Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

18.06.2021

09:40

Innovationen

Konkurrenz aus dem Ausland: Wirtschaft kooperiert weniger mit deutschen Hochschulen

Von: Barbara Gillmann

Die Wirtschaft lässt immer weniger an deutschen Hochschulen forschen, zeigen neue Zahlen des Stifterverbands. Viele Unternehmen forschen lieber im internationalen Verbund.

Die Technische Universität München gilt als gefragter Kooperationspartner der Wirtschaft. dpa

Studenten der Technischen Universität München mit einem Satelliten-Prototyp

Die Technische Universität München gilt als gefragter Kooperationspartner der Wirtschaft.

Berlin Die deutsche Wirtschaft hat den Hochschulen erneut weniger Forschungsaufträge erteilt: 2019 sank deren Wert um 0,2 Prozent auf 1,502 Milliarden Euro. Das zeigen neue Daten des Stifterverbandes, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen. Danach sind die Forschungsaufträge der Unternehmen bereits das dritte Mal in den vergangenen 20 Jahren in absoluten Zahlen zurückgegangen (siehe Grafik).

Zudem zeigt der generelle Trend nach unten: In den Jahren 2007 und 2008 hatten die Forschungsaufträge aus der Wirtschaft noch um jeweils rund neun Prozent zugelegt. Seither waren es im Schnitt nur noch 2,1 Prozent - Tendenz fallend.  Die Entwicklung steht im Gegensatz zu den deutlich gestiegenen Gesamtausgaben der Wirtschaft für Forschung und Entwicklung. 

„Die Dynamik der Kooperationen zwischen Hochschulen und Wirtschaft lässt seit vielen Jahren nach“, warnte Andreas Barner, Präsident des Stifterverbandes, soeben auf einem Hochschulkongress. Deutschland brauche daher „eine Dekade der Konzentration auf den Transfer“.

Die Frage des suboptimalen Transfers von der Wissenschaft in die Wirtschaft wurde zuletzt in Fachkreisen vehement diskutiert. FDP und Grüne haben detaillierte Vorschläge vorgelegt, wie sie die Kooperation ankurbeln würden. Beiden Parteien schwebt dafür die Gründung einer neuen Agentur nach dem Vorbild der Deutschen Forschungsgemeinschaft vor, die speziell die Kooperation mit den Unternehmen und Firmengründungen aus Hochschulen heraus (Ausgründungen) fördert. 

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die CDU verspricht im Entwurf ihres Wahlprogramms ein „Transferfreiheitsgesetz“, um die Rahmenbedingungen für Ausgründungen zu verbessern: Das Beihilfe- und Gemeinnützigkeitsrecht soll so geändert werden, dass Unterstützungsleistungen in der Frühphase gemeinnützig sind. 

    Mit der rückläufigen Auftragsforschung sinkt auch die Bedeutung der Unternehmen für die Finanzierung der Hochschulen insgesamt. Ihr Anteil an allen Drittmitteln der Hochschulen ist seit 1999 von knapp 29 auf 17 Prozent gesunken. 

    Drittmittel sind solche Mittel, die die Hochschulen zusätzlich zu ihrer Grundfinanzierung durch die Länder einwerben: Insgesamt waren das zuletzt  8,7 Milliarden Euro und damit gut ein Fünftel der gesamten Hochschulfinanzierung in Höhe von 40,3 Milliarden Euro im Jahr. Mehr als 60 Prozent der Drittmittel stammen von der Deutschen  Forschungsgemeinschaft und dem Bund, die Wirtschaft folgt auf Platz drei.

    Der Wissenschaftsexperte des Stifterverbandes, Mathias Winde, erklärt den Rückgang der Kooperationen auch mit der Digitalisierung, mit deren Hilfe eben auch internationale Forschungskooperationen „heute schneller und unkomplizierter umgesetzt werden können“. Zudem habe sich die  Forschung in vielen Bereichen auf Digitalisierungsthemen verlagert. 

    Der Bundesverband der Industrie (BDI) verweist darauf, dass die Forschungsaufträge der Wirtschaft insgesamt in den letzten Jahren im Schnitt gestiegen seien. Unternehmen schätzten die enge Kooperation mit deutschen Hochschulen auch weiterhin sehr, sagt Iris Plöger, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung, aber „gerade in hochspezialisierten Gebieten forschen sie zunehmend auch im internationalen Austausch mit anderen Partnern.“  

    BDI hofft auf Auftrieb durch die neue Forschungszulage 

    Der BDI geht aber davon aus, dass die neue Forschungszulage die Forschungsausgaben der Unternehmen generell deutlich erhöhen kann - und damit „auch die Auftragsforschung an deutschen Hochschulen“, zeigte sich Plöger überzeugt. 

    Die Forschungszulage war 2020 eingeführt worden und kann seit April dieses Jahres beantragt werden. Die CDU will sie verdoppeln, heißt es im Entwurf des Wahlprogramms. 

    „Corona-bedingt konnte die Forschungszulage jedoch noch nicht richtig zünden“, gab BDI-Vertreterin Plöger zu bedenken. Daher sei es umso wichtiger, dass Deutschland das Ziel, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2025 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern, nicht aus den Augen verliere. Zuletzt waren es 3,1 Prozent. 

    Hochschulrektoren beklagen Rückgang der Forschung im Mittelstand 

    Auch die Hochschulen selbst hoffen auf einen Aufwind der Beziehungen zur Wirtschaft durch die neue Forschungszulage. „Seit Längerem müssen wir feststellen, dass die Forschungsaktivitäten gerade mittelständischer Unternehmen zurückgehen“, sagte Hochschulrektorenpräsident Peter-André Alt dem Handelsblatt. „Wir begrüßen daher alle Maßnahmen, die eine Stärkung der Forschungstätigkeit des Mittelstands sowie kleiner und mittlerer Unternehmen voranbringen und sehen die Hochschulen als geborenen Forschungspartner in den regionalen Innovationsökosystemen.“ Da gerade die Unternehmen des Mittelstands von der neuen Regelung profitieren würden, werde dies hoffentlich auch dazu führen, dass wieder vermehrt Forschungsvorhaben mit Hochschulen als Kooperationspartner durchgeführt würden.

    Im Gegenzug zur Internationalisierung der Forschung deutscher Unternehmen dürften jedoch auch vermehrt ausländische Unternehmen in Deutschland forschen lassen - hoffen die Hochschulen. Sie verweisen etwa auf das Beispiel Apple: Der Konzern baut gerade mit drei Milliarden Euro die bestehenden Forschungs- und Entwicklungsabteilungen im Großraum München zum europäischen Zentrum für Chip-Design aus. 

    Die Standortwahl begründete Apple-Chef Tim Cook in einem Interview so: Man könne in der bayrischen Hauptstadt „ein Team beschäftigen, das wir an einem anderen Ort auf der Welt so nicht zusammenstellen könnten. Wir finden hier Talente, die wir anderswo nicht finden würden“, sagte er auch mit Blick auf die Absolventen der Hochschulen, insbesondere der Technischen Universität München. 

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×