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24.02.2022

19:55

Interview

Ex-Botschafter Rüdiger von Fritsch: „Russland ist Opfer eines obsessiven Mannes“

Von: Jens Münchrath

PremiumDer frühere deutsche Botschafter in Moskau glaubt, dass Putin bereit ist, „Gewalt um jeden Preis anzuwenden“. Rachsucht bestimme seine Entscheidungen.

Der Diplomat, bis Juni 2019  Botschafter Deutschlands in Russland, sieht Anzeichen, dass Putin den Einmarsch im Alleingang entschieden hat. ullstein bild

Rüdiger von Fritsch

Der Diplomat, bis Juni 2019 Botschafter Deutschlands in Russland, sieht Anzeichen, dass Putin den Einmarsch im Alleingang entschieden hat.

Rüdiger von Fritsch hat den Wandel Russlands zu einer Hegemonialmacht aus nächster Nähe erlebt. Wladimir Putin hatte gerade die Krim annektieren lassen, da trat von Fritsch sein Amt als deutscher Botschafter in Moskau an. Bis 2019 erklärte der 68-Jährige der Bundesregierung die Handlungen und Wandlungen der russischen Politik.

Trotz gegenteiliger Beteuerungen hat Russland die Ukraine angegriffen. Haben Sie einen offenen Krieg für möglich gehalten?
Das war leider nicht auszuschließen. Das Gefährliche zuletzt war, dass Wladimir Putins jüngste Entscheidungen immer wieder auch eigener Logik widersprachen, wenn man versucht, sich in die Köpfe der russischen Führung zu versetzen.

Was genau meinen Sie?
Die russische Führung hatte vorgegeben, ja ganz andere, weiterreichende Ziele zu verfolgen: etwa ein Rückzug von Nato-Infrastruktur von deren Ostgrenze, kein Beitritt irgendeines anderen Landes zur Nato. Durch den Angriff auf die Ukraine sind diese Ziele unerreichbar geworden. Auch war der Präsident zuletzt ungewöhnlich sprunghaft. Ein Beispiel: Er sagt Kanzler Olaf Scholz öffentlich zu, sich an das Minsker Abkommen zu halten, um es wenige Tage später mit der Anerkennung der Separatistengebiete zu zerstören – ohne eine Ausrede anzuführen.

Aber ist diese Unberechenbarkeit nicht auch taktisches Kalkül?
Die russische Führung versucht eigentlich immer, die offensichtliche Lüge zu vermeiden. Der jetzige Angriff zeigt, dass das nicht mehr gilt. Es gab auch zunehmend Hinweise, dass Putin wirklich allein handelt. Das hat sein Auftritt in Russlands Sicherheitsrat gezeigt. Die wichtigsten Führungspersönlichkeiten mussten sich von ihm öffentlich desavouieren lassen. Ich fürchte, nicht nur die Ukraine und die internationale Friedensordnung, auch Russland, dieses große und wunderbare Land, wird Opfer der Obsessionen und historischen Großmachtfantasien eines Mannes.

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    Ist das, was Putin jetzt macht, noch politisches Kalkül oder doch schon Kontrollverlust?
    Man muss sich fragen, auf welchem Bild der Wirklichkeit die Entscheidungen des Präsidenten basieren. Offensichtlich auf Basis eben gewisser Obsessionen, erlebter – oder behaupteter – Demütigungen und Traumata. Sein Zorn, ja seine Rachsucht dominiert immer mehr seine Entscheidungen.

    Nun haben die EU und die USA weitere Sanktionen eines neuen Ausmaßes beschlossen. Wird das ausreichen, um Putin vor weiteren Eskalationsschritten abzuhalten?
    Das ist extrem schwer einzuschätzen bei jemandem, der bereit ist, quasi um jeden Preis Gewalt anzuwenden. Aber die Geschlossenheit und Entschlossenheit sind extrem wichtig. Wir hatten mit Russland Verabredungen, an die wir uns gehalten hatten. Die sind nun endgültig Makulatur. Nun ist die Bereitschaft von EU und Nato gefordert, zusammenzustehen und ihre Interessen und ihre Mitglieder zu schützen.

    Mehr zum Ukraine-Krieg:

    Das größte Opfer ist jetzt die Ukraine, die hilflos von russischen Streitkräften überrannt wird. Hätte Deutschland nicht auch Verteidigungswaffen liefern müssen, anstatt 5000 Helme zu schicken?
    Fähigkeiten und Ausstattung der ukrainischen Streitkräfte waren erheblich verbessert worden. Doch ich fürchte, dass eine noch so gut ausgestattete ukrainische Armee einen entschlossenen Angriff von russischer Seite nicht wird abwehren können. Dennoch werden wir auch bei uns eine Diskussion führen müssen, ob wir an Grundsätzen festhalten können, die unter ganz anderen Bedingungen gegolten haben.

    Steht die westliche Ostpolitik jetzt nicht vor einem Scherbenhaufen?
    Angesichts eines handlungsbereiten Aggressors ist sie an ihre Grenzen gestoßen. Dennoch war der dreifache Ansatz richtig: Geschlossenheit, Entschlossenheit und Dialogbereitschaft. Die russische Seite hat sich entschlossen, Letzteres zu zertreten. 

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