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07.01.2022

15:11

Industrienormen

Konkurrenz aus China im russischen Markt wächst

Von: André Ballin

China versucht zunehmend, eigene Standards in Russland zu setzen – und weitet seinen Einfluss in technischen Komitees aus. Das erschwert den Europäern den Zugang zum Markt.

Was muss wie groß, was muss wie sicher sein? In Deutschland unterliegen sehr viele Produkte einer klaren Normierung. imago stock&people

Das Deutsche Institut für Normung

Was muss wie groß, was muss wie sicher sein? In Deutschland unterliegen sehr viele Produkte einer klaren Normierung.

Moskau Wer versucht, Anlagen nach Russland zu exportieren, kann mitunter schon an einer einfachen Stahltreppe scheitern. Denn Stahltreppe ist nicht gleich Stahltreppe. Die Anforderungen der deutschen Industrienorm (DIN) und des russischen Standards GOST unterscheiden sich, bei den Abmaßen der Stufen etwa oder der Maximalhöhe der Treppe. Auch das Treppengeländer muss in Russland höher sein als in Deutschland.

„Jeder, der eine Stahlkonstruktion designt, muss praktisch zweimal designen, einmal nach europäischer Norm, das andere Mal nach russischer Norm. Und dann muss er das in Russland noch einmal bestätigen lassen“, sagt Thomas Krause. Der Chemnitzer kennt den russischen Markt genau, ist seit 14 Jahren dort tätig. Seine Alpha Consulting berät große Maschinenbauer wie McDermott, Siemens oder MAN bei Projekten in Russland.

Nun kommt ein weiteres Hindernis hinzu, das alle europäischen Unternehmen trifft, die in Russland Fuß fassen wollen: die wachsende Konkurrenz aus China. Das Land versucht zunehmend, eigene Normen zu setzen und damit den Zugang für Europäer weiter zu erschweren.

Eigenen Unternehmen den Marktzugang verschaffen

In den internationalen Normengremien besetzt China mittlerweile verstärkt die Sekretariate technischer Komitees, um eigene Technologien als internationalen Standard durchzusetzen und somit heimischen Unternehmen Vorteile zu verschaffen. „Wir waren schon in Sitzungen, wo wir mit vier, fünf internationalen Kollegen 20 chinesischen Experten gegenübersaßen, die einen fertigen Normenentwurf präsentierten“, berichtet Benjamin Oppermann, Leiter Normung & Standardisierung bei SMS Group. Er führt als Chairman die europäischen Normenkomitees für metallurgische Anlagen.

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    Kein Wunder, dass die Norm hart umkämpft ist. Russland zählt zu den wichtigsten Märkten – auch für die deutsche Industrie. Doch unterschiedliche Standards und Normen sind eins der größten Hindernisse beim Markteinstieg, gerade für kleine und mittelständische Unternehmen. Wer eine Schaltanlage in den von Russland geführten Eurasischen Wirtschaftsraum (EAWU) exportieren will, muss 10.000 bis 15.000 Euro für Prüfungen und Zertifizierungen ausgeben. 

    Was für kleine Firmen den Marktausschluss bedeutet, verursacht auch großen Konzernen erheblichen Aufwand. Die SMS Group liefert Anlagen für die Stahl- und Eisenerzeugung nach Russland. Auf rund zehn Prozent des Auftragsvolumens beziffert Benjamin Oppermann die Kosten für Prüfung und Zertifizierung der Waren. Ein branchenüblicher Wert für die Kosten der Standardisierung – und bei Margen von etwa 15 Prozent durchaus schmerzhaft. 

    Es gibt noch weitere Risiken: Rohrleitungen, die SMS liefert, müssen nach einem russischen System berechnet werden. „Das darf nur jemand, der in Russland dafür auch zugelassen ist“, sagt Oppermann. SMS muss daher externe Firmen hinzuziehen, die die Berechnungen durchführen. „Das ist immer ein Spagat: Wie viel geben Sie heraus, damit Sie das Produkt dann am Ende auch noch selber bauen können und nicht jeder weiß, wie Sie die Rohrleitung auslegen und welche Materialien Sie nehmen“, so Oppermann.

    Deutsch-russische Initiative zur Harmonisierung der Normen 

    Dabei haben die Russen mit den gleichen Problemen zu kämpfen, wenn sie nach Westeuropa wollen. Auch hier sind die Markteintrittshürden hoch. 2018 haben der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft und der Russische Unternehmer- und Industriellenverband (RSPP) die deutsch-russische Initiative zur Harmonisierung der technischen Reglements gestartet. Herausgekommen ist ein gemeinsames Papier mit Empfehlungen zur Normenangleichung.

    Unter anderem soll Russland das Glossar zu Industrie 4.0 übernehmen. Mehr als nur ein Stück Papier, glaubt Krause. Durch die Beteiligung des RSPP habe die Initiative mächtige Lobbywirkung. „Der Prozess ist angeschoben“, die zuständigen Behörden seien am Harmonisierungsprozess beteiligt, bestätigt Oppermann.

    Als Erstes soll die gegenseitige Anerkennung von Prüfprotokollen und Laboratorien durchgewunken werden. Dann gilt ein TÜV auch in Russland. Allein das könnte der deutschen Wirtschaft einen dreistelligen Millionenbetrag einsparen. Bis zur vollständigen Angleichung der Normen werden aber noch ein paar Jahre vergehen.

    Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn China lobbyiert ebenfalls eigene Standards. Peking hat bereits vor einiger Zeit erkannt: Wer die Norm hat, hat auch den Markt.

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