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15.09.2019

13:19

Golfregion

Die Angriffe auf Saudi-Arabiens Ölindustrie zeigen, wie schutzlos Irans arabische Gegner sind

Von: Mathias Brüggmann

Die Attacken auf saudische Ölanlagen dürften auch den geplanten milliardenschweren Börsengang von Saudi Aramco verkomplizieren. Zudem droht ein neues Wettrüsten am Golf.

Archivbild aus dem Handelssaal der saudi-arabischen Börse in Riad: Der Hauptindex des Landes, Tadawul All Share, fiel während des sonntäglichen Handels um 3,1 Prozent. AFP

Börse in Saudi-Arabien

Archivbild aus dem Handelssaal der saudi-arabischen Börse in Riad: Der Hauptindex des Landes, Tadawul All Share, fiel während des sonntäglichen Handels um 3,1 Prozent.

Berlin Amin Nasser ist noch in der Nacht zu Samstag zu den durch zwei Drohnenangriffe schwer getroffenen Ölanlagen in Churais und Abqaiq geeilt. Der CEO des weltgrößten Ölkonzerns Saudi Aramco musste nach den Treffern auf die größte Raffinerie seines Landes einen gewaltigen Schaden feststellen.

5,7 der fast zehn Millionen Barrel Rohölförderung des Unternehmens fallen jetzt erst einmal aus. Es sei aber „sehr froh, dass es keine Verletzten gab“ und die verheerenden Feuer unter Kontrolle gebracht worden seien. Binnen 48 Stunden werde er wissen, wie lange der Schaden die Produktion des mit Anstand größten Ölförderers belaste.

Noch schwerer als ohnehin schon belastet sind in jedem Fall die Beziehungen Saudi-Arabiens zu seinem Erzfeind Iran auf der anderen Seite des Persischen Golfs. US-Außenminister Mike Pompeo machte Teheran direkt für die Angriffe verantwortlich ohne Belege vorzulegen: „Inmitten der Rufe nach Deeskalation hat der Iran jetzt einen beispiellosen Angriff auf die Welt-Energieversorgung verübt. Es gibt keinen Beweis, dass die Angriffe vom Jemen kamen“, schrieb Pompeo auf Twitter.

Zuvor hatten sich die vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen aus dem benachbarten Jemen zu den Angriffen bekannt. Sie seien ein legitimer Vergeltungsschlag gegen die Bombenangriffe saudischer Kampfflieger auf Stellungen der Rebellen im Jemen. Bereits im Mai hatten Drohnen, die die Huthis aus dem Jemen abgeschossen haben wollen, saudische Pipelines beschädigt. Und immer wieder schlagen Raketen aus dem Jemen auf saudischem Gebiet ein oder wurden in letzter Sekunde vor dem Explodieren auf dem Flughafen der Hauptstadt Riad abgefangen.

Die jüngsten Angriffe zeigen aber, wie schutzlos Saudi-Arabien gegen Drohnenangriffe ist. Und wie verletzlich die arabischen Gegner Irans sind. Dies gilt nach Angaben aus diplomatischen Kreisen als Hauptgrund, warum sich die Vereinigten Arabischen Emirate kürzlich aus der Allianz mit den Saudis im Kampf um den Jemen herausgezogen haben. Vor allem die touristische Infrastruktur Dubais wäre iranischen Angriffen weitgehend schutzlos ausgeliefert, räumten Diplomaten ein.

Als Reaktion auf die Anschläge haben die Aktien in dem Königreich deutlich an Wert verloren. Der Hauptindex des Landes, Tadawul All Share, fiel um 3,1 Prozent. Auch andere Börsenplätze am Persischen Golf gaben nach. So fiel der wichtigste Index in Kuwait um 1,1 Prozent, in Dubai waren es 0,8 Prozent.

Die Drohnen-Angriffe haben die arabische Ölförderung schwer getroffen. AP

Brennende Ölförderanlagen

Die Drohnen-Angriffe haben die arabische Ölförderung schwer getroffen.

Der Aktien-Index des Landes hat seit Anfang Mai 18 Prozent an Wert verloren. Saudi Basic Industries - der größte petrochemische Konzern des Landes - büßte am Sonntag 3,3 Prozent an Börsenwert ein. Das könnte möglicherweise Auswirkungen an den geplanten Börsengang des führenden Ölproduzenten Saudi Aramco haben, der bis Ende des Jahres zunächst einen Teil-Börsengang in Riad plant.

Fünf Prozent seiner Anteile will Saudi Aramco insgesamt an die internationalen Börsen bringen – für bis zu 100 Milliarden Dollar. Es wäre der größte Börsengang aller Zeiten. Ayham Kamel, Analyst des internationalen Beratungsunternehmen Eurasia Group und zuständig für den Nahen Osten und Nordafrika, glaubt: „Die Angriffe könnten die IPO-Pläne von Aramco komplizieren.“

Die USA sind im Fall von Engpässen zur Freigabe von Ölreserven bereit. Damit könne etwaigen Störungen der Ölmärkte entgegengewirkt werden, teilte die Sprecherin des US-Energieministeriums, Shaylyn Hynes, am Sonntag mit.

