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10.06.2019

12:04

Großbritannien

May-Nachfolge: Die Drogenbeichten der britischen Spitzenpolitiker

Von: Kerstin Leitel

Heute startet die Suche nach der May-Nachfolge. Die Kandidaten für das Amt des Premierministers legen zuvor notgedrungen Rechenschaft über ihre Drogenvergehen ab.

Während seiner Zeit als Journalist soll Gove Drogen verdammt – und selbst konsumiert haben. Reuters

Michael Gove

Während seiner Zeit als Journalist soll Gove Drogen verdammt – und selbst konsumiert haben.

London An diesem Montagabend ist offizieller Startschuss für die Auswahl des nächsten britischen Premierministers. Inoffiziell hat sich eine Reihe von Politikern längst in Stellung gebracht – und die mussten dabei wohl oder übel einige Leichen aus ihrem Keller räumen. Vor allem einer ist dabei stark unter Druck geraten: Michael Gove, aktuell Umweltminister und einer der Favoriten für das Amt.

„Ich habe vor über 20 Jahren mehrfach bei gesellschaftlichen Anlässen Drogen genommen“, hatte der 51-Jährige in den britischen Medien gestanden, und zwar Kokain. Es sei ein Fehler gewesen, beteuerte er, „ich wünschte, ich hätte es nicht getan“.

Die Erklärung löste in Großbritannien eine heftige Debatte aus. Gove wird neben dem Konsum der harten Droge zudem Verlogenheit vorgeworfen, weil er zeitgleich als Journalist Drogen verdammt habe. Zudem wird debattiert, ob Gove möglicherweise die Einreise in die USA verwehrt werden könne.

Gove sollte wegen seines Geständnisses aber nicht aus dem Auswahlverfahren ausgeschlossen werden, plädierte Ex-Brexit-Minister Dominic Raab, der ebenfalls gern nächster Premierminister werden will. „Ich bewundere seine Ehrlichkeit“, sagte Raab.

Das Thema zieht in Großbritannien aber immer weitere Kreise, und alle anderen Kandidaten müssen sich der Frage stellen, welche Erfahrungen sie mit Drogen gemacht haben. Britische Medien erstellen bereits Listen, wer welche Drogen konsumiert habe. Auf denen finden sich immer mehr der bislang elf Kandidaten für die Nachfolge von Theresa May.

Raab selbst räumte ein, zu Studienzeiten Cannabis geraucht habe, auch die frühere Fraktionsführerin Andrea Leadsom gab das öffentlich zu. Etwas exotischere Erfahrungen haben der aktuelle Außenminister Jeremy Hunt und Entwicklungsminister Rory Stewart vorzuweisen: Hunt erklärte, er habe während einer Tour als Rucksacktourist durch Indien einen „Hanf-Lassi“ getrunken, und Stewart gestand, vor 15 Jahren auf einer Hochzeit im Iran an einer Opiumpfeife gezogen zu haben.

Auch Ex-Außenminister Boris Johnson, der als Favorit in dem Rennen um den Posten des Premierministers gilt, hat Erfahrungen: In einer TV-Show hatte er vor Jahren zugegeben, auf einer Party „ein Pulver bekommen zu haben, das wohl Kokain war. Aber ich habe geniest, und deswegen ist es nicht meine Nase hochgekommen. Vielleicht war es auch Puderzucker.“

Boris Johnson will der EU mehr Druck machen

Bislang war die Haltung der elf Kandidaten zum Brexit die meistdiskutierte Frage. In seinem ersten Interview mit der „Sunday Times“ nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur stellte Brexit-Hardliner Johnson noch einmal klar, wie er zu dem Thema steht: Er will alles daransetzen, dass Großbritannien Ende Oktober aus der Europäischen Union (EU) ausscheidet.

