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19.06.2019

04:01

Investitionen

Wie China immer mehr Einfluss in Lateinamerika gewinnt

Von: Alexander Busch

China erobert Lateinamerika zunehmend nicht nur als Handelspartner, sondern auch als Investor. Den wachsenden Einfluss sehen die USA mit Skepsis.

In Chile hat sich China von 2013 bis 2015 vor allem Kupfer als Rohstoff gesichert. Moment/Getty Images

Santiago de Chile

In Chile hat sich China von 2013 bis 2015 vor allem Kupfer als Rohstoff gesichert.

SalvadorSchwer beeindruckt war Oliver Stuenkel, Professor für internationale Beziehungen an der Fundação Getulio Vargas in São Paulo, als er kürzlich einen Gastvortrag in China hielt: Nicht nur, dass die 100 Studenten am Lateinamerika-Seminar der Universität Tsinghua in Peking perfekt Portugiesisch sprachen.

Sie befragten den deutschen Experten auch zu komplizierten Details der brasilianischen Innenpolitik. „Ich bezweifle, dass es in Brasilien Studenten gibt, die sich so genau in den Feinheiten der KP Chinas auskennen„, staunte Stuenkel. Es sei erstaunlich, wie schnell China ein umfassendes Wissen über Lateinamerika angesammelt habe – und strategisch einsetze.

Noch vor einer Dekade waren chinesische Manager oder Diplomaten selten, die Portugiesisch oder Spanisch reden konnten oder sich im Amazonasland oder sonst wo in Lateinamerika auskannten. Doch in wenigen Jahren hat China seine Netzwerke in Akademie, Kultur und Politik über ganz Lateinamerika ausgebreitet.

Heute treten chinesische Korrespondenten, Diplomaten, Akademiker, Unternehmer und Banker überaus sattelfest von Chile bis Mexiko auf. Sie sind bestens vernetzt, sprechen perfekt die Landessprache, kennen sich in Details über die lokale Politik, Finanzen und Bürokratie aus.

Wenn es um Auslandsengagements von Chinesen ging, war bislang meistens von Afrika die Rede. Dabei hat die Volksrepublik längst auch Lateinamerika erschlossen, das ähnlich wie Afrika gigantische Rohstoffreserven besitzt. Allerdings gehen die Chinesen, denen oft vorgeworfen wird, Afrika auszubeuten, in Südamerika ganz andere Wege.

Europäische Diplomaten in Brasília berichten, dass ihre chinesischen Kollegen in einigen wichtigen Ministerien ein- und ausgehen würden, als seien sie zu Hause. Chinesische Nachrichtenagenturen wie „Xinhua“ oder „People’s Daily“ haben mehrere Dutzend Korrespondenten in der Region und erscheinen in Portugiesisch wie Spanisch.

Peking vergibt Stipendien, eröffnet ein Konfuzius-Institut nach dem anderen, lädt Journalisten, Politiker und Entscheidungsführer nach China ein, integriert sich immer mehr in den Gesellschaften von den Anden bis zu den Pampas.

„Nach den schlechten Erfahrungen in Afrika setzt die chinesische Außenpolitik heute in Lateinamerika auf ‚Soft Power‘“, sagt Tom Harper, Politologe von der University of Surrey. „Es ist Teil einer globalen Charmeoffensive.“

Die neue Rolle Chinas als Lateinamerika-Versteher – sie ist nicht nur langfristig geplant, sie wurde sogar öffentlich angekündigt. China geht in Lateinamerika vor wie in den zwei offiziellen „Papern“ zu Lateinamerika und der Karibik von 2008 und 2016 formuliert.

Von 2005 bis 2013 ging es China vor allem darum, Rohstoff- und Energiequellen zu sichern. In diese Phase fielen die Großkredite an Venezuela gegen künftige Öllieferungen, für Brasiliens Erz oder für Kupfer aus Chile. Phase zwei stand unter dem chinesischen Sprichwort: „Wenn du reich werden willst, dann baue eine Straße.“ Seit fünf Jahren investieren chinesische Staatskonzerne in die Infrastruktur: Stromnetze, Häfen, Straßen, Schienenwege, Flughäfen.

