Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

09.08.2020

14:06

Ghana, Kongo, Sambia

Wie sich Afrika in der Pandemie bei China verschuldet

Von: Wolfgang Drechsler, Dana Heide

Die Pandemie hat die Schulden vieler afrikanischer Länder in die Höhe getrieben. Die Bereitschaft zu einem Schuldenerlass ist in China aber wohl gering.

Arbeiter bereiten in Johannesburg eine Beerdigung auf dem Olifantsveil-Friedhof außerhalb der Stadt vor. dpa

Corona-Pandemie in Südafrika

Arbeiter bereiten in Johannesburg eine Beerdigung auf dem Olifantsveil-Friedhof außerhalb der Stadt vor.

Kapstadt, Peking Nirgendwo auf der Welt liegen zwei Hauptstädte derart eng beieinander wie im Kongo. Getrennt werden Brazzaville (Republik Kongo) und Kinshasa (Demokratische Volksrepublik Kongo) allein durch den gleichnamigen Fluss. Doch eine Brücke gibt es zwischen den Städten auch 60 Jahre nach der Unabhängigkeit der beiden Kongos bis heute nicht. Stattdessen hat Brazzaville vor einiger Zeit seine ganz eigene moderne Brücke gebaut, allerdings über einen kleinen Nebenarm des Flusses – und mit massiver Hilfe und Expertise der Chinesen.

Kostspielige Prestigeprojekte wie die 2500 Meter lange Pont du Djoue in Brazzaville sind in den vergangenen 15 Jahren überall in Afrika entstanden. Immer öfter wird deshalb moniert, China verursache in Afrika einen enormen Schuldenberg, wobei die Höhe und die Bedingungen der von Peking gewährten Kredite oft im Dunkeln bleibt.

Im Gegenzug erschwert jedoch genau dies die gegenwärtigen Entschuldungsbemühungen westlicher Finanzinstitutionen mit einer Reihe afrikanischer Staaten. Schließlich will der Westen nicht im Nachhinein durch eigene Konzessionen chinesische Großprojekte finanzieren oder die Verschwendungssucht afrikanischer Führer belohnen. Dabei wäre Eile geboten. Spätestens 2022 werden viele afrikanische Länder ihre in den letzten zehn Jahren aufgenommenen Anleihen zurückzahlen müssen.

Forciert wird die seit Jahren schwelende Schuldenkrise in Afrika nun zusätzlich durch die Corona-Pandemie. Allein in den Staaten südlich der Sahara, deren Regierungen sich besonders stark verschuldet haben, zahlen 15 Länder inzwischen mehr Geld an ihre internationalen Gläubiger als für ihr staatliches Gesundheitswesen. Obwohl die Staatseinnahmen nach Ausbruch der Pandemie eingebrochen und die Kosten für den Schuldendienst gestiegen sind, versuchen diese Länder nun verzweifelt, in ihren Volkswirtschaften das Wachstum neu zu beleben. 

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Allerdings fehlen ihnen oft die Mittel dazu: Während die Industrieländer im Schnitt rund acht Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausgeben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, sind es in Afrika im Schnitt nur ganze 0,8 Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung.

    Grafik

    Gefährdet sind vor allem Länder mit niedrigen einheimischen Sparquoten und hohen Auslandschulden wie etwa die früheren Erfolgsgeschichten Ghana oder Sambia. Allerdings sind fast alle anderen Länder des Kontinents auch mehr oder wenig stark betroffen. In nur zehn Jahren sind die Staatsschulden in den 48 Ländern Subsahara-Afrikas von 40 Prozent auf 60 Prozent des BIP gestiegen - zu hoch für Volkswirtschaften dieser Größe. In keiner anderen Region der Welt ist die finanzielle Lage inzwischen ähnlich kritisch wie in Afrika.

    Trotz eines massiven Schuldenerlasses von rund 100 Milliarden Dollar durch die acht führenden Industrieländer (G8) im Jahr 2005 liegt mittlerweile über die Hälfte der afrikanischen Länder abermals beträchtlich über dem vom Internationalen Währungsfonds (IWF) empfohlenen Staatsschulden-Limit. 

