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15.10.2019

04:00

Klimapioniere – Teil 12

Greencity macht den Anfang: Zürich will zur „2000-Watt-Stadt“ werden

Von: Michael Brächer

In der Schweizer Stadt sollen Bürger bald nur noch 2000 Watt an Energie verbrauchen – abstrakte Klimaziele werden so für jeden greifbar.

Zürichs neue Greencity soll Wohlstand und Energiesparen vereinen FMKomm

Greencity in Zürich

Bewohner können ihren Energieverbrauch per App überprüfen.

Zürich So grün sieht die Greencity gar nicht aus. Wer das neue Stadtviertel im Süden von Zürich betritt, sieht vor allem Beton. „Die Bäume müssen noch ein bisschen wachsen“, sagt Philippe Mallez. Außerdem gehe es um die „nachhaltige und ökologische Gesamtleistung“.

Der Westschweizer verantwortet bei der Baufirma Losinger Marazzi die Fertigstellung der Greencity, die als erstes „2000-Watt-Areal“ der Schweiz gilt. Hier sollen die Bewohner ohne zu große Einschränkungen klimafreundlich leben. Damit ist die Greencity ein Vorbild für andere Stadtteile, denn ganz Zürich will zur „2000-Watt-Stadt“ werden. Das Projekt zeigt, was im Klimaschutz möglich ist – und an welche Grenzen die Schweiz stößt.

Die Zahl macht die Klimapolitik für jeden greifbar: Langfristig wollen die Zürcher den Pro-Kopf-Energieverbrauch auf 2.000 Watt senken. Wer dauerhaft so viel Energie benötigt, kommt im Jahr auf einen Energieverbrauch von gut 17.500 Kilowattstunden. Das ist ein Drittel dessen, was Schweizer, Deutsche und Österreicher derzeit verbrauchen. Zugleich soll der CO2-Ausstoß pro Einwohner Zürichs auf eine Tonne pro Jahr reduziert werden.

Die Idee für die 2.000-Watt-Gesellschaft kam zwei Forschern der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) schon in den 1990er-Jahren. Sie wollten den Trend des steigenden Energieverbrauchs umkehren. Die Klimaforscher waren überzeugt davon, dass sich wirtschaftlicher Wohlstand und Energiesparen vereinen lassen.

Die Greencity soll das nun beweisen. Rund 2.000 Menschen sollen hier leben, 3.000 in den angrenzenden Büros arbeiten. Die meisten Wohnungen sind bereits bezogen. Kinderreiche Großfamilien leben hier neben wohlhabenden Singles in schicken Lofts. Nebenan entstehen Büros und ein Hotel. Solarzellen auf dem Dach liefern Strom, geheizt wird mit Erdwärme. Eine S-Bahn-Station bindet das Viertel an die Innenstadt an, die Straßen sind autofrei. Per App können Bewohner ihren eigenen Energieverbrauch messen. Das alles sei nicht teurer als andernorts in Zürich, sagt Projektleiter Mallez. „Die Preise hier sind marktgerecht.“

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Allerdings fordert das Leben in einem 2.000-Watt-Areal auch Zugeständnisse. In den Wohnungen der Greencity steigt die Temperatur im Winter nicht über 21 Grad, das sehen die Bauregeln vor. „Am Anfang sorgte das bei einigen Mietern für Irritationen, aber inzwischen haben sich die Leute daran gewöhnt“, sagt Mallez.

Mitunter wirken die Regeln der Greencity ziemlich kleinteilig. So hält eine Genossenschaft ihre Mieter dazu an, „das Waschmittel knapp und umweltbewusst zu dosieren“. Das erinnert an den Züricher Kirchen-Reformator Huldrych Zwingli, der im 16. Jahrhundert die Züricher zu Fleiß und Sparsamkeit anhielt. Auch die Presse sparte nicht mit Kritik: „Wollen wir so leben?“, fragt die „Neue Zürcher Zeitung“. Sie stört sich an den Vorschriften für die Bewohner, „die die Mündigkeit des Individuums tatsächlich grundsätzlich infrage stellen“. Die Zeitung bemängelt zudem die „grau-beige Farbtristesse“. Kritik, die Projektleiter Mallez zurückweist: „Viele Bewohner fanden, dass die Beschreibung dem Quartier nicht gerecht wird“, sagt er. Natürlich stünden die Gebäude relativ eng beieinander. Aber das sei so gewollt gewesen. Man befinde sich schließlich im urbanen Raum.

Die Gletscher schmelzen

Die Klimaerwärmung bekommen die Schweizer unmittelbar zu spüren: Die berühmten Gletscher schmelzen dahin. Bis zum Jahr 2050 könnte die Hälfte des Eises in den Alpen verschwinden, warnen Forscher. Zugleich häufen sich die Felsstürze, weil der Permafrostboden taut – das bedroht nicht nur Bergsteiger, sondern ganze Ortschaften. Nicht einmal der berühmteste Gipfel des Landes bleibt verschont: „Alarm am Matterhorn“ titelt unlängst die „Schweizer Illustrierte“. Die Schweiz will gegensteuern – und das rot-grün regierte Zürich sieht sich dabei ganz vorn.

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Die Greencity ist dabei nur ein Beispiel. Schon vor elf Jahren haben die Züricher das 2.000-Watt-Ziel per Volksabstimmung in der Gemeindeordnung verankert. Seitdem hat die Stadt ihr Fernwärmenetz ausgebaut, den Nahverkehr mit den berühmten Trams erweitert und erneuerbare Energien gefördert. Doch damit nicht genug. „Wir müssen beim Verbrauch ansetzen“, sagt Rahel Gessler, die bei der Stadt Zürich den Fachbereich 2.000-Watt-Gesellschaft leitet.

Die Stadt versucht etwa, in ihren eigenen Verpflegungsbetrieben Essensabfälle zu vermeiden. In städtischen Kantinen werden mehr regionale Produkte serviert, um die Anfahrtswege kurz zu halten. Und selbst in Altenpflegeheimen gibt es einen „Veggie Day“ – ohne dass es deshalb zu größeren Protesten gekommen wäre. „Manche Dinge muss man einfach ausprobieren, dann merkt man schnell, dass sie gut angenommen werden“, sagt Gessler. Im Internet können die Züricher ihre persönliche Klimabilanz berechnen. Die Stadt berät beim Sparen.

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Kommentare (5)

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Herr Hans Henseler

15.10.2019, 10:26 Uhr

Bei der ETH kennt man sich in Physik aus. Aber 2000 W sagt mir nix - wieviel kWh pro Jahr
oder Monat haette ich gerne gewusst. Im uebrigen hilft die Klima-Erwaermung - da braucht
man weniger Energie zum Heizen.

Herr Günter Fröhlich

15.10.2019, 11:15 Uhr

Ein sehr verwirrender und unklarer Artikel. Watt ist ein Leistungswert für dem momentanen Energiebezug (2.000 W = 2 KW). KWh ist ein Verbrauchswert (Arbeit). 2 KW X 8760 h (Jahresstundenzahl) = 17.520 KWh. Aber wer verbraucht schon 2 KW konstant das ganze Jahr hindurch. Mir kommt der Verdacht, der Redakteur hat die Sache selbst nicht ganz verstanden. Als "Handelsblattartikel": Sehr schwach!

Herr Nicolas Ummen

15.10.2019, 13:04 Uhr

@Hans Henseler: Und mehr Energie zum Kühlen.

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