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19.07.2022

16:25

Hitzewelle

Anhaltende Dürre bedroht Spaniens Ernte – so will der Landwirtschaftsminister das künftig verhindern

Von: Sandra Louven

Allein die Getreideernte soll um zehn Prozent einbrechen. Landwirtschaftsminister Planes kämpft mit Milliarden gegen die Krise – und spricht sich für den Öko-Anbau aus.

Spanien leidet dieses Jahr unter einer extremen Hitzewelle und Dürre. imago images/Cavan Images

Ausgetrocknetes Flussbett

Spanien leidet dieses Jahr unter einer extremen Hitzewelle und Dürre.

Madrid Das Büro des spanischen Landwirtschaftsministers Luis Planas hat etwas von einem Ballsaal – meterhohe Decken, Holzvertäfelung an den Wänden und jede Menge Platz zwischen Schreibtisch, Sofaecke und Besprechungstisch. Doch auch in den luftig angelegten Räumen des Ministeriums aus dem 19. Jahrhundert surren derzeit die Klimaanlagen.

Spanien leidet unter immer neuen Hitzewellen und extremer Trockenheit. Feuer haben in diesem Jahr bislang 73.000 Hektar Erde verbrannt – das ist bereits zur Jahresmitte 80 Prozent mehr als der Durchschnitt der vergangenen Jahre. Die starke Trockenheit macht auch der Landwirtschaft zu schaffen. „Wir produzieren normalerweise 20 Millionen Tonnen Getreide pro Jahr, dieses Jahr werden es nur 17 bis 18 Millionen Tonnen sein“, sagt Planas im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Doch das ist nicht seine einzige Sorge: Je weniger Nahrungsmittel produziert werden können, desto größer wird ein Problem, das nicht nur Spanien, sondern ganz Europa treffen dürfte: die Zunahme von illegaler Einwanderung aus Afrika. „Fehlende Lebensmittel bedrohen nicht nur die Existenz der Menschen dort, sondern steigern auch den Migrationsdruck in Richtung Europa“, sagt Planas. Spanien stellt sich als Südgrenze der EU seit Jahren gegen illegale Migranten aus Afrika, die über Spanien weiter nach Nordeuropa wollen.

„Spanien macht sich große Sorgen um die Lebensmittelversorgung in Mittelmeerländern wie Ägypten, Libanon und Tunesien, die stark von Importen aus Russland und der Ukraine abhängen – ebenso wie viele Länder südlich der Sahara“, erzählt Planas.

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    Anders als etwa Tomaten oder Salat benötigt Getreide keine künstliche Bewässerung, sondern kommt in der Regel mit Regenwasser aus. Wenn das aber ausbleibt, vertrocknet die Ernte. Spanien ist zwar kein Exporteur von Getreide, sondern importiert zusätzlich zur eigenen Produktion. Doch die Probleme dort sind exemplarisch für die in anderen Ländern.

    Dürre und Krieg treiben die Preise in die Höhe

    Frankreich, Europas größter Weizenexporteur, geht davon aus, dass die Produktion in diesem Jahr um sieben Prozent sinkt. Die EU-Kommission hat ihre Prognose EU-weit um fünf Millionen auf 125 Millionen Tonnen reduziert. Und der Rückgang kommt just zu einer Zeit, in der durch den Krieg in der Ukraine ohnehin ein großer Weizenmangel herrscht und eine globale Hungerkrise droht.

    „Der Gemüsegarten Europas zu sein, wird uns in nicht allzu langer Zeit dazu verdammen, das am meisten verödete Land Europas zu sein.“ Julio Barea, Greenpeace-Sprecher in Spanien

    Die Kombination aus Dürre und Krieg bedroht aber nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln. Sie treibt auch deren Preise weiter in die Höhe, die durch höhere Kosten für Energie, Dünger und Tierfutter ohnehin bereits Rekordwerte erreicht haben.

    „Mittelfristig ist das eine Gefahr, weil sich viele Bauern die Produktion schlicht nicht mehr leisten können“, warnt Planas. Madrid hat für die Landwirte deshalb bereits im März Dürrehilfen sowie ein Hilfspakt zur Linderung der Kriegsfolgen beschlossen.

    Um den Preisanstieg zu bremsen, müsse nun sichergestellt werden, dass Getreideexporte aus der Ukraine möglich sind, fordert Planas. Eine Einigung darauf scheint sich bei den diese Woche weiter laufenden Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine abzuzeichnen. Spaniens Landwirtschaftsminister fordert zudem, dass Länder wie Indien, die einen Exportstopp für ihre Agrarprodukte verhängt haben, diesen aufheben. Staaten, die sich die hohen Preise nicht leisten könnten, bräuchten jetzt finanzielle Unterstützung, so Planas.

    Greenpeace fordert weniger Landwirtschaft

    Im eigenen Land rechnet er infolge der Trockenheit nicht nur für Weizen mit einer geringeren Ernte, sondern auch für Oliven, die ebenfalls vom Regenwasser leben. Noch sei es aber zu früh, um den Ausfall seriös abzuschätzen. Der Bauernverband UPA in Granada warnt indes, dass ein Viertel der Olivenproduktion dieses Jahr ausfallen werde.

