Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

16.09.2019

18:59

Geopolitik

Drohnenangriffe auf Saudi-Arabien bedrohen die Weltwirtschaft

Von: Annett Meiritz, Mathias Brüggmann, Moritz Koch, Torsten Riecke, Hans-Peter Siebenhaar

Der Angriff auf die Ölanlagen Saudi-Arabiens weckt Ängste vor einem Krieg am Golf. Der Konflikt birgt zudem großes Risiko für die ohnehin schwächere globale Wirtschaft.

Der Drohnenangriff hat die Ölpreise in den Keller geschickt. VIDEOS OBTAINED BY REUTERS

Rauch über der Raffinerie von Aramco

Der Drohnenangriff hat die Ölpreise in den Keller geschickt.

Berlin, Wien, Washington Die Entscheidung über Krieg und Frieden würde Donald Trump am liebsten anderen überlassen. Er wolle abwarten, wen die Saudis für die Luftangriffe auf ihre Ölproduktion verantwortlich machen, twitterte er, als das Ausmaß der Zerstörung sichtbar wurde. Der US-Präsident, das haben die vergangenen Monate deutlich gemacht, will keinen Militärkonflikt im Nahen Osten. Aber er könnte in einen hineingezogen werden.

Die Lage ist unübersichtlich. Die jemenitischen Huthi-Rebellen, die sich seit Jahren im Krieg gegen Saudi-Arabien befinden, reklamieren die Attacke für sich – sie wollen Drohnen eingesetzt haben. Nach Meinung von Experten verfügen die Huthis inzwischen über die militärischen Fähigkeiten für einen solchen Drohnenangriff.

Doch die USA beschuldigen ihren Erzfeind: den Iran. Trump erwähnte das Land zwar nicht, dafür legte sich sein Außenminister Mike Pompeo fest: Der Iran habe einen „beispiellosen Angriff auf die Energieversorgung der Welt” gestartet. Der Iran bestreitet das entschieden. Beweise liegen bisher nicht vor. Nach Angaben des saudischen Militärs ist der Angriff mit iranischen Waffen verübt worden. Erste Untersuchungen zeigten zudem, dass die Angriffe nicht vom Jemen aus gestartet seien, sagte der saudische Militärsprecher Turki al-Maliki.

Die scharfen Reaktionen aus Washington nähren die Befürchtungen, dass die USA und der Iran auf einen militärischen Konflikt zusteuern – mit möglicherweise katastrophalen Folgen für die globale Konjunktur. Einen Ölschock könnte die angeschlagene Weltwirtschaft kaum absorbieren.

Allein das gestiegene Risiko eines Kriegs wird spürbare Auswirkungen haben, auch in Deutschland: „Auf jeden Fall steigert der Angriff die Unsicherheit für Unternehmen und Konsumenten weltweit, was die Konjunktur belastet“, warnt Ifo-Chef Clemens Fuest. Michael Grömling, Konjunkturchef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, betont, dass die globale Investitionstätigkeit derzeit ohnehin „unter vielfältigen politischen Schocks“ leide und es auch keine „konjunkturellen Gegengewichte – etwa aus den Schwellenländern Asiens oder Südamerikas – gebe.

Grafik

Erschwerend kommt hinzu, dass die US-Regierung keine konstante Außen- und Sicherheitspolitik verfolgt. Der Sicherheitsrat im Weißen Haus ist seit dem Rückzug seines Chefstrategen John Bolton führungslos, und Verteidigungsminister Mark Esper ist erst seit Sommer im Dienst. Nach dem Abschied des Iran-Hardliners Bolton hatten Beobachter auf Signale der Entspannung gehofft, zumal Trump vor einigen Tagen sogar eine teilweise Rücknahme der Sanktionen nicht ausgeschlossen hatte. Doch die Aussicht auf eine Deeskalation scheint nun vorbei zu sein.

