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06.04.2022

13:13

Getreidelieferungen

Hungersnöte und Unruhen – Wie der Ukraine-Krieg Afrika bedroht

Von: Wolfgang Drechsler

Afrika ist abhängig von Lebensmitteleinfuhren aus Russland und der Ukraine. Schon jetzt steigen die Preise dramatisch, doch es könnte noch schlimmer kommen.

Die Weltmarktpreise für Getreide steigen – viele Afrikaner bringt das in existenzielle Schwierigkeiten. imago/photothek

Weizenspeicher in Bangui

Die Weltmarktpreise für Getreide steigen – viele Afrikaner bringt das in existenzielle Schwierigkeiten.

Kapstadt Die Militärmachthaber im Sudan dürften ein gewisses Unbehagen gespürt haben, als sie im vergangenen Jahr den Brotpreis wegen der hohen Inflation fast verdoppeln mussten. Als das Vorgängerregime drei Jahre zuvor Ähnliches versucht hatte, war es zu Massenprotesten gekommen. Am Ende kostete der Aufruhr Sudans Langzeitdiktator Omar al-Baschir seine Macht.

Brot und Mais sind seit jeher die Hauptkalorienquelle für Millionen von Menschen in Afrika und Arabien – und schon deshalb politisch extrem heikel. Der Krieg in der Ukraine hat die Lage im Sudan und anderen fragilen Staaten Afrikas zusätzlich verschärft. Bislang erhielt der Sudan rund ein Drittel seines Getreides aus Russland, auch die Ukraine ist ein bedeutender Handelspartner für Agrarprodukte. Doch nun stehen diese Lieferungen infrage, während die Weltmarktpreise drastisch anziehen.

Viele afrikanische Staaten haben sich denn auch geweigert, Russlands Angriffskrieg zu verurteilen, weil sie um ihre Nahrungsmitteleinfuhren und Waffenlieferungen fürchten. Die Auswirkungen des Kriegs werden sie dennoch sehr bald spüren.

Kürzlich warnten elf internationale Hilfsorganisationen – darunter Oxfam, Save the Children und World Vision – vor der schlimmsten Nahrungsmittelkrise seit zehn Jahren in Westafrika. Man sei besorgt, dass der Krieg in der Ukraine die ohnehin katastrophale Situation verschlimmern werde.

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    Es gehe um ausfallende Lebensmittellieferungen, aber auch um fehlende Unterstützung. Viele Geberländer hätten angedeutet, dass sie finanzielle Mittel für Afrika kürzen könnten, um die Gelder für die Ukrainekrise zu verwenden. Dabei könnten allein in Westafrika bald knapp 40 Millionen Menschen hungern.

    Milliarden für Weizeneinfuhren

    2020 importierte Afrika landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von rund vier Milliarden Dollar aus Russland, wovon fast 90 Prozent auf die Einfuhr von Weizen entfiel. Aus der Ukraine erhielt Afrika im gleichen Jahr Agrarprodukte für fast drei Milliarden Dollar, 80 Prozent davon Weizen und Mais. Mehr noch als unter einem hohen Weizenpreis würde der Kontinent aber unter einem markanten Anstieg des Maispreises leiden, dem eigentlichen Grundnahrungsmittel im Süden der Sahara.

    Hilfsorganisationen wie die SOS-Kinderdörfer warnen vor neuen Hungersnöten infolge des Ukrainekrieges. obs

    Kinder in Äthiopien

    Hilfsorganisationen wie die SOS-Kinderdörfer warnen vor neuen Hungersnöten infolge des Ukrainekrieges.

    Seit Beginn der russischen Invasion legen kaum noch Frachter aus der Schwarzmeerregion in den ostafrikanischen Häfen von Mombasa, Daressalam oder Durban an. Geht Afrika der Weizen und Mais aus? In der gegenwärtigen Lage könnte es sich als Vorteil erweisen, dass es südlich der Sahara vor allem Kleinbauern gibt, die ausschließlich für den Eigenbedarf produzieren. Sie sind weniger stark auf Lebensmittelimporte angewiesen.

    Gleichwohl dürften aber auch sie unter den gestiegenen Kosten für Dünger und Transport leiden. Nicht leere Regale in den Supermärkten sind derzeit das Problem, sondern drastisch steigende Preise. Und die können ganze Regierungen destabilisieren. Wissenschaftler haben berechnet, dass schon ein zehnprozentiger Anstieg der Nahrungsmittelpreise die Wahrscheinlichkeit für politische Unruhen in Afrika um fast 40 Prozent erhöht.

