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07.07.2021

19:05

Inflation

Lebensmittelpreise in Schwellenländern explodieren

In Russland und der Türkei, in Brasilien und Nigeria werden Lebensmittel rasant teurer. Eine kurzfristige Trendwende ist nicht absehbar. Die politisch Verantwortlichen stehen unter Druck.

Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Tomaten oder Zwiebeln haben sich teilweise verdoppelt. AP

Markt in Istanbul

Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Tomaten oder Zwiebeln haben sich teilweise verdoppelt.

Düsseldorf, Berlin, Istanbul, Salvador, Kapstadt Die Worte des libanesischen Regierungschefs Hassan Diab in dieser Woche waren verzweifelt: „Der Libanon ist nur wenige Tage von einer sozialen Explosion entfernt“, warnte er. Die Menschen hungern.

Der Preis für Lebensmittel hat sich in der Wirtschaftskrise des Landes verdreifacht. Essen ist angesichts dieser Preissteigerungen für viele Familien zum Luxusgut geworden, warnt das Kinderhilfswerk Unicef.

So schlimm wie im Libanon ist die Lage in den meisten Ländern nicht, doch zweistellige Preisanstiege für Grundnahrungsmittel schüren den Unmut in der Bevölkerung der Schwellen- und Entwicklungsländer derzeit weltweit und setzen die politische Führung unter Druck.

Die Regierungen wissen um die Sensibilität des Themas, wurde doch der Arabische Frühling etwa durch hohe Preissteigerungen für Lebensmittel in Tunesien ausgelöst. Russland etwa setzt als Gegenmaßnahme die Preise für einen Teil der Lebensmittel staatlich fest, Argentinien verbietet den Export von Rindfleisch ins Ausland – und Zinserhöhungen etwa in Südafrika sollen die Teuerung bremsen.

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    Der Lebensmittelpreisindex der Vereinten Nationen ist im Mai auf den höchsten Stand seit fast einem Jahrzehnt gestiegen. Die hohe Nachfrage aus China vor allem nach Getreide, Fisch und Fleisch ist ein Grund.

    Der weltweite Inflationsdruck infolge einer ultralockeren Geldpolitik und infolge hoher Energiepreise für die Agrarproduktion ein weiterer. „Es ist total chaotisch“, klagt ein Händler in Nigerias Wirtschaftsmetropole Lagos , dem ein kleiner Fruchtsaftladen gehört. Die Teuerungsrate für Lebensmittel ist hier auf den höchsten Stand seit 20 Jahren gestiegen.

    Grafik

    Während die Inflation insgesamt bei 18 Prozent liegt, sind es bei Nahrungsmitteln fast 25 Prozent. Die Preissteigerungen treffen Länder ohne sozialen Schutz besonders hart. In Nigeria sind mehr als die Hälfte der Menschen arbeitslos oder unterbeschäftigt. Schon vor der Covid-19-Pandemie lebten rund 80 Millionen der inzwischen 200 Millionen Einwohner von einem Einkommen unter der Armutsgrenze von 1,90 Dollar am Tag.

    Russland: Putin muss sich für Kartoffelpreise rechtfertigen

    In Russland sind die teuer werdenden Lebensmittel auch für Präsident Wladimir Putin ein unangenehmes Thema. Warum Bananen aus Ecuador teurer seien als Möhren und Kartoffeln aus umliegenden Regionen Russlands, wollte Anruferin Valentina während seiner jährlichen Fernsehsendung von ihm wissen.

    Allein für Zucker ist der Preis in Russland um 48, für Kartoffeln sogar um 49 Prozent gestiegen. Putin verteidigte sich mit dem weltweiten Trend. „Die Preise steigen überall, nicht nur in Russland.“ Russische Molkereien kündigten gleich einen Tag später eine Preissteigerung für Milch um weitere zehn Prozent an.

    Allein der Preis für Kartoffeln ist um 49 Prozent gestiegen. Reuters

    Lebensmittelmarkt in Russland

    Allein der Preis für Kartoffeln ist um 49 Prozent gestiegen.

