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01.10.2019

04:01

Großbritannien

„Boris ist stark, er kann gut kämpfen“ – Auf dem Parteitag halten die Tories zu Johnson

Von: Kerstin Leitel

Der Parteitag der Regierungspartei wird in diesem Jahr endgültig zum Boris-Fan-Event. Die für Johnson so erfreuliche Zeit in Manchester geht jedoch ihrem Ende zu.

Auf dem Parteitag ist Johnson der Star. dpa

Parteitag der britischen Konservativen

Auf dem Parteitag ist Johnson der Star.

Manchester Die blauen Kaffeebecher mit Boris Johnsons Konterfei und dem Spruch „Lasst uns den Brexit durchziehen“ für zehn Pfund das Stück (umgerechnet rund 11,30 Euro) sind längst ausverkauft. „Die waren der Hit“, sagt einer der Verkäufer im Souvenir-Shop der konservativen Tory-Partei. Es ist nicht das einzige Zeichen für die schier grenzenlose Begeisterung, die dem britischen Regierungschef auf dem alljährigen Parteitreffen in Manchester entgegenschlägt.

Anders als bei anderen Ausflügen, bei denen Premierminister Johnson in den vergangenen Wochen häufiger angefeindet wurde, blieben dem blonden Politiker in dem Konferenzzentrum im Norden Englands böse Überraschungen erspart. Die negativen Schlagzeilen, dass er zu seinen Zeiten als Bürgermeister von London eine Affäre mit einer amerikanischen Unternehmerin gehabt habe, eine Journalistin belästigt haben soll und natürlich die Kritik der Opposition in Westminster – in Manchester kann Boris Johnson all das für ein paar Stunden vergessen. Hier ist er der Star.

Nur wenn er zu Beginn des mehrtägigen Events vor die Halle getreten wäre, hätte er Protest zu sehen bekommen. Einige Anti-Brexit-Organisationen hielten Demonstrationen ab. Im strömenden Regen zogen Sonntag Demonstranten durch die Stadt und schwenkten Schilder, riefen „Schande über Dich, Boris Johnson“. In der weitläufig abgesperrten Konferenzhalle war davon jedoch nichts zu hören, und schon am Tag danach standen die Schilder vergessen am Straßenrand.

„Natürlich habe ich für Boris Johnson gestimmt“, nickt Parteimitglied Alistair Hudson. „Damals habe ich so einen Button bekommen, sehen Sie?“. Konzentriert kramt der 60-Jährige, der aus der Nähe von Nottingham nach Manchester gekommen ist, aus der Innentasche seines beigefarbenen Sakkos einen kleinen, blauen Anstecker mit „Back Boris“ drauf heraus. „Würden Sie mir den vielleicht anstecken?“, fragt er und fährt danach fort, von den Qualitäten des britischen Regierungschefs zu schwärmen.

„Boris ist stark, er kann gut kämpfen, er setzt sich durch und er ist ein guter Politiker“, zählt er auf. Er selbst habe bei dem EU-Referendum vor drei Jahren zwar für den Verbleib in der EU gestimmt, aber nun seine Meinung geändert. „Tagtäglich wird uns weisgemacht, dass wir die EU brauchen. Aber das stimmt nicht“, erklärt Hudson. „Und es stimmt auch nicht, dass wir Briten spinnen“, fährt er fort. „Wir sind ein großer Staat und wir brauchen Brüssel nicht“.

Rückhalt für Johnson

Die Ereignisse der vergangenen Tage, als der Supreme Court gegen Boris Johnson entschied und Zeitungen berichteten, der Regierungschef habe während seiner Zeit als Bürgermeister eine US-Amerikanerin bevorzugt, ändern nichts an seiner hohen Meinung von Boris Johnson. „Das ganze juristische Dingsbums“, sagt er. Mit dieser Einstellung ist Hudson nicht allein – viele Besucher in den Konferenzhallen teilen sie.

„Boris’ Charisma ist einfach umwerfend“, sagt Annette Simpson. „Mit Boris können wir wieder stolz auf etwas sein, er gibt uns Identität. Ich mag seinen Optimismus. Die Ereignisse der vergangenen Tage geben mir nicht zu denken, was ich von Boris halte, sondern von der Demokratie! Die wollen doch alles tun, um nicht das EU-Referendum umzusetzen“, sagt sie, kneift die Lippen zusammen und nickt bekräftigend.

Das Risiko eines ungeordneten Brexit ohne Deal mit der EU schreckt die zierliche 67-jährige nicht. „Wir haben über hunderte Jahre Verbindungen in die ganze Welt aufgebaut“, erklärt sie, „das Empire, wissen Sie? Das haben die anderen europäischen Länder nicht. Und wir brauchen die EU nicht, um Handel zu treiben“.

Nicht so euphorisch ist Gio Spinella, Gemeinderat für die konservative Partei aus London. „Manchmal tue ich mich jetzt schwer mit meiner Partei“, gibt er zu. „Wenn Kompromisse als Kapitulation bezeichnet werden, bringt mich das zum Nachdenken. Ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. In meinem Wahlkreis gibt es viele, die zu den Liberaldemokraten übergewechselt sind“. Die Partei habe sich aber eigentlich nicht verändert, findet er, „wenn man mal vom Brexit absieht. Allerdings ist das zugegebenermaßen so, als würde man sagen „die Titanic ist ein schönes Schiff, vergesst doch den Eisberg“.

Dann wird Spinella abgelenkt: Ein Bekannter von ihm läuft vorbei, klopft ihm auf die Schulter: „Bist Du hier nicht auf dem falschen Event?“, frotzelt der junge Mann, den Spinella als Journalist aus seinem Wahlkreis Camden vorstellt.

Gar nicht erst nach Manchester gereist ist hingegen Rory Stewart. Der Abgeordnete, der vor Johnsons Aufstieg zum Premierminister das Amt des Entwicklungsministers innehatte und Johnson bei der Wahl zum Premier Konkurrenz gemacht hatte, sagte kurzfristig seine Teilnahme an der Parteikonferenz ab.

Aus nachvollziehbarem Grund: Stewart wurde von der Partei ausgeschlossen, als er zusammen mit der Opposition für ein Gesetz stimmte, das es dem Premier untersagt, den Brexit ohne Deal am 31. Oktober durchzuziehen. Doch seine Abwesenheit hält Stewart nicht davon ab, das Geschehen in Manchester zu kommentieren. „Gut möglich, dass Boris eine neue politische Sphäre erreicht hat, in der er dafür geliebt wird, weil er etwas Unmögliches verspricht – und wenn er scheitert, noch mehr geliebt wird“, kritisiert er via Twitter. „Was seine Gegner als Unwahrheiten betrachten, werten seine Unterstützer als Optimismus eines Staatsmannes“.

Die für Johnson so erfreuliche Zeit in Manchester geht jedoch ihrem Ende zu. Am Mittwoch, nach seiner Rede, wird der Regierungschef nach London abreisen. Eigentlich soll er schon am Mittwochmittag wieder im Parlament auftreten. Dort erwartet ihn wieder ein weniger begeistertes Publikum: Berichten zufolge arbeitet die Opposition schon an neuen Plänen, um dem Regierungschef seinen Brexit-Kurs zu durchkreuzen.

Mehr: Vor dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU herrscht große Ungewissheit. Die Zusammenfassung zeigt die einzelnen Stationen des Brexit-Prozesses in der Übersicht bis heute.

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