Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2022

15:19

Geschäftsklima-Umfrage

Die große Ernüchterung: Deutsche Unternehmen leiden immer mehr unter Chinas Abschottung

Von: Dana Heide

Schlechtere Geschäftsaussichten und, Benachteiligungen: Die Stimmung bei deutschen Unternehmen in der Volksrepublik trübt sich ein. Verlassen wollen sie den Markt trotzdem nicht.

Der Optimismus unter deutschen Unternehmen in China hat laut der Umfrage abgenommen. dpa

VW-Werk in Schanghai

Der Optimismus unter deutschen Unternehmen in China hat laut der Umfrage abgenommen.

Peking Auf internationaler Bühne verspricht Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping immer wieder offene Märkte und mehr Zusammenarbeit – zuletzt prominent am Montag in einer Videobotschaft beim Weltwirtschaftsforum. Doch die Realität in der Volksrepublik sieht oft anders aus. Deutsche Unternehmen in China leiden unter der zunehmenden Abschottung des Landes, wie eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in China zeigt. Mehr als ein Drittel der deutschen Unternehmen mit Geschäften in China gab darin an, dass es gegenüber heimischen Unternehmen benachteiligt werde – das ist eine dramatische Verschlechterung innerhalb nur eines Jahres. Bei der gleichen Umfrage im Jahr 2020 hatten nur 20 Prozent der Unternehmen diese Aussage getroffen.

„Fehlende Gleichbehandlung ist zur größten regulatorischen Herausforderung für die deutsche Wirtschaft in China geworden“, sagt Clas Neumann, Präsident der deutschen Handelskammer in Schanghai. Im Ranking belegt das Thema Diskriminierung und Protektionismus inzwischen den ersten Platz bei den regulatorischen Herausforderungen für deutsche Unternehmen – im Vorjahr nur Platz sechs. Die Handelskammer führt die Vorzugsbehandlung chinesischer Unternehmen auf die politische Fokussierung des Landes auf die Binnenwirtschaft zurück.

An der jährlichen Umfrage nahmen im Zeitraum von Oktober bis November insgesamt 596 deutsche Unternehmen mit Geschäften in China teil.

Chinas Staatsführung will, dass die Volksrepublik unabhängiger vom Ausland wird. Peking hatte im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von Weichen in diese Richtung gestellt. So setzt China auf das Konzept der „Dual Circulation“ (Zwei Kreisläufe), das sich auch durch den Fünfjahresplan zieht, der bis 2025 gilt. Dabei sollen heimische Unternehmen gestärkt werden. Ausländische Unternehmen sollen nur noch in den Bereichen Geschäfte machen, wo chinesische Konkurrenten technologisch noch nicht so weit sind.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Deutsche Unternehmen befürchten in allen Bereichen weniger Geschäftschancen

    Wie ein Delegierter der deutschen Wirtschaft in China berichtet, brauchen staatliche Stellen in der Volksrepublik in China inzwischen teilweise eine Sondergenehmigung, wenn sie einen Auftrag statt an heimische Unternehmen an ausländische vergeben wollen.

    Die europäische Handelskammer in Peking hatte im September bereits vor der zunehmenden Abschottung Chinas gewarnt. „Chinas Plan, seine Eigenversorgung zu erhöhen, wird weiter zu Reibungen mit anderen großen Volkswirtschaften führen“, hieß es in einem Positionspapier der Kammer. Indem China die Rolle schmälere, die europäische Unternehmen in der chinesischen Wirtschaft spielten, würden sich Chinas Innovationsbemühungen verlangsamen.

    Im Gespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte Chinas Premierminister Li Keqiang am Montag noch die Hoffnung geäußert, dass „die deutsche Seite chinesischen Unternehmen offener gegenüberstehen“ werde. Doch was die chinesische Regierung für heimische Unternehmen einfordert, ist für deutsche Unternehmen in China immer weniger gegeben. „Für ein zukunftsfestes Engagement im chinesischen Markt benötigt die deutsche Wirtschaft in China ein Zeichen, dass Gleichberechtigung Teil des Wirtschaftssystems ist“, forderte Handelskammer-Vertreter Neumann.

    Trotz der Herausforderungen erwägt dennoch nur ein sehr kleiner Teil der in China aktiven Unternehmen laut der AHK-Umfrage, seine Geschäfte in der Volksrepublik einzustellen. 96 Prozent wollen in den nächsten zwei Jahren weiterhin in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt vertreten sein. Doch die Aussichten für dieses Jahr haben sich deutlich eingetrübt. So gaben nur noch rund 51 Prozent der Unternehmen an, Verbesserungen in ihrem Sektor zu erwarten, 18 Prozent glauben, dass sich das Klima verschlechtern wird.
    Die Unternehmen befürchten in allen Bereichen weniger Geschäftschancen. So sieht nur noch etwas über die Hälfte der Unternehmen den steigenden Binnenkonsum in der Volksrepublik als attraktiv an. Im Jahr 2020 waren es noch mehr als 70 Prozent. Und während im Jahr 2019 noch fast zwei Drittel mit einer steigenden Nachfrage nach ausländischen Produkten rechneten, waren es bei der aktuellen Umfrage nur noch 39 Prozent.

    Angst vor weiteren Einschränkungen wegen der Verbreitung der Omikron-Variante

    Zu den eingetrübten Chancen beim Konsum haben unter anderem die anhaltenden Restriktionen zur Eindämmung der Coronapandemie in China geführt. China verfolgt bei der Bekämpfung des Virus eine Null-Covid-Strategie, die mittels drakonischer Maßnahmen durchgesetzt wird.
    Vor Kurzem wurden erstmals lokal übertragene Fälle der hochansteckenden Omikron-Variante in China gemeldet. Seitdem wächst die Angst vor weiteren Restriktionen, mit denen die örtlichen Behörden die Pandemie unter Kontrolle bringen wollen. „Omikron könnte in Zukunft massive Sperrungen verursachen“, warnt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Deutschland. Das Unternehmen war an der Erstellung der AHK-Umfrage beteiligt. Am Dienstag wurden weitere Coronafälle in Chinas Hauptstadt Peking gemeldet.
    Zu der Ernüchterung beim Binnenkonsum sorgen jedoch auch mittel- bis langfristige Effekte. So sei das Wachstum der Kaufkraft der mittleren Einkommen nicht so stark gestiegen wie erwartet. Zudem droht China eine Überalterung der Gesellschaft, die ebenfalls auf den Konsum drücken wird.
    Auch die gestiegene Konkurrenz durch heimische Anbieter sorgt dafür, dass sich die Geschäftsaussichten für deutsche Unternehmen eingetrübt haben. „Deutsche Unternehmen überprüfen ihre Strategien in China und passen sie an“, so KPMG-Experte Glunz.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×