    Die Schuld für die stark gestiegenen Lebensmittelpreise wies Putin denjenigen Ländern zu, die die Inflation durch eine zu lockere Geldpolitik in die Höhe trieben. In Russland ist die Zahl der unter der Armutsgrenze Lebenden auf ein Fünftel der Bevölkerung gestiegen.

    Auch deshalb setzt der Kreml auf staatliche Preisvorgaben: Die Lebensmittelpreise werden inzwischen genau verfolgt von der Regierung. Und sie setzt für 90 Tage diese Preise fest, wenn sie in den vergangenen 30 Tagen um mindestens 30 Prozent angezogen haben.

    Zentralbank, Handelsketten und Ökonomen streiten heftig über Sinn und Zweck sowie die wirtschaftlichen Folgen der Lebensmittelpreis-Fixierungen. Doch während die Wirtschaftsliberalen die Eingriffe verurteilen, braucht Putin vor den wichtigen Duma-Wahlen im September Ruhe an der Preisfront, wenn er seine nunmehr fast wöchentlichen Versprechungen neuer Sozialleistungen nicht völlig unbezahlbar machen will.

    Türkei: Teurer Dünger treibt die Preise

    In der Türkei verspricht die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan, politische Schritte gegen die Preisexplosion zu unternehmen. Es gibt Hilfsprogramme, reduzierte Mehrwertsteuersätze und zinsgünstige Kredite.

    Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Tomaten oder Zwiebeln haben sich teilweise verdoppelt. Im Juni lag die Inflation bei 17,5 Prozent, für Lebensmittel sogar bei 20 Prozent. Die Erzeugerpreise der Unternehmen stiegen im Juni sogar um 42,9 Prozent. Das dürfte zeitverzögert auf die Verbraucherpreise durchschlagen und Lebensmittel weiter verteuern.

    Türkische Landwirte müssen Dünger und Maschinen sowie Verpackungsmaterial importieren. Wegen der hohen Nachfrage auf den Weltmärkten sind die Preise für diese Güter – meist auf Dollar- und Euro-Basis – ebenfalls gestiegen, was sich in der Türkei angesichts der schwachen Lira noch stärker auswirkt. Allein die Preise für Plastikverpackungen oder Etiketten haben sich seit Jahresbeginn im Land verdoppelt. „Ob Saatgut, Dünger, Medizin, Verpackungen oder Treibstoff – alles kommt aus dem Ausland“, klagte die Wirtschaftszeitung „Dünya“ in einem Kommentar.

    Auch der Einkaufspreis für Sonnenblumenöl – ein Grundstoff für die Konservenindustrie – sei binnen eines Jahres von 7000 auf 15.000 Lira pro Tonne gestiegen. Nach Angaben eines Branchenverbands sind die Schulden für Landmaschinen und Dünger in dem Sektor zuletzt um mehr als zehn Prozent auf 205 Milliarden Lira gestiegen. Die Pandemie sowie die grassierende Inflation haben dazu geführt, dass es vielen Menschen im Land schlechter geht.

    Afrika: Import von Lebensmitteln belastet

    Die Lebensmittel- und Agrarorganisation der Vereinten Nationen (FAO) prognostiziert für dieses Jahr, dass die Importpreise für Lebensmittel nach einem Anstieg um zwölf Prozent auf ein Allzeithoch steigen dürften. Das Problem, warnte die FAO in dieser Woche, seien vor allem die verletzlichen Länder – mit niedrigen Einkommen und einer Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten.

    Das gilt für viele Länder in Afrika: 35 der 48 schwarzafrikanischen Länder sind Lebensmittelimporteure. Seit den Siebzigerjahren hat sich Afrikas Anteil an den weltweiten Agrarexporten auf unter vier Prozent halbiert. 

    Seit den Siebzigerjahren hat sich Afrikas Anteil an den weltweiten Agrarexporten auf unter vier Prozent halbiert.  Reuters

    Markt in Nigeria

    Seit den Siebzigerjahren hat sich Afrikas Anteil an den weltweiten Agrarexporten auf unter vier Prozent halbiert. 

