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29.01.2022

12:00

Grüner Pass

„Nicht mehr relevant“: Israel könnte im Februar das Impfzertifikat abschaffen

Von: Pierre Heumann

Israel gibt die Verantwortung für das Krisenmanagement an die Bürger zurück. Das Testsystem wird umgestellt – und die vierte Impfung verliert an Bedeutung.

Wer die vierte Impfung will, muss über 60 oder dem Virus bei der Arbeit ausgesetzt sein. Bloomberg

Vierte Impfung in Israel

Wer die vierte Impfung will, muss über 60 oder dem Virus bei der Arbeit ausgesetzt sein.

Tel Aviv Kein Land hat schneller Impfdosen beschafft als Israel und in keinem anderen Staat wurde so schnell ein so großer Teil der Bevölkerung gegen Corona immunisiert. Trotzdem hat Israel jetzt die höchste Infektionsrate der Welt. Deshalb, sagen Gesundheitsexperten, sei eine neue Strategie notwendig, die der Dominanz der Omikron-Variante Rechnung tragen soll.

So werden die Beschränkungen im Zusammenhang mit dem Impfzertifikat, die am 1. Februar auslaufen, wohl nicht verlängert. Ohne Nachweis, dass es für eine Verlängerung des „Grünen Passes“ epidemiologische Gründe gibt, werde das Zertifikat obsolet, sagt der Vorsitzende der Parlamentskommission für Verfassung und Recht, Gilad Kariv. Das Konzept des Impfzertifikats sei „nicht mehr relevant“, meint auch der Epidemiologe Cyrille Cohen, Epidemieberater der israelischen Regierung.

Mit der Einführung des Zertifikats habe man unter anderem das Ziel verfolgt, einen Impfanreiz zu schaffen. Das sei heute nicht mehr nötig. Seit der Einführung des Zertifikats wurden nämlich zwei Drittel der Bevölkerung doppelt oder dreifach geimpft. Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass der Grüne Pass für diejenigen, die sich bisher nicht impfen ließen, ein Impfanreiz sein wird. Der Impfpass habe nur noch in Altersheimen oder Krankenhäusern eine medizinische Berechtigung, weil dort die Auswirkungen einer Ansteckung besonders dramatisch sein können.

Laut Ran Balicer, einem weiteren Berater des Gesundheitsministeriums in Sachen Coronavirus, seien Zertifikate wegen Omikron nicht wirksam, da auch Geimpfte infiziert werden und andere anstecken können. Daher werde die Infektion weder verlangsamt noch gestoppt, wenn für das Betreten von Räumen ein Grüner Pass verlangt wird. Die Omikron-Variante wird in Fachkreisen als Immun-Escape-Variante bezeichnet. Sie umgeht schon bestehende Immunantworten des Körpers. Dennoch schützt die Impfung vor einem schweren Verlauf.

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    Finanzminister Avigdor Lieberman tritt ebenfalls für ein Ende des Zertifikatszwangs ein, weil es der Wirtschaft schade. Er arbeite mit allen relevanten Parteien an der Abschaffung des Grünen Passes, „um unseren normalen Tagesablauf zu schützen“.

    Messung und Testverhalten sollen sich verändern

    Zur neuen Lagebeurteilung gehört auch ein Blick auf die Coronastatistik. Das tägliche Rapportieren der Fallzahlen sei wegen Omikron aus drei Gründen weniger aussagefähig als zu Beginn der Pandemie vor zwei Jahren, sagen Experten. Erstens seien „sehr viele“ geimpft. Infizierte haben zudem häufiger lediglich milde Symptome und könnten behandelt werden.

    Auch wenn die heute dominierende Omikron-Variante äußerst ansteckend ist, führt sie drittens zu weniger Hospitalisierungen als die Delta-Variante. Deshalb schlägt Cohen vor: „Was wir messen sollten, ist, wie viele der Patienten in einem schweren Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden, und nicht, wie viele positiv getestet wurden.“

    Auch das Testregime wird in Israel angepasst: PCR-Tests sind nur noch für Risikogruppen vorgesehen, beispielsweise für Senioren oder für Menschen mit einer Vorerkrankung. Weil Tests für alle das Gesundheitssystem überfordern, setzt die Regierung auf Schnelltests zu Hause.

    Damit gibt der Staat einen Teil der Verantwortung für das Management der Gesundheitskrise, die er seit dem Ausbruch der Pandemie beansprucht hat, an die Bürger zurück. Zur Eigenverantwortung gehöre auch, dass die Menschen wie bisher die freie Wahl haben sollen, sich impfen zu lassen oder nicht, meint Epidemiologe Cohen.

    Das israelische Gesundheitsministerium hat diese Woche bewilligt, dass alle Erwachsenen eine zweite Covid-19-Auffrischungsimpfung erhalten können. Einzige Voraussetzung: Sie müssen erklären, dass sie dem Virus bei der Arbeit ausgesetzt sind. Einen Beweis dafür müssen sie nicht erbringen.

    Zuvor hatte die Regierung nur den über 60-Jährigen eine vierte Dosis des Covid-19-Impfstoffs empfohlen. Anders als bisher übt sie keinen indirekten Druck aus. Mit dem zweiten Booster sei man dreimal resistenter gegen schwere Krankheiten als Menschen derselben Altersgruppe, die nur dreimal geimpft sind, sagt das Gesundheitsministerium. Trotz des zweiten Boosters setzt Israel implizit auf Herdenimmunität und hofft, dass eine weit verbreitete Infektion den Schutz der Bevölkerung vor dem Virus stärken werde.

    Auch in Israel sind die Covid-19-Fälle aufgrund von Omikron sprunghaft angestiegen. Es waren jedoch kaum Todesfälle durch diese Variante zu verzeichnen. Dass neue Virenvarianten auftauchen, will Cohen aber nicht ausschließen. Es sei deshalb noch zu früh, von einem Ende der Pandemie zu sprechen: „Wir bleiben der Gnade neuer Varianten ausgeliefert.“ Trotzdem hoffe er, „dass wir in der Übergangsphase zu einer Pandemie sind“. Corona wäre dann wie eine Grippe.

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