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23.10.2019

16:20

Geopolitik

Russlands Renaissance in Afrika: Es geht um Macht, Waffen und Rohstoffe

Von: Mathias Brüggmann

In Sotschi wirbt Wladimir Putin um die Staatslenker Afrikas. Russland braucht neue Absatzmärkte – und scheut auch nicht davor zurück, eine dubiose Söldnertruppe einzusetzen.

„China hat das Geld und Russland die Muskelkraft.“ AP

Wladimir Putin mit dem Präsidenten der Zentralafrikanischen Republik Faustin Archange Touadera

„China hat das Geld und Russland die Muskelkraft.“

Berlin Auf dem afrikanischen Kontinent entspinnt sich ein Wettbewerb der Weltmächte um Einfluss. Schon seit Jahren legt China mit vielbeachteten und argwöhnisch verfolgten Milliarden-Engagements vor. Doch auch Russland hat, so heimlich wie massiv, seine wirtschaftlichen und politischen Interessen vorangetrieben.

Nun will Kremlchef Wladimir Putin seinen Erfolg öffentlich krönen: Erstmals empfängt Russlands Präsident mehr als 40 afrikanische Staats- und Regierungschefs zum Russland-Afrika-Gipfel in der Olympiastadt Sotschi.

Russland hat zwischen 2012 und 2017 seine Waffenexporte nach Afrika verdoppelt, lieferte 39 Prozent der dort gekauften Kampfjets, Panzer und Kalaschnikows, während 17 Prozent aus China und elf Prozent aus den USA kamen.

Die enge Zusammenarbeit mit Afrika gehöre für Russland heute zu „unseren außenpolitischen Prioritäten“, sagte Putin im Vorfeld des ersten Russland-Afrika-Gipfels am Mittwoch und Donnerstag in Sotschi. Er habe dort „weitreichende Pläne“. Moskau wolle die „aktive Präsenz Russlands in der Region“ festigen, ergänzte Außenminister Sergej Lawrow.

Fred Kempe, Chef der US-Denkfabrik Atlantic Council, sieht darin eine „neue Ära der globalen Großmächte-Rivalität“. Dabei seien „Amerikas Rivalen“ Russland und China mit viel größerer operationeller Kreativität und strategischerer Härte gegen ihre Widersacher, die USA und Frankreich, unterwegs.

Moskau sehe dabei ein durch Europa oder die Vereinigten Staaten hinterlassenes Vakuum, das es mit Businessdeals, Waffenlieferungen, Medienmanipulatoren, paramilitärischer Unterstützung und Militärkooperationen fülle. In den letzten vier Jahren hat der Kreml allein mit 19 afrikanischen Staaten Militärabkommen geschlossen.

Es geht um gute Geschäfte

Strategisch geht es um einen Kontinent, der 2050 über ein Viertel der weltweiten Arbeitskräfte sowie über die größten Vorkommen der für Hightech-Produkte unabdingbaren Seltenen Erden verfügt – hinter China. Dazu finden sich gewaltige sonstige Reserven strategischer Rohstoffe. Und natürlich sind die 54 afrikanischen Staaten ein enormer Stimmenblock bei den Vereinten Nationen, der entweder zugunsten Russlands und Chinas oder des Westens abstimmen kann.

Russland verfolgt aber auch Wirtschaftsinteressen. Die Verhängung westlicher Sanktionen 2014 nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim und dem Entfachen des Bürgerkriegs in der Ostukraine hat eine Suche nach neuen Absatzmärkten notwendig gemacht. „Moskau hat verstanden, dass es neue Partner braucht“, sagt Olga Kulkowa vom Afrika-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften. Russland habe „seit Inkrafttreten der westlichen Sanktionen Diplomatie und Politik umgeschwenkt“. Das russische Top-Exportprodukt: Weizen.

Es ist ein quid pro quo. Guinea, wo Moskau Wahlen manipuliert hat, ist der größte Bauxit-Lieferant für den Aluminiumriesen Rusal des Putin-treuen Oligarchen Oleg Deripaska. Simbabwes Führung dankte die Russenhilfe mit einem drei Milliarden Dollar schweren Waffen-für-Platin-Deal: MiG35-Kampfjets gegen eine Förderlizenz in Darwendale. Auch Alrosa, der vom Kreml kontrollierte Diamantenkonzern, will nach Angola und Botswana nun in Simbabwe fündig werden.
Rosatom, der staatliche Nuklear-Monopolist, will in Ruanda, Uganda und Ghana Atomkraftwerke hochziehen. Ägypten – mit dessen Militärmachthaber Abdel Fatah al-Sisi Putin zusammen den Sotschi-Gipfel leitet – will sich mit einem 25 Milliarden Dollar umfassenden Kredit von Rosatom den Einstieg in die Atomkraft finanzieren lassen.

Zugleich soll Putin zwischen Ägypten und Äthiopien schlichten, da Kairo Angst vor einem Abdrehen des Wassers durch einen neuen Nil-Staudamm beim Nachbarn hat. Rosneft, der vom Putin-Freund Igor Setschin gelenkte russische Staatsölriese, entwickelt Gasfelder in Ägypten, Mosambik und Algerien, einem Großkunden für Moskaus Waffen. Rivale Lukoil verfolgt Ölprojekte in Nigeria, Ghana und Kamerun.

Russische Söldner für afrikanische Diktatoren

„Ich frage mich: Was haben wir übersehen und warum?“, erklärt Alex Vines, Chef des Afrika-Programms beim Londoner Thinktank Chatham House. Westliche Analysten, auch er selbst, hätten jahrelang Russlands Aufstieg in Afrika übersehen, seien „erst aufgewacht“, als Hunderte russische Söldner in der Zentralafrikanischen Republik aufgetaucht seien.

Bei seiner Afrika-Offensive setzt Russland vor allem auf die dubiose Söldnerfirma Wagner: Im Tausch gegen Diamanten, Schürfrechte für Gold und Platin, Abbaulizenzen für Uran und Bauxit und Seltene Erden haben die Truppen so manchen afrikanischen Diktator an der Macht gehalten oder kremltreuen Despoten ins Amt verholfen.

Die Söldnertruppe lässt sich bis zum Unternehmer und engen Putin-Vertrauten Jewgeni Prigoschin zurückverfolgen, der nicht nur bereits für den Einsatz der Wagner-Einheiten in der Ostukraine sanktioniert wurde. US-Sonderermittler Robert Mueller brachte Prigoschin auch mit sogenannten „Trollfabriken“ in Zusammenhang, die Einfluss auf den US-Wahlkampf ausgeübt haben.

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