    Viele haben nach Ansicht der Finanzinstitution allen Warnungen zum Trotz zusätzlich Geld aufgenommen, sodass sich 18 von ihnen inzwischen in akuter Finanznot befinden. „Afrika ist Opfer seiner eigenen Selbstüberschätzung“, kritisiert Ibrahim Anoba, Autor bei der Nachrichten- und Meinungsplattform African Liberty. „Immer wieder wurden die Staaten vor einer Überschuldung gewarnt. Getan hat man es dennoch nichts.“

    Vor allem in Sambia haben die Folgen der Coronakrise tiefe Spuren im Staatshaushalt hinterlassen. Schuld daran ist dort nicht vorrangig das Virus, sondern vor allem ein Regime, das zwischen 2014 und 2018 seine Schulden wissentlich verdreifacht hat - und nun vor dem wirtschaftlichen Ruin steht.

    Immerhin sind Sambias Auslandsschulden in Höhe von etwa zwölf Milliarden Dollar recht ausgewogen verteilt – zu 30 Prozent steht das Land bei China in der Kreide, zu 25 Prozent bei Anleihekäufern und zu 20 Prozent bei ausländischen Banken. Weltbank und IWF halten nur einen kleinen Anteil der sambischen Schuld.

    Grafik

    Als erste Gruppe haben die 20 führenden Industrieländer (G20), zu denen auch China gehört, auf die Notlage reagiert und eine Initiative zur Schuldenerleichterung gestartet. Dies würde es 73 der weltweit ärmsten Länder erlauben, ihre von der G20 erhaltenen Kredite verspätet zurückzuzahlen, sofern sie das überhaupt wollen. Dadurch sollen kurzfristig Ressourcen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie frei werden. Eine Annahme der Offerte könnte allerdings zu einem Streit mit den privaten Gläubigern führen, die ihr Geld nicht so einfach preisgeben wollen - und eine Herabstufung der Bonität für die Länder zur Folge haben, die nach der Pandemie wieder neues Geld von Investoren bräuchten.

    Ringen mit den Gläubigern

    Vieles deutet darauf hin, dass die in Not geratenen Länder diesmal keinen Schuldenschnitt, sondern nur eine vielleicht zweijährige Stundung ihrer Verbindlichkeiten erhalten werden. Danach müssten sie alle Schulden zurückzahlen, einschließlich der dann zusätzlich fälligen Zinsen.

    Letztes Endes würde dies aber wenig lösen, da die Probleme nur in die Zukunft verschoben und die betroffenen Ländern am Ende nur auf einem noch höheren Schuldenberg sitzen würden.

    Dabei hatte es vor gar nicht langer Zeit noch nach einem wirklichen Neubeginn ausgeschaut: Als Folge der Schuldenabschreibung vor 15 Jahren waren die Auslandsverbindlichkeiten der afrikanischen Empfängerländer mit einem Schlag von 100 auf 40 Prozent des BIP gefallen.

    Doch während damals vor allem westliche Regierungen sowie IWF und Weltbank zu den größten Kreditgebern des Kontinents zählten, ist inzwischen China zu Afrikas größtem bilateralen Gläubiger aufgestiegen.

    Grafik

    Je nach Schätzungen hält China 17 bis 25 Prozent aller öffentlichen Schulden Afrikas, das gesamte Kreditvolumen wird auf rund 150 Milliarden Euro geschätzt. Mitte Juni versprach Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping beim China-Afrika-Gipfel Hilfe. China werde die Schulden in Form von zinslosen Staatsanleihen, die bis Ende 2020 fällig werden, für bestimmte afrikanische Länder erlassen, sagte Xi. Welche Länder das genau sind, dazu macht die chinesische Regierung keine weiteren Angaben.