Die ohnehin prekäre Sicherheitslage in der Golfregion um Saudi-Arabien, Iran, Irak und Jemen spitzt sich nochmals zu: „Seit Zunahme der iranisch-amerikanischen Spannungen ist das der heftigste Vorfall und viel gravierender als die vorhergehenden Angriffe auf Öltanker im Persisch-Arabischen Golf“, sagt Christian Hanelt, Nahost-Experte der Bertelsmann Stiftung.

Damit gerät auch die Bundesregierung in Bedrängnis. Gemeinsam mit Paris und London hält Berlin bisher am Atomabkommen mit dem Iran fest und versucht, sich der amerikanischen Politik des „maximalen Drucks“ auf den Iran zu widersetzen. Doch auch im Bundestag schwindet inzwischen der Glaube daran, dass der Iran noch an Diplomatie und Ausgleich interessiert ist. „Die Handschrift der Angriffe ist eindeutig iranisch“, sagt Bijan Djir-Sarai, außenpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

SPD-Außenpolitiker Nils Schmid erklärt: „Es ist bekannt, dass die Huthis vom Iran unterstützt werden.“ Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, stellt sogar den Atomvertrag infrage, sollte sich der Verdacht erhärten, dass Teheran an den Anschlägen beteiligt war: „So richtig es ist, internationale Verträge aufrechtzuerhalten, können wir den Atomvertrag nicht unsererseits verteidigen, während sich der Iran immer weiter vom Geiste des Abkommens entfernt“, sagte er dem Handelsblatt.

Grafik

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas verurteilte die Angriffe, vermied es aber, den Iran zu beschuldigen. „Die Huthis haben sich zu dieser Attacke bekannt. Wir befinden uns im Moment mit unseren Partnern dabei, zu analysieren, wer für diesen Angriff verantwortlich ist, wie es dazu kommen konnte“, sagte Maas. „Und das müssen wir mit der notwendigen Besonnenheit tun. Die Lage sei „außerordentlich besorgniserregend“.

Nach Meinung von Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, haben die USA und der Iran ihre Handlungsmöglichkeiten „unterhalb der Schwelle einer kriegerischen Auseinandersetzung“ ausgereizt. „Falls die Iraner wirklich an den jüngsten Attacken beteiligt waren, wollten sie damit zeigen, dass sie keine Angst mehr haben.“ Die USA hätten die Sanktionsschraube schon so fest angezogen, dass sie jetzt kaum noch mit nicht-militärischen Mitteln reagieren könnten.

Ob es wirklich zu einem Krieg zwischen den USA und dem Iran kommt, dürfte vor allem mit Trumps innenpolitischem Kalkül zusammenhängen. Für die Wiederwahlchancen des Präsidenten sei der Konflikt zweischneidig, sagt Josef Braml, US-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: „Einerseits wachsen mit höheren Energiepreisen auch die konjunkturellen Risiken. Andererseits kann er mit einem harten Vorgehen gegenüber dem Iran bei den jüdischen Wählern und der christlichen Rechten punkten.“ Während der Präsident seine Optionen wägt, dreht sich die Eskalationsspirale am Persischen Golf weiter: Die Huthis haben neue Angriffe angekündigt.

Einen militärischen US-Einsatz allerdings hält die Ölmarktanalystin und frühere österreichische Außenministerin Karin Kneissl für unwahrscheinlich. „Die mögliche Verlagerung von Einsatzkräften ist Teil einer militärstrategischen Drohkulisse. Doch ich glaube nicht an ein militärisches Eingreifen.“

Grafik

„Ein Treffen zwischen Trump und dem iranischen Präsidenten Ruhani könnte helfen, die Lage zu deeskalieren“, glaubt auch Perthes. Die Europäer sollten sich an einer solchen Zusammenkunft beteiligen, da Ruhani ein bilaterales Treffen mit dem US-Präsidenten ausgeschlossen habe. Eine Lösung des Konflikts erwartete Perthes von dem möglichen Gipfel zwar nicht. „Aber vielleicht könnte er den Weg für Verhandlungen ebnen, während derer die Sanktionen teil- oder zeitweise aufgehoben werden.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×