    Der Kontinent muss derzeit Lebensmittel im Wert von rund 50 Milliarden Dollar pro Jahr einführen – eine Summe, die sich innerhalb der kommenden fünf Jahre wegen des Bevölkerungswachstums verdoppeln dürfte. Auf diese Weise verschwendet der Kontinent kostbare Devisen, die weit nutzbringender in Kapitalgüter wie Traktoren, Sprinkleranlagen oder Drohnen fließen könnten.

    Südamerika hingegen ist der wichtigste Lieferant des Weltmarktes für Agrarprodukte – und dennoch erlebt die Bevölkerung dort die höchsten Lebensmittelpreissteigerungen weltweit. Die südamerikanischen Farmer haben in den vergangenen Mobnaten eine Rekordernte eingefahren – und konnten entsprechend mehr nach China exportieren, dem wichtigsten Abnehmer für Soja, Hühnerschlegel und Mais aus dem Amazonasland.

    Südamerika: Chinas Nachfrage treibt die Preise

    Für die Konsumenten in Brasilien, Argentinien und Chile ist das wenig erfreulich: Denn die Preise für Bohnen, Reis, Zucker und Pflanzenöle, aber auch für Fleisch von Rind, Geflügel und Schwein stiegen im Mai so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr.

    In Brasilien, dem größten Rindfleischexporteur weltweit, können sich immer weniger Menschen Fleisch leisten. Auf 28 Kilogramm ist der Durchschnittkonsum gesunken. 2009 war es noch fast doppelt so viel.

    Der Steakkonsum werde weiter abnehmen, schätzen die Experten des Statistischen Amtes IBGE. dpa

    Rindfleischexport in Argentinien

    Der Steakkonsum werde weiter abnehmen, schätzen die Experten des Statistischen Amtes IBGE.

    Der Steakkonsum werde weiter abnehmen, schätzen die Experten des Statistischen Amtes IBGE: „Vor allem die ärmeren Konsumenten ersetzen jetzt Rindfleisch durch Eier.“ In Argentinien hat die Regierung die Rindfleischexporte gar verboten, um Unterversorgungen und Preisanstiege zu bremsen. Genutzt hat es wenig.

    Die hohen Ölpreise lassen Biodiesel und Ethanol wieder attraktiv werden. Die Farmer verkaufen Mais oder Soja an Tankstellenkonzerne. Zuckerkonzerne produzieren Ethanol statt Zucker. Das Dilemma „Tank oder Teller“ bekommt eine neue Aktualität. Die Befürchtung ist, dass die Preissteigerungen noch zunehmen dürften, wenn die Produzenten ihre Preiserhöhungen für Treibstoffe und Agrarprodukte an die Konsumenten weitergeben.

    2020 konnten die Farmer noch zu fast gleichen Kosten wie im Vorjahr produzieren. Doch nun sind die Preise für Pflanzenschutzmittel, Dünger und Diesel kräftig gestiegen. „Die Verbraucherpreise werden deshalb in den kommenden Monaten stark ansteigen“, prognostiziert Solange Srour, Chefökonomin von Credit Suisse in Brasilien.

    Die schwachen Währungen in Brasilien und Argentinien verteuern die in Dollar gehandelten Agrar-, Energie- und Industrierohstoffe. Für die Regierungen dieser Länder ist das ein explosives Gemisch: Schon jetzt demonstrieren die Menschen in Ecuador, Kolumbien, aber auch in Peru, Bolivien und Chile für bessere Leistungen vom Staat und für mehr soziale Gerechtigkeit.

    Durch die Pandemie sind viele Südamerikaner aus der Mittelschicht abgestiegen in die Armut. Selbst im reichen Brasilien grassiert wieder der Hunger – der eigentlich schon längst besiegt schien. Preiserhöhungen wie für Mais in Mexiko oder in den Andenländern können schnell zu Revolten führen. 

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