    In der Schuld Chinas

    „Für die afrikanischen Länder, die am stärksten vom Coronavirus betroffen und auch finanziell stark belastet sind, wird China mit der Weltgemeinschaft zusammenarbeiten, um sie stärker zu unterstützen“, versprach Xi.

    Neben dem Prestigegewinn auf der internationalen Bühne hat China auch ein Interesse daran, seine guten Beziehungen mit vielen afrikanischen Ländern nicht zu gefährden. Peking hat in den vergangenen Jahren seinen Einfluss in Afrika immer stärker ausgebaut.

    Auf dem Kontinent gibt es zum Beispiel ein weites Netz an chinesischen Propagandasendern. Einen herben Rückschlag erlitten die Beziehungen zuletzt, als in China lebende Afrikaner im Zuge der Covid-19-Krise heftiger Diskriminierung ausgesetzt waren.

    Allerdings dürfte China trotz der vollmundigen Worte von Xi zu weit weniger Konzessionen bereit sein, als es der Westen in der Vergangenheit war. Das liegt zum einen an der Art, wie die chinesische Regierung mit afrikanischen Staaten Geschäfte macht, denn die meisten Kredite werden zu kommerziellen Bedingungen ausgegeben. Ein Großteil davon fließt in Infrastrukturprojekte, die in den meisten Fällen durch chinesische Firmen ausgeführt werden.

    Grafik

    Die Volksrepublik hat zudem mit eigenen Problemen zu kämpfen und fürchtet den Anstieg des eigenen Schuldenbergs. Auch die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat wie viele andere Länder unter der Coronakrise stark gelitten.

    Peking hat in der Vergangenheit Schuldverträge bei Zahlungsschwierigkeiten meistens neu verhandelt und etwa längere Zahlungsziele vereinbart, wie eine Studie der Rhodium Group zeigt. Die chinesische Regierung habe aber eine geringe Bereitschaft zum Schuldenerlass, heißt es darin – und wenn, dann auch nur bei kleineren zinslosen Darlehen.

    Kampf um geopolitische Einflusssphären

    Auch die amerikanische Denkfabrik Brookings Institution glaubt, dass China sich zwar an gemeinsamen Schuldenerleichterungen beteiligen werde, aber ein einseitiger Schuldenverzicht schon deshalb „unwahrscheinlich“ sei, weil China seine Geschäftskredite als Druckmittel behalten wolle.

    Einige Beobachter wie der Politikwissenschaftler Sven Grimm von der südafrikanischen Universität Stellenbosch glauben, dass Peking angesichts des Imageschadens durch die Coronakrise bei einem Ausfall der Schulden wohl nicht so strikt wie bislang auf Sicherheiten wie Flughäfen, Seehäfen oder Anteile an Staatsunternehmen pochen werde. Dass die Enttäuschung über Chinas harte Haltung aber zu einer neuerlichen Hinwendung Afrikas nach Europa führen werden, erwartet Grimm nicht.

    Dennoch hat die hohe Verschuldung vieler afrikanischer Staaten bei China den Westen vorsichtiger werden lassen: Hier ist man vor allem darüber besorgt, dass die gewährten Finanzspritzen am Ende in den Taschen chinesischer Gläubiger landen könnten. Die USA haben den IWF deshalb bereits wiederholt ermahnt, keinem Land zu helfen, das gerade Probleme bei der Schuldenrückzahlung an China habe.

    Grafik

    Viel Zeit zum Handeln bleibt jedoch nicht mehr. Schon ab 2022 müssen viele afrikanischen Staaten einen Großteil der rund zehn Jahre zuvor aufgelegten Staatsanleihen zurückzahlen. Viele von ihnen hoffen noch darauf, dass es sich nur um einen kurzfristigen monetären Engpass handelt. 

    Doch solange ihre von Corona und schlechter Regierungsführung arg gebeutelten Volkswirtschaften nicht wieder auf die Füße kommen oder mehr Hilfe von den reicheren Ländern erhalten, droht eine Flut an Zahlungsausfällen.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×