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20.05.2022

04:00

Geopolitik

Asien-Reise des US-Präsidenten – Wie Biden ein Bündnis gegen China schmiedet

Von: Martin Kölling, Katharina Kort

Mit seinem ersten Besuch in Asien will der US-Präsident die Allianzen stärken – und die Halbleiterversorgung seines Landes sichern.

Biden will die strategische Zusammenarbeit mit Japan und Südkorea stärken. Reuters

US-Präsident Joe Biden

Biden will die strategische Zusammenarbeit mit Japan und Südkorea stärken.

Tokio, New York Die Chipindustrie genießt auf der ersten Asienreise von US-Präsident Joe Biden einen besonders hohen Stellenwert. Gleich nach seiner Landung in Südkorea besucht er am Freitag ein Halbleiterwerk von Samsung, dem größten Speicherchiphersteller der Welt. Auch bei seinen Gesprächen mit Südkoreas neuem Präsidenten Yoon Suk Yeol am Samstag und Japans Regierungschef Fumio Kishida am Montag geht es neben Sicherheitsfragen und Bidens Indopazifik-Strategie auch um die gemeinsame Stärkung der Chiplieferkette und die technologische Zusammenarbeit.

In Japan wird zudem erwartet, dass Biden und Kishida eine konkrete Rahmenvereinbarung treffen, wie beide Länder in internationalen Krisenfällen die Halbleiterversorgung gewährleisten und in anderen Fragen wirtschaftlicher Sicherheit stärker zusammenarbeiten können. Denn angesichts des aggressiveren Vorgehens Chinas sorgen sich beide Länder wegen der Abhängigkeit von Chiphochburgen wie Taiwan, dem die Volksrepublik mit einer gewaltsamen Vereinigung droht. Am Dienstag könnte das Thema selbst auf dem Gipfel der „Quad“ – ein loser Bund aus den USA, Japan, Australien und Indien – diskutiert werden.

Der Vorstoß in Sachen Halbleiterversorgung wird in den USA derzeit durch die Innenpolitik verstärkt. Bereits Bidens Vorgänger Donald Trump hatte die Ansiedlung von Schlüsselindustrien in den USA auf die Tagesordnung gesetzt, Biden beschleunigte sie. Die hohe Inflation in den USA, zuletzt mehr als acht Prozent, erhöht den Druck. Denn an den Preisschüben sind nicht nur die hohen Energiepreise schuld, sondern auch der Mangel an vielen Bauteilen, allen voran an Halbleitern und Batterien.

Für die US-Handelsministerin Gina Raimondo ist dies nicht nur ein wirtschaftliches Problem. „Die Halbleiterkrise ist eine Frage der nationalen und wirtschaftlichen Sicherheit“, twitterte sie. „Die Nachfrage geht immer noch durch die Decke, und das Chipangebot hat das noch nicht aufgeholt.“ Sie warb für ein geplantes Innovationsgesetz, das mehr Halbleiterfabriken in die USA bringen soll.

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    Die USA wollen Südkorea und Japan zu Technologiepartnern machen

    Die USA haben dabei ihre Verbündeten Japan und Südkorea als Partner ausgesucht, die beide über eine starke Chipindustrie verfügen. Südkorea will seine Weltmarktführerschaft bei Speicherchips auch auf andere Segmente ausdehnen. Japans Chipindustrie hat zwar Marktanteile verloren. Ohne Produktionsanlagen, Bauteile und Chemikalien aus Asiens ältester Industrienation würden jedoch weder in Taiwan noch in Südkorea die Fabriken produzieren können.

    Japan ist immer noch das wichtigste Land, was die Produktion und den Export von Halbleitern angeht. IMAGO/ZUMA Wire

    Joe Biden und Fumio Kishida

    Japan ist immer noch das wichtigste Land, was die Produktion und den Export von Halbleitern angeht.

    Bei Autoakkus sind es ebenfalls japanische und südkoreanische Konzerne, die Chinas Expansionsstreben bisher erfolgreich Paroli bieten. Die Konzerne wollen dabei auch mehr in den USA fertigen, Japans Technikkonzern Panasonic etwa möchte mit dem Elektroautobauer Tesla Autobatterien herstellen. Nun investieren Südkoreas Akku- und Chipkonzerne zig Milliarden Dollar in den USA. Allein Samsung baut für 17 Milliarden Dollar ein Chipwerk in den USA.