    Spanien ist der viertgrößte Exporteur von Agrarprodukten in Europa, Deutschland der zweitgrößte Abnehmer. Die Landwirtschaft ist für Spanien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor – sie macht 8,9 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

    Die Klimaprognosen verheißen auch für die Zukunft nichts Gutes. „Alle wissenschaftlichen Studien gehen davon aus, dass die Niederschlagsmengen bis zum Jahr 2030 um rund 20 Prozent sinken werden“, so Planas.

    Der Landwirtschaftsminister bricht eine Lanze für den Ökoanbau. imago images/Agencia EFE

    Luis Planas

    Der Landwirtschaftsminister bricht eine Lanze für den Ökoanbau.

    Die Umweltschutzorganisation Greenpeace fordert deshalb weniger Landwirtschaft in Spanien. „Der Gemüsegarten Europas zu sein, wird uns in nicht allzu langer Zeit dazu verdammen, das am meisten verödete Land Europas zu sein“, prophezeit Julio Barea, Sprecher der Umweltschutzorganisation.

    „Wir tun so, als wären wir Finnland, aber wir sind Afrika“, sagt Barea. Nach seinen Angaben entfallen 80 Prozent des spanischen Wasserkonsums auf die Bewässerung von Agrarflächen. Planas beziffert den Anteil dagegen mit 60 Prozent und versichert: „Weniger Landwirtschaft ist weder in Spanien noch sonst wo in Europa eine Lösung.“

    Er setzt auf eine nachhaltige Bewirtschaftung und intelligente Bewässerungssysteme: „Wenn wir mit Drohnen und per Satellit die Feuchtigkeit des Bodens und seinen Bedarf an Düngemitteln überwachen, können wir Wasser und Dünger sparen und trotzdem die Produktion erhöhen – das ist der Weg, den wir einschlagen.“

    Drohnen messen den Wasserbedarf der Pflanzen

    Bereits heute überfliegen Drohnen einige Felder und geben anhand eines Farbschemas an, welcher Teil Wasser oder Dünger benötigt. Auch der ideale Zeitpunkt für die Ernte lässt sich mithilfe der fliegenden Kameras bestimmen. Sie sind Teil der sogenannten Landwirtschaft 4.0, die die Produktion effizienter und nachhaltiger machen soll.

    „Weniger Landwirtschaft ist weder in Spanien noch sonst wo in Europa eine Lösung.“ Spaniens Landwirtschaftsminister Luis Planas

    Dazu zählen auch moderne Bewässerungssysteme: Statt die Felder mit Wasserwerfern zu fluten, wird zunehmend lokal gewässert – mit Schläuchen, die wie in manchem privaten Garten um jeden einzelnen Zitronenbaum auf dem Feld gelegt sind. So können etwa nur die Pflanzen bewässert werden, die es nötig haben. Die Schläuche erlauben auch die wassersparende Tröpfchenbewässerung, bei der kaum etwas vom wertvollen Nass verloren geht.

    Spanien investiert bis zum Jahr 2027 rund 2,1 Milliarden Euro in die Modernisierung seiner Bewässerungsanlagen auf 200.000 Hektar Fläche. Dazu zählen auch Systeme, die neben dem Wasser auch Dünger abgeben. Hinzu kommen die Nutzung von Brauch- oder Meerwasser, das mit Entsalzungsanlagen aufbereitet wird, sowie die Digitalisierung der Bewässerungssysteme. Insgesamt soll dies den Wasserverbrauch um zehn Prozent senken.

    Wissenschaftler wie Piero Lionello, Professor für Atmosphärenphysik und Ozeanografie von der italienischen Universita del Salento, gehen davon aus, dass der Wassermangel eine Folge des Klimawandels ist, die sich vergleichsweise gut mit derartigen Innovationen abfedern lässt.

    „Die schlechte Nachricht ist, dass Wasserknappheit ein Thema bleiben wird“, sagte er der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Aber die gute Nachricht ist, dass dies einer der Bereiche ist, wo Maßnahmen erfolgreicher sein können.“

    Spanien weitet Öko-Anbau aus

    Planas bricht deshalb auch eine Lanze für den Bioanbau. „Wir Landwirtschaftsminister debattieren in Brüssel immer darüber, ob eine grüne Landwirtschaft in der Lage ist, das aktuelle Produktionsniveau aufrechtzuerhalten“, erzählt er. „Und ich bin mir sicher, dass es geht.“

    Einige Kritiker fordern, den Öko-Anbau zu reduzieren, um die Welt weiter ernähren zu können. Schließlich liefert der Bio-Anbau auf der gleichen Fläche weniger Ernte als die konventionelle Landwirtschaft. Laut Planas liegt die Differenz bei 15 bis 20 Prozent.

    Die EU will den Bio-Anteil bis zum Jahr 2030 auf 25 Prozent steigern. „Ich gehe davon aus, dass wir das in Spanien schaffen werden“, sagt Planas. Im vergangenen Jahr lag der Anteil der ökologischen Landwirtschaft in Spanien bei elf Prozent.

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