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11.09.2022

16:14

Kernkraft

Atommüll-Endlager an deutscher Grenze: Schweizer Pläne lösen Sorgen in Berlin aus

Von: Daniel Delhaes, Dietmar Neuerer

Die Schweiz will nahe der Grenze zu Baden-Württemberg Atommüll lagern. Bundes- und Landesregierung fürchten Belastungen für die Bürger.

Die Schweiz will offenbar ein Endlager für Atommüll bauen. dpa

Atommüll

Die Schweiz will offenbar ein Endlager für Atommüll bauen.

Berlin Die Pläne der Schweiz, an der Grenze zu Deutschland ein Atommüll-Endlager zu bauen, stoßen auf Kritik. Der stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Innenminister Thomas Strobl (CDU), sagte dem Handelsblatt: „Die Entscheidung der Schweiz werden wir kritisch begleiten.“ Dabei sei klar, dass dort, wie für jeden anderen Endlagerstandort auch, „die höchsten Sicherheitsstufen angelegt werden“. Er forderte die Schweiz auf, bei der Umsetzung „sehr eng grenzüberschreitend, als Nachbarn“ zusammenzuarbeiten.

Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Schweiz nahe der baden-württembergischen Ortschaft Hohentengen Atommüll lagern will. Das Gebiet mit dem Namen Nördlich Lägern war vor einigen Jahren als eher nicht geeignet eingestuft worden, wurde nun aber doch ausgewählt, wie die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) am Samstagabend mitteilte. Genauer erläutern will die Nagra dies am Montag. 

Das Bundesumweltministerium sprach von einer „großen Belastung“ für Hohentengen und die umliegenden Gemeinden. Der parlamentarische Staatssekretär Chris Kühn (Grüne) kündigte an, sich bei der Schweiz dafür einzusetzen, dass die deutsche Seite weiter an den Erörterungen beteiligt wird.

Baden-Württembergs Innenminister Strobl sagte: „Es geht um die Sicherheit der gesamten Grenzregion und um die Sicherheit der wichtigsten Trinkwasserzuflüsse. Und da darf es absolut keinerlei Zugeständnisse bei der Sicherheit geben.“

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Standort erkennen

    Ähnlich sehen es Politiker der Ampelkoalition im Bund. Der SPD-Umweltexperte Carsten Träger sagte dem Handelsblatt: „Selbstverständlich müssen wir unsere Bürgerinnen und Bürger bestmöglich vor radioaktiver Strahlung schützen.“ Deshalb müsse es nach der Entscheidung eine „enge Zusammenarbeit“ zwischen deutschen und Schweizer Behörden geben. Der FDP-Energiepolitiker Michael Kruse ergänzte: „Die Schweiz wäre gut beraten, ihren Standort für Atommüll in einer Konsultation mit der Bundesrepublik Deutschland abzustimmen.“

    „Wir haben überall Trinkwasserbrunnen“

    Laut der Schweizer Atombehörde sollen die radioaktiven Abfälle in mehreren Hundert Meter Tiefe in einer Tonschicht gelagert werden. In der Schweiz wird seit fast 50 Jahren nach einem geeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager gesucht.

    Grafik

    Der nun gewählte Ort für die Atommüll-Lagerung war einer von drei möglichen Standorten. Das hatte in Hohentengen schon vor Jahren für Aufregung gesorgt. „Die Schweiz beschließt, ihren radioaktiven Müll in der Schweiz zu belassen, und setzt ihn uns Nachbarn fast vor die Füße“, erzürnte sich 2016 eine Gemeinderätin in einer Sitzung. Auch heute ist der Unmut noch groß.

    Martin Steinebrunner von der Deutschen Koordinationsstelle Schweizer Tiefenlager (DKST) beim Regionalverband Hochrhein-Bodensee sagte, die Frage nach dem Trinkwasserschutz sei eine „große Sorge“ der Bevölkerung. „Wir haben überall Trinkwasserbrunnen, wir haben Aare und Rhein in der Nähe.“

    Martin Benz, der Bürgermeister von Hohentengen, fordert daher Aufklärung, „warum ein zurückgestellter Standort plötzlich zum präferierten Standort wird“. Laut Benz liegt der Bahnhof, der für den An- und Abtransport des radioaktiven Materials benutzt werden könnte, „ein paar Hundert Meter von unseren Wohngebieten entfernt“. Der Bürgermeister will nun wissen, ob es Störfallszenarien gibt und wie man darauf vorbereitet ist.

    9300 Kubikmeter hochradioaktive Abfälle

    Wie die Schweizer Atombehörde Nagra mitteilte, umfassen die hochradioaktiven Abfälle, die in Grenznähe zu Deutschland gelagert werden sollen, 9300 Kubikmeter. Das entspreche dem Volumen von etwa acht Einfamilienhäusern. Dazu kommen rund 72.000 Kubikmeter schwach und mittelradioaktiver Abfälle.

    Bisher ist noch unklar, wie das Material zum Endlager geschafft werden soll. Offen ist auch, wo das Material für die Endlagerung verpackt werden soll. Dafür ist eine „Heiße Zelle“ nötig, ein Hochsicherheitsbau. Er könnte am Zwischenlager für atomare Abfälle in Würenlingen rund 15 Kilometer südlich der deutschen Gemeinde Waldshut-Tiengen entstehen.

    Laut Bundesumweltministerium soll nun die „Expertengruppe Schweizer Tiefenlager“ (ESchT) im Auftrag des Ministeriums eine Einschätzung erstellen und die Pläne bewerten. Bereits 2006 hatte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) die ESchT eingerichtet, um die Schweizer Endlagersuche fachlich zu begleiten.

    In Deutschland steht die Entscheidung für einen Endlagerstandort für hochradioaktiven Atommüll frühestens 2031 an. Die Brennelemente landen derzeit in Zwischenlagern, die sich meist an den Standorten der Atomkraftwerke befinden.

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