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05.09.2019

03:58

Historiker Ferguson im Interview

„Ich befürworte einen neuen Kalten Krieg“

Von: Torsten Riecke

Niall Ferguson sieht die USA und China am Beginn eines epochalen Konflikts. Europa gerate immer mehr zwischen die Fronten, warnt der Historiker.

Für China prophezeit der Historiker eine Ein-Parteien-Diktatur – und eine politische Krise. Bloomberg

Niall Ferguson

Für China prophezeit der Historiker eine Ein-Parteien-Diktatur – und eine politische Krise.

Berlin Der schottische Historiker Niall Ferguson sagt voraus, dass der aktuelle Handelskonflikt zwischen den USA und China in einem neuen Kalten Krieg münden wird. „Die lange Zeit sehr engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Erde sind dauerhaft zerstört. Selbst ein Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem chinesischen Kontrahenten Xi Jinping im Handelsstreit kann einen neuen Kalten Krieg nicht mehr verhindern“, sagte der an der Hoover Institution in Kalifornien lehrende Wissenschaftler.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel könne den Konflikt bei ihrem Besuch in Peking diese Woche nicht mehr befrieden. Ferguson sieht sogar eine positive Seite in der Auseinandersetzung mit China: „Ich befürworte einen neuen Kalten Krieg, damit sich die USA wirtschaftlich aufraffen, investieren und dann bei der 6G-Technologie wieder führend sind“, sagte er mit Blick auf das technologische Wettrennen um den neuen Mobilfunkstandard. Bislang gilt der chinesische Anbieter Huawei bei der 5G-Technologie als führend.

Ferguson prophezeit der Ein-Parteien-Diktatur in Peking eine politische Krise. „Der schwarze Schwan, den viele im Moment nicht sehen, ist eine Krise des politischen Systems in China, die unweigerlich kommen wird.“ Es sei einfach nicht plausibel, dass ein Ein-Parteien-Staat, der sich auf kommunistische Institutionen aus dem 20. Jahrhundert stütze, in der vernetzten Welt von heute dauerhaft überleben könne.

Eine Eskalation erwartet der Historiker auch bei den Protesten in Hongkong. „Wenn Peking die Proteste in Hongkong gewaltsam niederschlägt, wiederholt China die Fehler, die die Sowjets 1956 in Budapest und 1968 in Prag gemacht haben.“ Die Führung in Peking setze darauf, dass die Proteste im Laufe der Zeit einschliefen. „Das glaube ich aber nicht. Für Peking bleibt es ein Dilemma und möglicherweise wird China irgendwann die Armee schicken“, sagte Ferguson.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Ferguson, Bundeskanzlerin Angela Merkel reist diese Woche nach China. Kann sie den neuen Kalten Krieg zwischen den USA und China noch stoppen?
Nein, die lange Zeit sehr engen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Erde sind dauerhaft zerstört. Selbst ein Deal zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem chinesischen Kontrahenten Xi Jinping im Handelsstreit kann einen neuen Kalten Krieg nicht mehr verhindern.

Warum nicht?
Es gibt inzwischen in Washington einen überparteilichen Konsens, dass China nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch und geopolitisch eine Bedrohung für die USA darstellt. Und umgekehrt wächst auch in Peking die Zahl der Scharfmacher, die dafür gesorgt haben, dass es bislang zu keiner Einigung im Handelskonflikt gekommen ist.

Die Auseinandersetzung mit China ist auch ein Kampf um Werte. In Hongkong wird gerade um Demokratie und Freiheit gerungen. Welche Bedeutung hat das für den Rest der Welt?
Wenn Peking die Proteste in Hongkong gewaltsam niederschlägt, wiederholt China die Fehler, die die Sowjets 1956 in Budapest und 1968 in Prag gemacht haben. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass sich Peking immer noch zurückhält.

Wie würde Amerika auf eine Militärintervention Chinas in Hongkong reagieren?
Trump interessiert sich nicht besonders für das Schicksal der Demonstranten in Hongkong. Aber US-Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo würden einen Einmarsch der Volksbefreiungsarmee zum Anlass nehmen, um die unterschiedlichen Werte zwischen China und dem Westen deutlich zu machen. Diesen Imageschaden will man in Peking unbedingt vermeiden.

Wie wird der Konflikt ausgehen?
Peking setzt darauf, dass die Proteste im Laufe der Zeit einschlafen. Das glaube ich aber nicht. Für Peking bleibt es ein Dilemma, und möglicherweise wird China irgendwann die Armee schicken. Auch das wäre eine Parallele zum ersten Kalten Krieg, wo Moskau immer mal wieder Proteste der Bevölkerung niederschlagen ließ.

