einer neuen Fabrik in der Nähe von Ho-Chi-Minh-Stadt gefertigt werden. Auch Nintendo will einen Teil seiner Spielkonsolen künftig in dem Land produzieren. Google hat laut dem japanischen Magazin „Nikkei Asian Review“ damit begonnen, Produktionskapazitäten für sein Smartphone Pixel im Norden Vietnams in einer alten Nokia-Fabrik aufzubauen.

Auch andere Branchen finden in Vietnam eine neue Heimat. Die US-Laufschuhfirma Brooks, die zu Warren Buffetts Konzern Berkshire Hathaway gehört, hatte bereits im Mai angekündigt, 8 000 Jobs von China nach Vietnam zu verlegen. Die Ankündigungen haben Vietnams Nachbarn vor Augen geführt, welche Chancen sich durch den Handelsstreit ergeben.

Schwerer Wettbewerb

Thailand ist nicht der einzige Mitbewerber, der sich nun verstärkt als Alternative zu Vietnam in Szene setzen will. Auch Indonesien hatte sich ursprünglich erhofft, angesichts seines großen Markts von mehr als 260 Millionen Einwohnern ein attraktiver Standort für China-Abwanderer zu sein. Die Hoffnungen erfüllten sich aber bisher kaum. Unternehmen wanderten aus China aus, kämen aber nicht nach Indonesien, weil sich andere Nachbarn offener zeigten, zitieren lokale Medien aus einem Bericht der Weltbank, der kürzlich dem indonesischen Präsidenten Joko Widodo vorgelegt wurde.

Seine Regierung will nun gegensteuern und das Land für Investoren attraktiver machen. Als einen wichtigen Schritt kündigte sie eine Unternehmenssteuerreform an, die die Abgaben von 25 auf 20 Prozent senken soll. Widodo machte das Buhlen um ausländische Unternehmen Anfang September zur Chefsache: „Ich forderte alle Ministerin mit Wirtschaftsbezug dazu auf, Regularien aufzulisten, die Investitionen bremsen oder verhindern“, sagte er bei einer Kabinettssitzung und versprach, sich anschließend um Vereinfachungen kümmern zu wollen.

Im Standortwettbewerb von Asiens Schwellenländern positiv herauszustechen wird aber zunehmend schwerer. Am Wochenende stellte auch Indiens Finanzministerin Nirmala Sitharaman Maßnahmen vor, die Investitionen anziehen und dafür sorgen sollen, dass sich die Wirtschaft des Subkontinents Chinas Exportprobleme zunutze machen kann. Insgesamt will sie Exporte aus Indien mit Steuererleichterungen von sieben Milliarden Dollar pro Jahr anschieben.

Zuvor hatte die indische Regierung bereits angekündigt, Vorschriften für ausländische Direktinvestitionen zu lockern. So beschloss das Kabinett von Premierminister Narendra Modi Ende August, Auftragsfertigern wie dem Apple-Zulieferer Foxconn die Gründung hundertprozentiger Tochterunternehmen in Indien zu erlauben.

Indiens IT-Minister Ravi Shankar Prasad setzte am Montag die Charmeoffensive fort. „Ich will eine starke Präsenz von Apple in Indien“, sagte er nach einem Treffen mit Vertretern von Smartphoneherstellern vor Journalisten. In den kommenden zwei bis drei Monaten wolle er weitere Anreize vorlegen, um Handyhersteller ins Land zu locken.

„Wir bieten gutes Personal und eine investorenfreundliche Politik“, erklärte er. Die indische Regierung geht nach einem Bericht der Zeitung „Times of India“ davon aus, dass Apple und seine Zulieferer rund eine Milliarde Dollar auf dem Subkontinent investieren wollen.

Apple hatte bereits seit mehreren Jahren ältere iPhone-Versionen in der indischen Metropole Bangalore gefertigt. Im April kündigte Foxconn-Chef Terry Gou an, nun auch die neuesten Modelle in Indien zu fertigen. Laut dem zuständigen Minister Prasad beliefern die indischen Apple-Fabrikanten inzwischen nicht mehr nur den heimischen Markt, sondern exportieren auch einzelne Komponenten.

Das Wachstum schwächelt

Von steigenden Direktinvestitionen aus dem Ausland erhofft sich Indiens Regierung auch eine Lösung für ihre konjunkturellen Probleme. Das Wirtschaftswachstum schwächte sich zuletzt auf fünf Prozent ab und liegt damit so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr. Auch Thailand meldete im jüngsten Quartal mit 2,3 Prozent den geringsten Zuwachs der Wirtschaftsleistung seit einem halben Jahrzehnt. Vietnams Wirtschaft legt hingegen weiterhin um rund sieben Prozent zu.

Beobachter zeigen sich skeptisch, ob die neuen Investitionsanreize in den Nachbarländern ausreichen, um die Vietnamesen einzuholen. Siwat Luangsomboon, Ökonom bei der thailändischen Kasikorn-Bank, glaubt, dass vor allem Vietnams niedrige Lohnkosten für Unternehmen attraktiv sind und Steuernachlässe im Vergleich dazu kaum überzeugen können.

Der zuständige thailändische Minister Kobsak hat ebenfalls eine Schwachstelle in seinen Plänen identifiziert: Vietnam ist auch deshalb als Standort attraktiv, weil die Regierung in Hanoi weitreichende Handelsverträge abgeschlossen hat. Vietnam ist Teil der transpazifischen Freihandelszone CPTPP, die unter anderem Japan, Kanada und Mexiko einschließt. Außerdem unterzeichnete das Land Ende Juni ein Handelsabkommen mit der Europäischen Union. Dieses sieht vor, 99 Prozent der gegenseitigen Zölle in den kommenden Jahren komplett zu streichen.

Ein Freihandelsabkommen ist auch zwischen Thailand und den Europäern ein Thema. Aber die Verhandlungen sind noch nicht weit fortgeschritten. Das liegt vor allem daran, dass die Gespräche für fünf Jahre auf Eis lagen, während eine Militärjunta in Bangkok herrschte.

Erst nach den Parlamentswahlen in diesem Jahr kam eine Wiederaufnahme der Gespräche wieder auf die Agenda. Angesichts des Wettbewerbsdrucks scheint die Regierung in Bangkok nun an zügigen Fortschritten interessiert zu sein. „Unsere Steueranreize sind so gut wie ihre“, urteilt Minister Kobsak mit Blick auf die vietnamesische Konkurrenz. „Aber an unseren Handelsabkommen müssen wir noch arbeiten.“

Mehr: Handelsstreit und strukturelle Probleme belasten wichtige Bereiche der chinesischen Wirtschaft. Für Chinas Premier ist das Wachstumsziel „ziemlich schwer“ einzuhalten.

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