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23.07.2019

18:05

Die aktuelle Interimschefin der Weltbank soll den Posten von Christine Lagarde übernehmen.

Kristalina Georgiewa

Die aktuelle Interimschefin der Weltbank soll den Posten von Christine Lagarde übernehmen.

Internationaler Währungsfonds

Macrons nächster Scoop? Frankreich hat einen Vorschlag für die Lagarde-Nachfolge

Von: Ruth Berschens, Jan Hildebrand

Frankreich will Kristalina Georgiewa als Chefin des IWF – obwohl sie zu alt ist. Sonst ist aber kein EU-Staat daran interessiert, die Altersgrenze abzuschaffen.

Brüssel Frankreichs Präsident Emmanuel Macron liebt die Rolle des Königsmachers – oder besser: des Königinnenmachers. In der EU hatte Macron wesentlichen Anteil daran, dass Ursula von der Leyen Präsidentin der EU-Kommission und Christine Lagarde neue Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) wurden.

Durch Lagardes Wechsel nach Frankfurt ist nun der Chefsessel beim Internationalen Währungsfonds (IWF) frei geworden – und dort will Frankreich offenbar ebenfalls eine Frau platzieren: Kristalina Georgiewa.

Die bulgarische Politikerin und Ökonomin ist erfahren. Sie ist seit Januar 2017 bei der Weltbank, Anfang des Jahres leitete sie diese sogar für einige Monate als Interimspräsidentin. Vor ihrer Zeit in Washington war Georgiewa als Vizepräsidentin der EU-Kommission für den Haushalt zuständig.

Die Bulgarin habe allerdings ein Problem, sagten EU-Diplomaten dem Handelsblatt: Sie wird bald 66 Jahre – und hat so bereits die Altersgrenze von 65 Jahren überschritten, die beim IWF immer schon für geschäftsführende Direktoren gilt.

Der französische Finanzminister will sich damit nicht abfinden. Bruno Le Maire habe seine Amtskollegen aus anderen EU-Staaten gebeten, sich für eine Abschaffung der Altersgrenze einzusetzen, sagte ein hochrangiger Diplomat dem Handelsblatt. Die Resonanz darauf sei – vorsichtig gesagt – verhalten. Außer Frankreich sei kein EU-Staat an einer Abschaffung der Altersgrenze interessiert – abgesehen vielleicht von Bulgarien, hieß es in Brüssel.

Vier EU-Staaten wollen von der französischen Initiative schon allein deshalb nichts wissen, weil sie eigene, jüngere Kandidaten für das Amt des IWF-Chefs in der Hinterhand haben: Finnlands Notenbankgouverneur Olli Rehn, der portugiesische Euro-Gruppen-Chef Mario Centeno, sein niederländischer Vorgänger Jeroen Dijsselbloem und die spanische Finanzministerin Nadia Calvino sind im Rennen.

Selbst Länder, die keinen eigenen Kandidaten stellen wollen, seien an einer Aufhebung der Altersgrenze nicht interessiert, hieß es. Das gelte auch für Deutschland.

Altersgrenze nicht ändern

In Berlin hält man Georgiewa zwar grundsätzlich für eine gute Kandidatin, sieht aber Probleme bei der Abschaffung der Altersgrenze. Ohnehin gibt es bei den Schwellenländern zunehmend Verärgerung, dass Europäer und Amerikaner die Spitzenposten bei den internationalen Finanzorganisationen traditionell unter sich aufteilen.

Die Weltbank wird von den USA besetzt, gerade erst hat Präsident Donald Trump dort seinen Kandidaten David Malpass installiert. Die Europäer hatten zugestimmt. Sie besetzen wiederum traditionell den IWF-Chefposten.

Doch schon bei der zweiten Amtszeit von Lagarde gab es Widerstand und den Versuch der Schwellenländer, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Da sie sich aber nicht auf einen Kandidaten einigen konnten, war die Wiederwahl der anerkannten IWF-Chefin Lagarde gesichert. Doch schon damals machten Vertreter von Schwellenländern ihren Unmut deutlich.

Insofern sollte aus Sicht der Bundesregierung die Durchsetzung eines europäischen Kandidaten nicht durch zusätzliche Hürden wie eine Änderung der Altersgrenze erschwert werden. Zumal schon andere Kandidaten in der Vergangenheit daran gescheitert sind. So wollte der ehemalige Vizevorsitzende der US-Notenbank Fed, Stanley Fischer, im Jahr 2011 ebenfalls IWF-Chef werden. Die Altersgrenze wurde aber für den damals 67-jährigen Ökonomen nicht geändert.

In Berlin plädiert man deshalb dafür, dass sich die Europäer auf einen Kandidaten einigen, der die Voraussetzungen des IWF erfüllt. Die Bundesregierung hatte sich anfangs für Dijsselbloem eingesetzt, musste inzwischen aber erkennen, dass der Niederländer auf erheblichen Widerstand stößt.

Italien ist strikt gegen ihn, was mit seiner Rolle während der Euro-Schuldenkrise zu tun haben könnte. Auch Großbritannien wolle Dijsselbloem nicht an der IWF-Spitze haben, hieß es in Brüssel. Offenbar haben die britischen Bedenken damit zu tun, dass der niederländische Notenbankgouverneur Klaas Knot bereits eine führende Rolle beim Financial Stability Board einnimmt.

Keine Kandidaten aus Deutschland und Frankreich

Großbritannien selbst hat bisher keinen Kandidaten für die IWF-Spitze benannt. Der britische Notenbankgouverneur Mark Carney sei – anders als von einigen Medien berichtet – von niemandem vorgeschlagen worden. Deutschland und Frankreich werden selbst keinen Kandidaten ins Rennen schicken. Schließlich sind beide Länder schon bei den europäischen Spitzenposten zum Zuge gekommen, Berlin mit von der Leyen als Kommissionspräsidentin und Paris mit Lagarde bei der EZB.

EU-Diplomaten haben Zweifel, ob einer der bislang genannten europäischen Kandidaten es am Ende tatsächlich schafft, IWF-Chef zu werden. Womöglich würden Nord- und Südeuropäer ihre Kandidaten gegenseitig blockieren. In dem Fall könne es sein, dass am Ende ein ganz neuer Name auftauche.

Frankreich koordiniert die Suche nach einem europäischen Kandidaten für den IWF-Vorsitz. Grund dafür ist, dass Frankreich derzeit den G7-Vorsitz führt. Beim Treffen der G7-Finanzminister war die Personalsuche bereits ein Thema, eine Vorfestlegung soll es aber noch nicht gegeben haben. Eine Entscheidung soll in zwei Wochen fallen.

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