Vita Niall Ferguson

Der streitbare Professor

Ferguson stürzt sich gern in politische Debatten. Legendär ist sein Schlagabtausch mit dem linksliberalen Ökonomen Paul Krugman über die richtige Wirtschaftspolitik nach der Finanzkrise. Bei der Präsidentschaftswahl 2012 hat Ferguson den Republikaner Mitt Romney unterstützt. Der gebürtige Schotte forscht und lehrt an der Hoover Institution, einem konservativen „Thinktank“ der Stanford University.

Der Erfolgsautor

Ferguson hat zahlreiche Bücher geschrieben. Berühmt wurde der Historiker etwa mit den Bestsellern „Der Aufstieg des Geldes“ (2008) und „Der Westen und der Rest der Welt“ (2011). Unter Kollegen gelten vor allem seine Biografien über die Finanzdynastien Rothschild und Warburg sowie über Henry Kissinger als wegweisend. Sein jüngstes Buch „Türme und Plätze“ (2018) beschäftigt sich mit der Macht sozialer Netzwerke. Ferguson ist mit der Menschenrechtsaktivistin Ayaan Hirsi Ali verheiratet.

Sie haben 2006 den Begriff „Chimerica“ erfunden, um die symbiotischen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Großmächten zu beschreiben. Heute sagt Präsident Trump, Amerika brauche China nicht mehr. Was ist passiert?
Mein Kollege Moritz Schularick und ich stellten damals fest, dass die niedrigen Arbeitskosten in China und die hohen Ersparnisse der Chinesen zu einem weltweiten Boom gerade auch in den USA führten. Vor unseren Augen entstand das Bild einer gemeinsamen globalen Volkswirtschaft, die wir „Chimerica“ nannten.

Wie kam es von der Symbiose zum Wirtschaftskrieg?
Schon damals war erkennbar, dass es ein Boom auf Pump war, und zwar angefeuert von den Ersparnissen der Chinesen. Es ist ungewöhnlich, dass die Ersparnisse eines ärmeren Landes in ein reiches Land fließen. Und das konnte auch nicht lange gut gehen. Die Finanzkrise 2008 war dann der Beweis dafür. Damals glaubten wir, Chimerica sei bereits tot.

Was aber nicht der Fall war.
Nein, die Chinesen legten ein Konjunkturprogramm auf, das für die Erholung der Weltwirtschaft vermutlich wichtiger war als alles, was die damalige Regierung in Washington tat. Dadurch wurden die wirtschaftlichen Abhängigkeiten zwischen China und den USA noch größer. So überlebte Chimerica sogar die Finanzkrise.

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Jetzt möchte Trump aber am liebsten alle wirtschaftlichen Brücken zu China abbrechen. Warum?
Ja, der Bruch kam bereits 2015/16. Zunächst wertete China seine eigene Währung ab, und in den USA wurde die Kritik an dieser Währungsmanipulation stärker. Dann wurde mit Trump ein Präsident gewählt, der seinen Wählern versprochen hatte, China mit Strafzöllen zu überziehen. Heute ist Chimerica tot. Trump hat den Handelskrieg mit China auf den Technologiesektor und den Währungsbereich ausgeweitet. Daraus ist ein neuer Kalter Krieg entstanden.

War der Konflikt durch Chinas wirtschaftliche Entwicklung zu einem ebenbürtigen Rivalen der USA programmiert?
Das ist sicherlich ein wichtiger Grund, warum Chimerica heute nicht mehr funktioniert. Hinzu kommt, dass China heute kein Billiglohnland mehr ist und auch keine hohen Leistungsbilanzüberschüsse mehr erwirtschaftet, die es dann als billiges Kapital in den USA anlegen muss.

Von Beginn an hat China mehr von den engen Beziehungen zu den USA profitiert als umgekehrt. Überraschend ist an der Entwicklung nur, dass die Amerikaner so lange gebraucht haben, um zu erkennen, dass China anders als die damalige Sowjetunion oder Japan zu einem ebenbürtigen, strategischen Rivalen heranwachsen würde.

Trump hat das als Erster erkannt?
Ja, seine Wahl war wie ein Weckruf im Verhältnis zu China. Bis dahin waren Republikaner und Demokraten in den USA blinde Verfechter der Globalisierung und glaubten, dass China sich im Laufe seiner Entwicklung immer mehr an das liberale Wirtschaftsmodell des Westens anpassen würde.

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