    Für Tobias Harris, Ostasienexperte des progressiven Thinktanks Center for American Progress, geht es längst nicht mehr nur um Investitionen in den USA – ein Trend, der „Onshoring“ genannt wird. „In Washington ist das Wort ‚Friendshoring‘, also die Produktion kritischer Güter in befreundeten Ländern, jetzt so wichtig wie ‚Onshoring‘.“

    Der Grund ist derselbe wie der für Globalisierung: Durch eine bessere Integration von grenzübergreifenden Lieferketten können die USA preiswerter und effizienter Chips bauen, als dies mit einer rein nationalen Lösung möglich wäre – aber nur mit vertrauenswürdigen Partnern.

    Die Angst der Mittelmächte im Großmachtkonflikt

    Die südkoreanische Expertin Lee Shin Wha, Professorin an der Korea-Universität in Seoul, erläutert: „Der Handelsstreit hat sich in einen ernsthaften Wettbewerb um die Hegemonie zwischen den USA und China entwickelt, der sich nicht nur auf Politik, Sicherheit, Kultur und Technologie, sondern auch auf systemideologischen Wettbewerb ausweitet.“

    Diese Entwicklung stellt die asiatischen Mittelmächte vor ein Dilemma. Beide Länder brauchen ihre Bündnisse mit den USA, um China und Nordkorea abzuschrecken. Gleichzeitig bedroht die Aussicht, im Großmachtkonflikt zwischen den USA und dem Reich der Mitte wählen zu müssen, das wirtschaftliche Fundament beider Nationen.
    Durch US-Sanktionen könnten sie den wichtigen chinesischen Markt verlieren, den amerikanischen durch protektionistische Industriepolitik. Das Krisengefühl der Nachbarn ist dabei noch höher als das in Deutschland. Denn Japan und Südkorea haben keine EU als Partner, sondern sind auf sich alleingestellt.

    Es gibt in Seoul auch Proteste gegen die US-Politik. AP

    Demonstranten in Südkorea

    Es gibt in Seoul auch Proteste gegen die US-Politik.

    Südkoreas Strategie gleicht dabei derjenigen Japans. „Wir müssen unsere Position als wichtiger Bündnispartner klar zum Ausdruck bringen“, fordert Lee. Gleichzeitig sei es auf globaler Ebene notwendig, durch multilaterale Zusammenarbeit und eine „Allianz der Mittelmächte“ sich „einen gewissen strategischen Einfluss auf die Großmächte zu sichern“.

    Japan hat bereits Militärallianzen mit den US-Alliierten Australien und Großbritannien beschlossen und diesen Monat seine Zusammenarbeit mit Deutschland und der Europäischen Union ausgebaut. Präsident Yoon, der noch nicht einmal zwei Wochen im Amt ist, will Südkorea nun ebenfalls klar als Partner der USA positionieren, die diplomatische Eiszeit mit Japan beenden und aktiver als bisher in Südostasien und der Welt die Interessen seines Landes vertreten.

    Mit großer Spannung erwarten Südkorea und Japan daher von Biden Details über sein „Indo-Pacific Economic Framework“ (IPEF). Das Konzept will der US-Präsident in Japan vorstellen. James Brady, Japanexperte des Sicherheitsberaters Teneo Intelligence, sieht dabei Biden in der Pflicht, besonders weil Trump 2017 aus dem transpazifischen Freihandelsabkommen TPP ausgestiegen ist.
    TPP war ein Versuch der USA und Japans, gerade in Südostasien mit einem freien Marktzugang zu den USA ein Gegengewicht zu China aufzubauen. „Nun stellen sich die Länder die Frage, was der große Plan der USA für ein Engagement in der Region ist, sowohl wirtschaftlich wie auch diplomatisch und sicherheitspolitisch“, erklärt Brady.

    Bisher seien kaum Details von Bidens Strategie bekannt. „Viele Länder wünschen sich mehr wirtschaftlichen Zugang zum US-Markt“, sagt Brady, „aber für mich sieht das IPEF bisher aus wie eine Agenda für strategischen und nicht freien Handel.“ Umso wichtiger wird die Kooperationsbereitschaft der Länder, auch in der Chipindustrie.

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