    Beobachter erinnert die gegenwärtige Lage an die globale Lebensmittelkrise vor 15 Jahren. Damals war es vor allem in Westafrika zu Unruhen gekommen. Im Wüstenstaat Burkina Faso protestierten die wütenden Menschen gegen das Regime, in Mali kletterte der Brotpreis um 30 Prozent – ein enormer Anstieg für Familien, die rund die Hälfte ihres Einkommens für Essen ausgeben.

    Der Mix aus steigenden Treibstoff- und Brotpreisen erwies sich schon damals als explosiv, und die Parallelen zur gegenwärtigen Lage sind offensichtlich: Nur haben sich diesmal nicht nur Weizen und Mais, sondern auch Hirse und Sorghum, auf die viele Afrikaner bisher ausweichen konnten, gegenüber dem Vorjahr um bis 100 Prozent verteuert.

    Als erstes dürfte neben Kenia auch Nigeria betroffen sein, wo viele arme Familien in urbanen Gebieten Fertignudeln konsumieren. Andernorts haben Staaten bereits konkret auf die Auswirkungen des Kriegs reagiert. In der Elfenbeinküste führte die Regierung für drei Monate eine Preisobergrenze für bestimmte Produkte wie Palmöl, Zucker, Milch und Reis ein. Gleichzeitig muss die Ausfuhr von Nahrungsmitteln wie Kochbananen oder der kartoffelähnlichen Knollenfrucht Maniok genehmigt werden.

    Viele Kleinbauern und Farmer von Somalia bis Südafrika schauen zudem mit Sorge auf die Verknappung und Verteuerung von Kunstdünger. Schließlich sind die Ukraine und Russland auch in diesem Bereich wichtige Lieferanten. Selbst in Südafrika, wo im vergangenen Jahr die beste Weizenernte seit zwanzig Jahren eingefahren wurde, sorgen sich die Großfarmer um die nächste Erntezeit.

    Russland und die Ukraine sind wichtige Weizenexporteure. Davon sind afrikanische Staaten abhängig. dpa

    Weizenernte in Russland

    Russland und die Ukraine sind wichtige Weizenexporteure. Davon sind afrikanische Staaten abhängig.

    Nun nehmen Debatten darüber Fahrt auf, wie der Kontinent in puncto Nahrungsmittel unabhängiger werden könnte. Von Bedeutung ist diese Diskussion für Afrika schon deshalb, weil seine Landwirtschaft auch 60 Jahre nach der Unabhängigkeit der ersten Staaten oftmals auf vorindustriellen Produktionsmethoden mit Pflug und Sense fußt. 35 der 48 Länder im Süden der Sahara sind bis heute Lebensmittelimporteure, obwohl dort noch immer große Flächen Ackerland brach liegen.

    Seit den Siebzigerjahren hat sich der Anteil des Kontinents an den weltweiten Agrarexporten auf unter vier Prozent halbiert. Afrika muss trotz seiner hohen Verschuldung derzeit Nahrungsmittel im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar pro Jahr importieren – ein Betrag, der sich innerhalb der nächsten fünf Jahre wegen des starken Bevölkerungswachstums und gegenwärtigen Preisschocks mehr als verdoppeln dürfte. Auf diese Weise verschwendet Afrika kostbare Devisen, die weit nutzbringender in Kapitalgüter wie Traktoren oder Bewässerungsanlagen fließen könnten. Dies erst würde den Weg zu einer gewissen Lebensmittelautarkie ebnen.

    Künstliche Bewässerungssysteme sind die Ausnahme

    Qualitativ guter Weizen kann wegen des oft heißen Klimas zum Beispiel nur in wenigen Regionen Afrikas angebaut werden. Auch müsste das Getreide dort künstlich bewässert werden, was in Afrika eher Ausnahme denn Regel ist. Und selbst wenn ausreichend viel geerntet würde, fehlten am Ende die Lagerhallen und Silos zur Lagerung – oder vernünftige Straßen zum Abtransport. Die großen Mengen, die bisher aus Russland und der Ukraine nach Afrika importiert wurden, lassen sich daher kurzfristig kaum ersetzen.

    Seit Jahren intensivieren Afrikas Autokraten ihre Beziehungen zu Russland und China. Nicht immer geht es dabei um Agrargüter, wie die vielen Militärabkommen und stark gestiegenen Waffenlieferungen zeigen. Für Afrikas Despoten ist der Waffenhandel mit Russland schlicht unkomplizierter als der mit den USA: Während Washington auf die Einhaltung der Menschenrechte pocht, ist Putin dies egal.

    Er drängt Afrikas Potentaten sogar vielfach dazu, Härte zu zeigen. Nun stehen die gleichen Autokraten wegen Putins Krieg vor tiefroten Budgets – und wütenden Bürgern.

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