Bei den Investitionen denkt China strategisch: Denn wer die Infrastruktur kontrolliert, hat einen gewaltigen Vorsprung bei der Sicherung der Rohstoffquellen und der Eroberung lokaler Märkte. Die Erze, Kupfer oder Soja müssen aus den Anden, dem Urwald oder den Pampas an die Küsten und von den Häfen nach China transportiert werden – die Kontrolle darüber üben zunehmend chinesische Konzerne aus.

Phase Drei der Investitionsstrategie

Auch bei der Digitalisierung der Staaten haben chinesische Konzerne die besten Startchancen. 150 Milliarden Dollar hat China inzwischen von Mexiko bis Feuerland als Kredit vergeben und investiert. Das ist deutlich mehr als in Afrika.

Phase drei der Investitionsstrategie läuft jetzt an. Im Konzeptpapier von 2016 steht, dass sich China intensiv mit den Eigenarten der lokalen Kultur, der Politik und Gesellschaft Lateinamerikas vertraut machen wird. Damit sollen Chinas Staatskonzerne in der Lage sein, in die lokalen Märkte zu investieren, lokale Wertschöpfungsketten aufzubauen und erstmals auch ganze Konzerne zu kaufen.

Drei Beispiele: Der chinesische Uber-Konkurrent Didi Chuxing hat vor einem Jahr für 300 Millionen Dollar das brasilianische Start-up 99app aufgekauft und das Unternehmen zum ersten Unicorn gemacht, also zu einem Start-up mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar.

Das Onlinekaufhaus Alibaba expandiert massiv in allen Ländern Lateinamerikas. Derzeit sucht der Amazon-Konkurrent nach Lizenzen für Frachtflughäfen, um regionale Drehkreuze aufzubauen für die Märkte in 23 Staaten mit 650 Millionen Menschen.

Der chinesische Batteriehersteller und Autokonzern BYD („Build your dreams“) liefert Elektroniktrucks und -busse an Gemeinden in der Region. Die chilenische Hauptstadt Santiago wird dank BYD in Kürze die Stadt mit der zweitgrößten Flotte an E-Bussen weltweit sein.

Erstmals haben Chinas Konzerne begonnen, Unternehmen im großen Stil zu kaufen. „Chinas Staatskonzerne setzen nicht mehr auf staatliche Konzessionen, sie bieten erstmals für private Unternehmen“, sagt Margaret Meyers vom Thinktank Inter-American Dialogue in Washington.

„Dieser Trend wird noch zunehmen.“ Für 5,8 Milliarden Dollar kauften chinesische Konzerne ein Drittel der Anteile an Las Bambas in Peru, einem der größten Kupferproduzenten weltweit. Für vier Milliarden Dollar übernahmen sie 25 Prozent des chilenischen Lithiumproduzenten Soquimich (SQM).

Dazu kommen Übernahmen für jeweils rund eine Milliarde Dollar in Ecuador (Kupfer), Chile (Eisenerz) und Peru (Aluminium). „Bislang hat sich China zurückgehalten in Branchen mit starken Gewerkschaften oder sozialen Protestbewegungen“, sagt Jorge Cantallops, Chefökonom der staatlichen Kupferkommission Cochilco. „Das ändert sich jetzt.“

Soquimich Lithium Feld in der Atacama Salzwüste in Chile. Reuters

Soquimich Lithium

Soquimich Lithium Feld in der Atacama Salzwüste in Chile.

In Brasilien kauften sich chinesische Konzerne für rund zehn Milliarden Dollar in die brasilianische Strombranche ein. State Grid ist nun der größte integrierte Stromkonzern Brasiliens, China Three Gorges der führende private Stromproduzent im Land.

