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13.11.2021

09:16

Gaspreis

Warum die hohen Energiekosten in Spanien eine Warnung für Europa sind

Von: Sandra Louven

Die Strompreise in Spanien steigen und steigen – und bremsen bereits das Wachstum. Experten warnen, dass diese Entwicklung auch anderen EU-Staaten droht.

Strom & Gas: Energiekosten in Spanien - Eine Warnung für Europa  dpa

Windkraft-Anlage

Derzeit stammen 42 Prozent des Stroms in Spanien aus erneuerbaren Energien.

Madrid Die spanische Regierung hat nicht den Ruf, sich mit Reforminitiativen in der EU auf sich aufmerksam zu machen. Bei der Debatte über den hohen Strompreis aber ist das anders. Spaniens Energiekosten gehören zu den höchsten in Europa, einige Unternehmen haben deshalb bereits ihre Produktion ausgesetzt.

Nun hat sich der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez kürzlich in Brüssel für eine europäische Intervention ausgesprochen – ohne Erfolg. Ob Brüssel am Ende nicht doch reagiert, ist aber nicht ausgemacht. Denn das, was Spanien derzeit erlebt, droht zeitverzögert auch in anderen Ländern, warnen Experten.

Spanische Haushalte spüren hohe Strompreise schneller als andere: 40 Prozent von ihnen haben einen regulierten Stromtarif, der vom Spotmarkt abhängt, also täglich variiert. Seit Monaten sind die steigenden Energiepreise deshalb ein nationaler Aufreger, der die Titelseiten der Zeitungen füllt.

Nach Angaben der Verbraucherschutzorganisation OCU lag die Stromrechnung eines spanischen Haushalts im Oktober bei 101 Euro – 33 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. In Deutschland wie den meisten übrigen Ländern vereinbaren die Stromkunden einen festen Preis für einen vertraglich festgelegten Zeitraum.

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    „Aber auch dort werden die Verbraucher die Preisentwicklung zu spüren bekommen, wenn ihre Verträge verlängert werden – sie merken es nur mit einer zeitlichen Verzögerung“, sagt Natalia Fabra, Energieexpertin an der Universität Carlos III in Madrid. „Spanien nimmt nur vorweg, was dort in den kommenden Monaten zu sehen sein wird.“

    Energiekosten treiben die Inflation auf 5,5 Prozent

    In Spanien haben die steigenden Strompreise bereits dazu geführt, dass die Inflation im Oktober bei 5,5 Prozent lag, deutlich höher als in den anderen großen EU-Ländern. Die Kerninflation dagegen – also die Preissteigerung ohne Energie und Lebensmittel – betrug gerade einmal 1,4 Prozent.

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    Einige Unternehmen haben ihre Produktion wegen der hohen Energiekosten teilweise stillgelegt wie der Stahlhersteller Sidenor oder der Düngemittelhersteller Fertiberia. Die Haushalte geben ihre Ersparnisse aus der Pandemie weniger schnell aus als von Experten erwartet.

    Nach Angaben der Ratingagentur Standard & Poor’s machen die Stromkosten gut acht Prozent ihres verfügbaren Einkommens aus und damit mehr als in Deutschland, wo es 6,4 Prozent sind. Analysten senkten in den vergangenen Wochen ihre Wachstumserwartungen für Spanien.

    Die Stiftung spanischer Sparkassen, Funcas, rechnet statt 6,3 Prozent nun nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 5,1 Prozent für dieses Jahr. Sie nennt die hohen Stromkosten als einen Grund für die Revision.

    Javier Revuelta, Energieexperte beim Beratungsunternehmen Afry erwartet, dass die Inflation noch weiter steigen wird, wenn die spanische Regierung den Strompreis nicht senkt. „Viele Unternehmen haben die höheren Energiekosten noch nicht an ihre Endkunden weitergegeben“, sagt er. „Wenn die Preise weiter so hoch bleiben, werden sie das aber tun. Die Regierung muss deshalb handeln, wenn sie die Inflation begrenzen will.“

    Madrid blitzt in Brüssel mit Vorschlag zur Strompreisreform ab

    Madrid hat seit dem Sommer bereits mehrfach die Steuern auf Strom und Energieerzeugung gesenkt. Doch die Effekte daraus hat der steigende Marktpreis gleich wieder aufgefressen. In Brüssel hat Spanien sich dafür eingesetzt, dass der Energiepreis neu berechnet wird.

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    Bislang gilt in Europa das Prinzip, dass die teuerste Energieform den Marktpreis bestimmt. Derzeit ist das Gas. Die Produzenten anderer Energieformen wie etwa Produzenten von Atom- oder Solarstrom mit niedrigen laufenden Kosten profitieren dadurch derzeit von hohen Gewinnen.