Sein erster Schritt wäre es, mit einem neuen Verhandlungsteam nach Brüssel zu reisen, um dort einen neuen Deal auszuhandeln. Vor allem bei der Frage, wie man nach dem Austritt eine harte Grenze zwischen EU-Mitglied Irland und der britischen Region Nordirland vermeiden kann, soll die EU Zugeständnisse machen und das Thema zunächst auf sich beruhen lassen.

Als Druckmittel kündigte Johnson an, die mit der EU vereinbarte Restzahlung von rund 44 Milliarden Euro nicht zu bezahlen, bis es bessere Bedingungen und „mehr Klarheit“ über das weitere Vorgehen gebe. „Für den Abschluss eines guten Deals ist Geld ein großartiges Lösungs- und ein großartiges Schmiermittel.“

Er habe es immer merkwürdig gefunden, einen Scheck über die gesamte Summe zu unterschreiben, bevor ein endgültiges Abkommen abgeschlossen sei, sagte er. Außerdem sollten die Vorbereitungen für einen Brexit ohne Deal mit der EU vorangetrieben werden, um zu unterstreichen, wie ernst es Großbritannien sei.

Andere Kandidaten für den Posten des Premierministers wie Raab oder die ehemalige Arbeitsministerin Esther McVey vertreten ebenfalls ein derartiges Vorgehen. Auch Außenminister Hunt ist der Meinung, dass ein neuer Premierminister gute Chancen hat, den vorliegenden Deal mit der EU zu verbessern, und will zur Not am 31. Oktober ebenfalls ohne Deal auszusteigen.

Allein Rory Stewart ist klar gegen diese Strategie. Es sei unrealistisch, zu erwarten, dass man bis Ende Oktober ein neues Abkommen aushandeln könne, erklärte er. „Jeder, der Ahnung von Europa hat, wird Ihnen versichern, dass es nicht die geringste Chance dafür gibt, bis zum 31. Oktober von Brüssel einen neuen Deal zu bekommen. Das ist realitätsfremd.“

Er verteidigte den von Theresa May ausgehandelten Deal, mit dem diese dreimal im Parlament gescheitert war. Und immerhin hat es der 46-Jährige in einer aktuellen Umfrage geschafft, bei der Frage, ob er ein guter Premierminister wäre, genauso gut wie Johnson und damit besser als die Konkurrenz abzuschneiden.

Ex-Außenminister ist haushoher Favorit

Johnson gilt jedoch bei allen Umfragen als haushoher Favorit. Dem ehemaligen Bürgermeister von London, der schon vor dem EU-Referendum für den Brexit geworben hatte, trauen es die meisten zu, den Brexit durchzuziehen und enttäuschte Brexit-Wähler, die sich derzeit besser von der Brexit-Partei von Nigel Farage vertreten fühlen, wieder für die konservative Partei zu begeistern. Aber auch Hunt und Gove zählen zu den Kandidaten mit guten Chancen auf das Amt des Premierministers.

Bis Montagabend 18 Uhr können konservative Politiker offiziell ihr Interesse an dem Posten des britischen Regierungschefs anmelden. Einzige Bedingung ist – neben der Mitgliedschaft in der konservativen Partei – die Unterstützung von acht Abgeordneten. Bislang waren lediglich zwei Abgeordnete notwendig, doch nachdem elf Politiker Interesse an dem Posten angemeldet hatten und noch weitere erwartet worden waren, verschärfte die Partei die Regeln, um das Auswahlverfahren zu verkürzen.

Ab nächsten Donnerstag sollen die Abgeordneten in mehreren Wahlgängen über die Kandidaten abstimmen, bei jeder Runde fällt der letztplatzierte Kandidat aus dem Rennen. Sind nur noch zwei Kandidaten dabei, stimmen die rund 160.000 Parteimitglieder per Briefwahl ab. Der Sieger dürfte um den 22. Juli feststehen, bis dahin bleibt Theresa May noch übergangsweise im Amt.

Mehr: Wer sind die elf Tories, die alle Theresa May beerben wollen? Lesen Sie hier kurze Porträts der Bewerber.

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