Chinas Diplomaten arbeiten unauffällig – aber hocheffizient. So betreibt Chinas Militär im argentinischen Patagonien seit zwei Jahren eine Weltraumüberwachungsstation mit einer 48 Meter hohen Satellitenschüssel, ohne dass es jemals zu Protesten dagegen gekommen wäre.

Dabei kann so eine Station auf der Südhalbkugel in einem künftigen Cyberkrieg eine entscheidende Rolle spielen. Zum Vergleich: Als die USA vor Kurzem damit liebäugelten, eine militärische Basis in Brasilien zu errichten, sorgten Proteste von Militärs und Politikern umgehend dafür, dass die Pläne begraben wurden. 

Ein anderes Beispiel: Chinas Belt-and-Road-Initiative war eigentlich nicht für Lateinamerika vorgesehen. Doch 2017 erklärte Chinas Präsident Xi Jinping, dass Lateinamerika „die natürliche Expansion der maritimen Seidenstraße im 21. Jahrhundert“ sei.

Seitdem haben 14 Staaten Lateinamerikas erklärt, bei der Initiative mitmachen zu wollen. Sie sind dafür auch zu politischen Zugeständnissen bereit: Die Dominikanische Republik, El Salvador und Panama haben ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abgebrochen – was Peking großzügig belohnte.

So hat Panama jetzt mit China zwei Dutzend Großprojekte abgeschlossen. Dabei ist der Kanalstaat der entscheidende Dreh- und Angelpunkt für die strategische Dominanz der USA in der westlichen Hemisphäre.

Widerstand in den USA

Auch das eng mit den USA verflochtene Mexiko zeigt sich unter dem neuen linken Präsidenten offen für chinesische Investitionen: Gemeinsam mit China will Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador einen Marshallplan in Höhe von 30 Milliarden Dollar für Zentralamerika auflegen, um in der Region Jobs und Infrastruktur aufzubauen – und mittelfristig den Flüchtlingsstrom nach Norden zu begrenzen.

Dagegen kann selbst US-Präsident Donald Trump kaum sein Veto einlegen. „Für Lateinamerikas Regierungen ist das langfristig angelegte Engagement Chinas attraktiver als die unsichere, wechselhafte Behandlung durch die USA“, sagt Cui Shoujun, Direktor des Center for Latin America Studies an der Renmin University of China.

Inzwischen beginnt sich in den USA massiv Widerstand zu regen gegen Chinas Offensive in Lateinamerika – einer Region, die Washington seit 200 Jahren als seinen „Hinterhof“ ansieht. Das begann 1823, als der damalige US-Präsident James Monroe den Landstrich südlich von Texas bis nach Patagonien zur alleinigen Einflusszone der Vereinigten Staaten erklärte.

Zwar hatte Barack Obamas Außenminister John Kerry die Monroe-Doktrin bereits für überholt erklärt. Doch Trump holte sie wieder aus der Mottenkiste – ausgerechnet seit die Dominanz der USA in Lateinamerika durch den Auftritt Chinas infrage gestellt wird.

Washington stört dabei vor allem, dass China in Lateinamerika ähnlich vorgeht wie die USA nach dem Zweiten Weltkrieg: Genauso wie China heute haben die USA ganze Studentengenerationen in Lateinamerika gefördert, mit Fulbright-Stipendien, über die Ford Foundation oder durch Lateinamerika-Zentren an den US-Universitäten – mit dem Ziel, ihre Kenntnisse über die Region auszuweiten und Netzwerke mit den künftigen Eliten aufzubauen. „China betreibt in Lateinamerika Freihandel und Multilateralismus“, beobachtet Stephen Kaplan, Lateinamerika-Experte an der George Washington University. „So, wie es die USA einst taten.“

Das wachsende Kräftemessen zwischen den USA und China in Lateinamerika hat unabsehbare Folgen. Für Stuenkel ist klar: „Washington wird nicht bereit sein, China als wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Akteur in Lateinamerika zu akzeptieren.“

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