Energieminister Rick Perry habe die Führung seines Ministeriums angewiesen, in dieser Hinsicht mit der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris zusammenzuarbeiten. Die strategischen Ölreserven der USA umfassen nach Ministeriumsangaben 630 Millionen Barrel.

Seit 2015 führt eine arabische Militärallianz im Jemen Krieg auf Seiten des faktisch entmachteten jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, der von einigen Einheiten von Jemens Armee sowie von sunnitischen Stammesmilizen unterstützt wird. Die vom Erzfeind Iran unterstützen schiitischen Huthi-Rebellen halten wichtige Teile des Landes weiter unter Kontrolle. Zehntausende Menschen starben bei Bombenangriffen oder verhungerten elendig, da die Lebensmittelversorgung weitgehend unterbrochen ist.

Die UN versuchen in dem Konflikt zu vermitteln und verhängten ein Waffenembargo gegen die Huthis. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag von Union und SPD vereinbart, keine Waffen an im Jemen-Konflikt beteiligte Staaten zu liefern, was vor allem in Saudi-Arabien zu erheblicher Verärgerung geführt hatte.

Der UN-Sondergesandte für den Konflikt im Jemen, Martin Griffiths, äußerte sich „extrem besorgt“ über die Entwicklungen. Solche Zwischenfälle stellten eine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität der regionalen Sicherheit dar und würden den von den Vereinten Nationen geleiteten politischen Vermittlungsprozess gefährden.

Jetzt droht ein atomares Wettrüsten am Golf

Die Drohnenangriffe auf die zwei großen Ölanlagen von Aramco spitzen die ohnehin eskalierende Lage noch weiter zu. Denn der Iran hatte angekündigt, sich in Kürze noch weiter von dem 2015 abgeschlossenen Atom-Abkommen zu entfernen und erheblich mehr Uran und dies deutlich höher anzureichern als in dem Nukleardeal vereinbart.

Saudi-Arabiens neuer Energieminister, Prinz Abdulaziz bin Salman, hatte als Reaktion auf eine Wiederaufnahme des iranischen Atomprogramms vorige Woche damit gedroht, dass sein Land nun auch auf eigene Uran-Anreicherung setze. Bisher waren nur zwei Atomkraftwerke geplant, in denen importierte nukleare Brennstäbe eingesetzt werden sollten.

Das Beherrschen des Anreicherungsprozesses und der Erhalt von Plutonium als Abfallprodukt beim Betrieb von Atommeilern ist die Voraussetzung für den Bau einer Atombombe. Prinz Abdulaziz hatte angekündigt, dass Saudi-Arabien selbst Uran fördern und anreichen werde, das vor allem zu Brennstäben verarbeitet werden könne, aber auch militärisch genutzt werden könne. 2020 soll entschieden werden, ob russische, chinesische, amerikanische, koreanische oder amerikanische Firmen die Meiler bauen sollen.

US-Präsident Donald Trump hat bereits seinem Verbündeten Saudi-Arabien volle militärische Unterstützung zugesichert: Die USA haben erstmals seit dem Irak-Krieg wieder Soldaten im Königreich stationiert, sie betreiben im Persischen Golf seit den Angriffen auf Öltanker eine militärische Beobachtungsmission, der sich die EU-Staaten nicht anschließen wollen. Und sie seien laut Trump bereit, den Saudis weitere Raketenabwehrsysteme zu liefern.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hatte zusammen mit den Außenministern Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs „ihre große Besorgnis über die Ankündigungen und Handlungen Irans“ ausgedrückt. Diese seien mit den Verpflichtungen des Landes im Rahmen der Wiener Nuklearvereinbarung (JCPoA) unvereinbar. „Die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) hat in ihrem Sonderbericht vom 8. September bestätigt, dass in Natans moderne Zentrifugen installiert wurden oder werden“, erklärten die EU-Politiker in einer gemeinsamen Erklärung.

Trump war 2018 einseitig aus dem Atomabkommen ausgestiegen und hatte „die schärfsten Sanktionen aller Zeiten“ gegen das Land verhängt. Seit ein paar Monaten hält sich Teheran nun stufenweise immer weniger an die Zusagen im Rahmen des Abkommens und droht damit, in Kürze wieder seine Uran-Anreicherung voll heraufzufahren.

Der Westen wirft dem Iran vor, ein militärisches Atomprogramm zu betreiben. Teherans Führung bestreitet das.

Während der Rauswurf des Nationalen Sicherheitsberaters John Bolton durch Trump vor wenigen Tagen laut Diplomaten bekräftigt hätte, dass der US-Präsident keine militärische Konfrontation mit Teheran wolle, drohen die Drohnen-Angriffe aus dem Jemen nun zu einer neuen Eskalation zwischen beiden Ländern zu führen.

Kommandeure der iranischen Revolutionsgarden hatten zudem damit gedroht, US-Militäreinrichtungen in der Region anzugreifen. In Bahrain haben die USA einen großen Flottenstützpunkt, in Katar einen Kommandostützpunkt für die gesamte Region bis Afghanistan und Pakistan.

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