    Bei einem Treffen der europäischen Energieminister Ende Oktober forderte Spanien, die Verbraucher sollten statt des teuersten Preises einen Durchschnitt dessen zahlen, was die Produktion mit verschiedenen Energieträgern kostet. Details des Plans blieb Spanien zwar schuldig. Doch schon mit der Idee blitzte Madrid gleich bei vielen Staaten ab. Deutschland und acht weitere Nationen warnten vor kurzfristigen Eingriffen in den Markt. Die Weltmarktpreise für Gas, Öl und Kohle ließen sich nicht beeinflussen, argumentierten sie. Senke die EU den Gaspreis künstlich, würden die Betreiber Verluste machen, wenn sie ihre Anlagen anwerfen, warnte der luxemburgische Energieminister Claude Turmes.

    „Ich verstehe nicht, warum die übrigen EU-Länder so inaktiv sind bei dem Thema“, sagt Energieexpertin Fabra. Das aktuelle Preisschema gehöre reformiert. „Das ist so, als würden Busse, Züge und Straßenbahnen alle den Preis eines Flugzeugs berechnen“, sagt die Professorin für Energiewirtschaft. Bei der letzten Auktion für erneuerbare Energie in Spanien habe der Preis bei rund 30 Euro pro Megawattstunde gelegen. „Das zeigt, ab welchem Preis es sich für Unternehmen lohnt zu investieren“, sagt sie. „Aber derzeit erhalten die Unternehmen Preise von über 200 Euro pro Megawattstunde.“

    Spanische Regierung prüft neuen Preis für Erneuerbare

    Nach der kalten Schulter aus Brüssel überlegt Madrid nun, mit welchen nationalen Maßnahmen sich der Strompreis senken lässt. „Die Regierung sucht derzeit nach Möglichkeiten, den Anstieg der Stromrechnungen einzudämmen“, erklärt Afry-Berater Revuelta. „Eine der Optionen besteht darin, einen Teil der hohen Gewinne, die bestimmte Erzeuger erzielen, an die Verbraucher weiterzugeben. Dies gilt auch für bestimmte erneuerbare Energien, die vorübergehend höhere Einnahmen erzielen als erwartet.“

    Derzeit stammen 42 Prozent des Stroms in Spanien aus erneuerbaren Energien. Laut Medienberichten könnte die Regierung schon am Dienstag 23.11. per Dekret beschließen, für das Gros der Erneuerbaren im regulierten Tarif einen Preis von rund 60 Euro pro Megawattstunde festzuschreiben.

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    In dem regulierten Tarif für Verbraucher sind die Preise bislang vom Spotmarkt abhängig. Doch die Händler auf dem unregulierten Markt protestierten sofort. Sie fürchten, dass dadurch alle Kunden vom freien Markt mit langfristigen Verträgen in den regulierten wechseln.

    Die spanische Regierung hat in der aktuellen Hochpreisphase schon einmal versucht, die Gewinne privater Energieversorger zu beschneiden – und musste nach heftigen Protesten der Versorger zurückrudern. Im Oktober hatte sie per Dekret beschlossen, die „unerwarteten Gewinne“ der Atom- und Wasserkraftwerke abzugreifen und mit dem Geld eine Senkung der Stromsteuer zu finanzieren. Die Energieriesen aber setzten sich zur Wehr und argumentierten, dass sie den überwiegenden Teil ihrer Energie über langfristige Verträge zu festen Preisen verkaufen, die deutlich unter den aktuellen Preisen liegen. Ende Oktober ruderte die spanische Regierung wieder zurück.

    Algerien kündigt Gaspipeline nach Spanien

    Es gibt aber auch einige Spanien-spezifische Erklärungen für den gefährlich hohen Strompreis. Dazu gehört die schlechte Anbindung des südeuropäischen Landes an Strom- und Gasleitungen aus Mitteleuropa. Dadurch ist der Preis in Spanien oft höher als in anderen EU-Staaten.

    Aktuell kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Algerien hat Ende Oktober eine von zwei Pipelines für seine Gaslieferungen nach Spanien gekappt. Sie lief durch das benachbarte Marokko, dessen Verhältnis zu Algier derzeit von heftigen politischen Spannungen geprägt ist. Algerien hat 2021 rund die Hälfte des Gasbedarfs von Spanien gedeckt – zu etwa gleichen Teilen über die beiden Pipelines. Die zweite Pipeline verläuft direkt von Algerien über das Mittelmeer nach Spanien und soll künftig mehr Gas befördern. Dennoch bleibt eine Lücke, die Madrid durch den Einkauf von Flüssiggas decken muss, das derzeit besonders teuer ist.

    Ein Blackout wie ihn die österreichische Regierung mehr oder weniger angekündigt hat, erwarten Experten für Spanien allerdings nicht – unter anderem, weil die Gasspeicher gut gefüllt sind.

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