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24.08.2019

09:13

Interview

Wirtschaftsnobelpreisträger Phelps warnt: Industriestaaten sollten „nicht mit Geld um sich werfen“

Von: Nicole Bastian

US-Ökonom Phelps hält die Möglichkeiten der G7-Staaten, die globale Konjunktur zu stützen, für begrenzt. Als Grundproblem sieht er fehlende Innovationen.

„Wir haben ein verblüffend niedriges Produktivitätswachstum.“ Julien Faure/Opale/Leemage/laif

Ökonom Phelps über die US-Wirtschaft:

„Wir haben ein verblüffend niedriges Produktivitätswachstum.“

Köln Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund Phelps hält die Möglichkeiten der G7-Staaten, die globale Konjunktur zu stützen, für begrenzt. Zum einen verunsicherten viele globale Friktionen derzeit die Unternehmen, sagte Phelps dem Handelsblatt. Das liege auch an US-Präsident Donald Trump, unter dem zum Beispiel keine Einigung im Handelskonflikt mit China absehbar sei.

Zum anderen lägen die Probleme der Weltwirtschaft tiefer. Die Innovationskraft und das Produktivitätswachstum in den Industriestaaten lägen zu niedrig, weit unter dem Niveau von vor 1970. „Wir müssen die jungen Leute dazu bringen, mehr zu experimentieren, sich neue Produktionswege und Produkte auszudenken“, sagte Phelps. „So etwas kann die G7 nicht ändern.“

Weitere Konjunkturhilfen in den USA steht Phelps kritisch gegenüber. „Ich glaube nicht daran, mit Geld um sich zu werfen an Interessengruppen, die mal ein schlechtes Jahr hatten. Das ist verrückt, auch für den Geist eines Landes“, sagte er. Von der Überzeugung, dass Haushaltsdefizite per se schlecht seien, sei er jedoch abgerückt, sagte Phelps.

Seine Begründung: „Ein geringes Defizit könnte sinnvoll sein – mit dem Argument, dass es Generationen in Zukunft besser haben werden als wir. Wäre es nicht gerecht, den Konsum der gegenwärtigen Generation ein bisschen anzufeuern?“

Der Ökonom, der 2006 den Nobelpreis erhalten hat, sieht die geringe Innovationskraft in der Breite der Wirtschaft auch als Grund für Spannungen in der Gesellschaft und den Erfolg populistischer Politiker wie Donald Trump. „Die Leute ziehen keinen Kick mehr aus ihrer Arbeit. Ihr Leben ist leer – und sie suchen nach einem Sündenbock“, sagte Phelps.

„Darum haben sie Donald Trump gewählt.“ Eine zweite Amtszeit des US-Präsidenten schloss der Ökonom nicht aus. „Er hat eine ziemlich eigensinnige Wählerbasis, die weitestgehend intakt zu sein scheint. Und leider haben es die Demokraten bisher nicht geschafft, Themen zu finden, die die Menschen wachrütteln.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Phelps, an diesem Wochenende kommen die Führer der sieben wichtigsten Wirtschaftsnationen zusammen. Ein Thema ist der globale Abschwung. Was wünschen Sie sich von den Staats- und Regierungschefs?
Die Weltwirtschaft ist derzeit in keiner sehr beeindruckenden Lage, aber wir sind auch weit von einer Depression oder einer starken Rezession entfernt. Das Problem ist, dass wir gerade so viele Friktionen weltweit erleben – und die sind schlecht für das Geschäft. Das liegt auch an US-Präsident Trump.

Wegen seines Handelskonflikts mit China?
Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Zukunft des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses aussieht, solange Trump amtiert. Jeden Tag macht er etwas Unerwartetes und Besorgniserregendes. China ist der Ansicht, dass es ein Anrecht darauf hat, zu wachsen – und tritt damit anderen auf die Füße. Aber die Schwierigkeiten zwischen dem großen Aufsteiger und den USA müssten nicht lähmend und beängstigend sein.

Wie, glauben Sie, wird es weitergehen?
Ich glaube, das Verhältnis von China und dem Rest der Welt kann auf ein akzeptables Niveau zurückkehren, sobald Trump nicht mehr im Bild ist. Kurz nach seiner Wahl habe ich bereits gesagt, dass er nicht gut für die Unternehmenswelt sein wird, weil er eine Menge Unsicherheit bringen wird. Und Mensch, die Prognose hat mal so richtig ins Schwarze getroffen (lacht).

Na ja, die US-Wirtschaft hat eine historisch lange Erholungsphase erlebt nach der Finanzkrise …
Die Regierung hat eine Menge fiskaler Stimulierung eingesetzt – und zum Teil Strukturreformen angestoßen. Entscheidend war aber vor allem die Senkung der Unternehmensteuern. Das hat dem Wirtschaftswachstum seit Anfang 2017 geholfen, auch wenn vor allem die Wohlhabenden profitiert haben. Aber es hat den Konsum etwas angekurbelt. Die Kernfrage ist jetzt, was mit der Wirtschaft passiert, wenn Unternehmen mit sinkenden Gewinnen aus ihren Investitionsprojekten konfrontiert sind.

Edmund Phelps

Der Ökonom

promovierte 1959 an der Yale Universtität. Er beschäftige sich unter anderem mit dem Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. 1971 wechselte er an die Columbia Universtität.

Der Preisträger

2006 erhielt Phelps den Wirtschaftsnobelpreis. 2013 veröffentlichte er sein Buch „Mass Flourishing“, in dem er den Rückgang von Innovation und Produktivitätswachstum in den Industriestaaten seit den 70er Jahren analysiert.

