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14.06.2019

12:25

Gleichberechtigung

Brennende BHs und geballte Fäuste: Warum heute in der Schweiz die Frauen streiken

Von: Michael Brächer

Mit einem landesweiten Streik kämpfen Schweizerinnen für mehr Gleichberechtigung. Dabei greifen sie zu teils ungewöhnlichen Mitteln – und geraten in eine rechtliche Grauzone.

Nationaler Frauenstreik

Hunderte Frauen demonstrieren für Gleichberechtigung in der Schweiz

Nationaler Frauenstreik: Hunderte Frauen demonstrieren für Gleichberechtigung in der Schweiz

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Zürich Kurz nach Mitternacht geht’s los: Tanzend, singend und mit viel Krach läuteten rund 150 Teilnehmerinnen am Zürcher Goldbrunnenplatz in der Nacht zu diesem Freitag den Frauenstreik in der Schweiz ein. „Ohne uns steht alles still“, stand auf dem Transparent der Teilnehmerinnen – und so mussten Busse und Straßenbahn erst einmal warten.

In der ganzen Schweiz gehen heute Frauen bei einem landesweiten Streik auf die Straße, um für die Gleichstellung zu protestieren. Sie fordern gleiche Löhne, mehr Anerkennung für die Betreuung von Angehörigen und mehr Respekt – und greifen dabei zu ungewöhnlichen Mitteln. Tatsächlich gibt es auch in der Schweiz in Sachen Gleichberechtigung noch immer viele Defizite, die Verhältnisse ändern sich nur langsam.

Die Streikenden wollen das ändern. In Lausanne verbrannten einige Demonstrantinnen am frühen Morgen aus Protest ihre BHs. In Basel strahlte die Gewerkschaft Unia den Hochhausturm des Pharmakonzerns Roche mit dem Logo des Streiktags an, das eine geballte Frauenfaust zeigt. Im ganzen Land sind heute Demonstrationen und Protestaktionen geplant.

Obwohl die Gleichstellung in der Schweiz vor fast 40 Jahren in der Bundesverfassung aufgenommen wurde, beklagen die Teilnehmerinnen inakzeptable Lücken – vor allem beim Einkommen. So hinkten Frauenlöhne den Männerlöhnen um fast 20 Prozent hinterher. Deshalb haben Gewerkschaften die Frauen dazu aufgerufen, um 15:24 Uhr die Arbeit niederzulegen. Das sei die Uhrzeit, ab der Frauen aufgrund der Lohndifferenz zu Männern gratis arbeiten.

Auch in den Chefetagen der Konzerne sind Frauen unterrepräsentiert. Laut der „NZZ“ gab es unter den 100 größten Firmen der Schweiz im vergangenen Jahr nur vier Chefinnen – damit gibt es in der Schweizer Firmenwelt so viele weibliche CEOs wie männliche Chefs, die Urs heißen.

Viele Schweizer tun sich schwer mit der Gleichberechtigung

Gewerkschaften beklagen zudem, dass viele Frauen unterbeschäftigt sind, weil ihnen die Rückkehr in einen Vollzeitjob verwehrt wird. „Die betroffenen Frauen wollen mehr arbeiten“, sagte Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia. Aber ihnen werde das verweigert, vielfach von männlichen Vorgesetzten. Für viele Frauen lohnt sich ein Vollzeitjob finanziell aber auch nicht, weil die Kinderbetreuung in der Schweiz sehr teuer ist. 

So schneidet das Land auch im internationalen Vergleich bei den Arbeitsbedingungen für Frauen schlecht ab: Der britische „Economist“ sieht die Eidgenossenschaft in seinem „Glass Ceiling Index“ auf dem 26. von 29 Rängen. Deutschland schafft es immerhin auf den 21. Platz.

„Ein Blick über die Grenzen zeigt: Die uns umgebenden europäischen Länder sind in Sachen Gleichstellung in der Familie insgesamt weiter als wir, auch wenn es vielerorts noch Luft nach oben gibt“, sagt Christa Binswanger, Genderforscherin an der Universität St. Gallen (HSG).

Der Protest soll an den Frauenstreik von 1991 anknüpfen. Damals gingen Hunderttausende Frauen in der Schweiz auf die Straße, um für mehr Gleichberechtigung zu protestieren. Vieles lag damals im Argen: Erst ein Jahr zuvor hatte mit Appenzell Innerrhoden der letzte Kanton den Frauen das Wahlrecht eingeräumt, es gab noch nicht einmal Mutterschaftsurlaub oder eine Versicherung für Mütter.

Doch auch 28 Jahre später tun sich viele Schweizer mit der Gleichberechtigung schwer. So gilt es etwa noch immer vielerorts als selbstverständlich, dass frischgebackene Mütter im Job zurückstecken, um sich um den Nachwuchs zu kümmern. Über die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs diskutieren die Eidgenossen zwar seit Jahren, passiert ist bislang aber wenig.

Mit ihrem Protest bewegen sich manche Teilnehmerinnen in einer rechtlichen Grauzone. Denn Streiks sind in der konsensorientierten Schweiz eher selten. So erinnerte der Arbeitgeberverband vorsorglich schon an die „absolute Friedenspflicht“, die in vielen Gesamtarbeitsverträgen vereinbart sei. Der Verband riet den Teilnehmerinnen, sich einen Tag freizunehmen.

Manche Unternehmen stellen ihre Mitarbeiterinnen frei, andere verbieten ihnen die Teilnahme. So werden Frauen bei der Großbank Credit Suisse von der Arbeit freigestellt, sofern es keine dringenden Termine gibt. Bei der Fluggesellschaft Suisse sind Proteste während der Arbeitszeit dagegen tabu.

Sogar der Wetterdienst zeigt sich solidarisch

Damit steht das Leben in der Schweiz wegen des Frauenstreiks zwar nicht still, aber die Frauen verschaffen ihren Anliegen zumindest neue Aufmerksamkeit – und erhalten dafür viel Rückhalt. So erschienen viele Politikerinnen und Politiker am Freitag mit lilafarben Kleidungsstücken im Parlament.

Sogar der Wetterdienst zeigt sich solidarisch: Auf der Wetterkarte des Schweizer Rundfunks prangten diesmal Orte wie Frauenalp, Fraumatt und Frauenfeld. Männedorf ging leer aus.

Mehr: Auch in Deutschland verdienen Frauen durchschnittlich weniger als Männer. Dabei befürwortet die Mehrheit der Deutschen eine Angleichung der Gehälter.

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