Was glauben Sie?
Die Unternehmensinvestitionen sind in den vergangenen Monaten bereits gesunken und könnten noch weitaus stärker abfallen. Der Boom im Immobiliensektor scheint zu versanden. Optimisten könnten sagen: Okay, wir hatten einen Boom, und jetzt haben wir eben einen Einbruch, aber fundamental sind wir okay. Aber wir sind nicht okay. Wir haben ein verblüffend niedriges Produktivitätswachstum. Und ich glaube, das ist ein Grund, warum die Spannungen in der amerikanischen Bevölkerung so hoch sind. Die Leute sind nicht nur unzufrieden mit ihren Löhnen – die sind im Schnitt ehrlich gesagt gar nicht so schlecht. Es fehlt an Innovation, und dadurch werden Jobs uninteressanter.

Silicon Valley ist doch Inbegriff der Innovation!
Aber das ist nur ein kleiner Teil der US-Wirtschaft und der USA. Es gibt insgesamt nicht genügend Graswurzel-Innovationen. Als Konsequenz nimmt die durchschnittliche Zufriedenheit der Menschen mit ihrer Arbeit seit 1970 stetig ab. Die Leute ziehen keinen Kick mehr aus ihrer Arbeit. Ihr Leben ist leer – und sie suchen nach einem Sündenbock.

Und darum haben sie Donald Trump gewählt?
Ja, darum haben sie Donald Trump gewählt. Es wird interessant sein zu sehen, ob sie ihn wiederwählen werden. Es sieht ja jeden Tag so aus, als ob er sich disqualifiziert hat. Aber am nächsten Tag ist er wieder obenauf, als ob nichts passiert ist.

Glauben Sie an eine zweite Amtszeit Trumps?
Es ist noch ein wenig früh, das vorherzusagen, weil wir eben nicht wissen, mit was er als Nächstes kommt. Aber man kann ihn nicht abschreiben. Er hat eine ziemlich eigensinnige Wählerbasis, die weitestgehend intakt zu sein scheint. Und leider haben es die Demokraten bisher nicht geschafft, Themen zu finden, die die Menschen wachrütteln.

Können denn die G7-Politiker etwas tun, um Innovation und Produktivität anzukurbeln?
Kaum. Die Probleme sind eher strukturell. Die normalen Leute leiden am meisten unter der Verlangsamung des Produktivitätswachstums. Wir müssen die jungen Leute dazu bringen, mehr zu experimentieren, sich neue Produktionswege und Produkte auszudenken. Wir müssen das Bestreben zurückbekommen, etwas zu verändern, einen kleinen Unterschied auszumachen. Sonst wird es schwierig, die Innovationskraft wieder auf das Niveau von vor 1970 zu heben. So etwas kann die G7 nicht ändern. Es ist sogar schwierig für jedes einzelne Land. Aber wir müssen es versuchen.

Wie? Durch Steuererleichterungen für Start-ups oder Forschung und Entwicklung etwa?
Das kann sinnvoll sein. Wenn Regierungen mit solchen Anreizen experimentieren wollen, unterstütze ich das. Ich glaube nur nicht, dass das allein an der Basis eine Welle an Innovationen auslöst. Es geht tiefer. Wir müssen die Haltung, die Werte der Menschen ändern.

Populismus gibt es auch in Europa. Ein Trend?
Vielleicht ein Resultat der Entwicklung, dass innovative Kraft und alte Werte des Unternehmertums verloren gegangen sind. Das macht die Leute unzufriedener. Und so suchen sie nach einfachen Antworten und Versprechungen.

Können weitere Steuersenkungen in den USA die größte Volkswirtschaft der Welt am Laufen halten?
Ich habe meine Meinung zur Staatsverschuldung ein wenig geändert. In meinem ersten Buch 1967 habe ich kraftvoll gegen Budgetdefizite argumentiert: Wenn der Staat sich hoch verschuldet und sich jeder reich fühlt wegen geringer Steuerlast, dann türmt sich der Reichtum, aber es gibt keinen Raum für mehr Investitionen. Budgetdefizite verdrängen so theoretisch Investitionen und senken das Wirtschaftswachstum. Heute denke ich ein wenig anders.

Inwiefern?
Ein geringes Defizit könnte sinnvoll sein – mit dem Argument, dass es Generationen in Zukunft besser haben werden als wir. Wäre es nicht gerecht, den Konsum der gegenwärtigen Generation ein bisschen anzufeuern? Ich zögere aber, mit dem Argument an die Öffentlichkeit zu gehen, weil ich fürchte, Regierungen könnten es nutzen und routinemäßig Defizite fahren – dann bekommen wir genau die Probleme, die ich beschrieben habe. Jeder schreit nach einer Ankurbelung durch den Staat.

Um den Abschwung aufzuhalten ...
Ich glaube daran, dass wir die Wirtschaftsgerechtigkeit verbessern, indem wir die Löhne am unteren Ende anheben. Da könnten wir mehr tun. Aber ich glaube nicht daran, mit Geld um sich zu werfen an Interessengruppen, die mal ein schlechtes Jahr hatten. Das ist verrückt, auch für den Geist eines Landes. Je mehr wir von solchen Forderungen abgelenkt werden, desto ineffektiver ist eine Regierung, sich den wahren Problemen zu widmen.

Herr Phelps, vielen Dank für das Interview.

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