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21.10.2019

12:55

Die britischen Inseln produzieren mehr Strom als notwendig wäre.

Orkney

Die britischen Inseln produzieren mehr Strom als notwendig wäre.

Klimapioniere – Teil 13

Wie die Inselgruppe Orkney zum Vorbild für den Export von Windenergie wurde

Von: Kerstin Leitel

Bei der Energiewende sind die Inseln vor Schottland weit vorn. Windräder liefern mehr Energie als notwendig – das fördert innovative Ansätze.

Orkney „Wie ich Windräder finde?“, überlegt die 58-jährige Jill Farrier laut. „Ich habe nichts gegen sie“, sagt sie dann, „eigentlich finde ich sie sogar ganz elegant. Außerdem habe ich dort, wo ich früher gewohnt habe, direkt auf einen Atommeiler geschaut. Und das ist schließlich nicht gerade schön.“

Vor einigen Jahren ist die Britin auf die Orkney-Inseln gezogen, die 16 Kilometer nördlich von Schottlands äußerstem Festlandzipfel liegen. Ein Atomkraftwerk ist dort weit und breit nicht zu sehen – ganz im Gegensatz zu Windrädern, die man sieht, wohin man blickt.

Die 70 kleinen Inseln bestehen aus grünen Hügeln, auf denen Schafe und Rinder grasen. 700 Windräder stehen hier, meist vereinzelt und oft nur weniger Meter von einem der kleinen, grauen Häuser entfernt. Es ist eine Unmenge an Energie, die in Orkney von Wind in Strom verwandelt wird. Die Inselgruppe ist darum zu einem Vorbild über die Landesgrenzen hinaus geworden.

Auch Orkney war einst auf herkömmlich produzierten Strom angewiesen, der über ein Unterseekabel vom schottischen Festland in die Haushalte der 22.000 Inselbewohner geleitet wurde. Mittlerweile fließt der Strom andersherum. Es könnte sogar noch mehr sein.

„Wenn das Netz überlastet ist, müssen wir Windräder abschalten, und dann geht uns viel Geld verloren“, erklärt Megan McNeill von der gemeinnützigen Organisation „Community Energy Scotland“. Allein ein Windkraftwerk auf der Insel Eday hätte in den vergangenen Jahren jeweils Strom für zusätzliche 250.000 Pfund produziert, die nicht in das Netz eingespeist werden konnte. „Das ist viel Geld, das die Gemeinde, der das Windrad gehört, gut gebrauchen könnte.“

Was also tun mit dem vielen Strom? Wie lässt er sich sinnvoll einsetzen, wenn der Grundbedarf gedeckt ist? Die Projekte auf Orkney werden von Experten aus der ganzen Welt verfolgt. „Orkney nutzt eine Reihe modernster Technologien, darunter Stromerzeugung mit Wind und Wellen sowie Elektrolyse, um überschüssige Energie als Wasserstoff zu speichern“, erklärt Energieexperte Paul Dodds von der Universität UCL in London. „Aber was Orkney so einzigartig macht, ist die Kombination.“

Das Projekt

Kürzlich gab die Regierung den Startschuss für ReFLEX (Responsive Flexibility): Ein Projekt zum Aufbau eines virtuellen Energienetzwerks, das Angebot und Bedarf koordinieren soll. Dazu kombiniert es verschiedene Technologien und Energiequellen.

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In den kommenden drei Jahren sollen bis zu 500 Speicher in den Häusern der Inselbewohner installiert werden, 100 größere Speichereinheiten in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen, 200 Ladestationen für 600 zusätzliche Elektroautos und 100 flexible Heizungssysteme sowie eine hochleistungsfähige Wasserstoff-Brennstoffzelle.

Energie soll „günstiger, grüner und für jeden flexibler zugänglich gemacht werden“, verkündete die damalige Staatssekretärin für Energie, Claire Perry, zum offiziellen Projektbeginn im Frühjahr. „Die Lehren aus dem Projekt werden eines Tages in Großbritannien angewandt und die Welt exportiert.“ Derart intelligente Netze seien „entscheidender Baustein unserer Industriestrategie“.

England will bis zum Jahr 2050 emissionsneutral werden. Schottland, das bei der Energiepolitik eigene Wege gehen kann und nicht den Vorgaben aus London folgen muss, plant sogar schon 2045 klimaneutral zu sein. 2013 wurde im britischen Unterhaus der Ausstieg aus der Energiegewinnung durch Kohlekraftwerke beschlossen.

Zum Ausgleich sollte nicht nur mehr erneuerbare Energie gewonnen werden. Auch neue Kernkraftwerke wurden beschlossen. Bisher decken Öl und Gas drei Viertel des gesamten Energieverbrauchs. Gaskraftwerke erzeugen doppelt so viel Strom wie Windräder und Solarpaneele. Geheizt und gekocht wird vor allem mit Gas, das größtenteils aus Norwegen und Qatar importiert wird.

Dabei scheint die Nutzung der Windenergie in großem Stil naheliegend: Über die britischen Inseln fegt konstant der Wind. Die Steigerungsraten in der Sparte waren in den vergangenen Jahren eindrucksvoll, aber auf sehr niedrigem Niveau. 2018 kam lediglich 2,2 Prozent der verbrauchten Energie aus Windkraft.

Die Kernkraft, die in den offiziellen Statistiken ebenfalls als Niedrig-Emissions-Energie aufgeführt wird, steuerte 7,9 Prozent bei.
Wie in Deutschland gibt es in England Vorbehalte gegen Windräder an Land. 2015 gab die konservative Regierung von David Cameron den Gemeinden ein weitgehendes Vetorecht gegen neue Anlagen. Die Bauanträge gingen daraufhin drastisch zurück.

Auf See geht der Ausbau weiter, und in Schottland gelten andere Regeln als in England: Hier ist nicht nur die Bevölkerungsdichte geringer, sondern auch die Akzeptanz in der Bevölkerung größer – nicht zuletzt, weil viele Windräder im Gemeinschaftsbesitz sind. Die Schotten produzieren so viel Elektrizität aus Windkraft, dass alle Haushalte der Region damit versorgt werden können. In Orkney erzeugen die Windräder 20 Prozent mehr, als auf den Inseln verbraucht werden kann. Eine Tatsache, die viele Orcadians stolz macht.

Deswegen hegt Ian Johnstone von dem auf Erneuerbare Energien spezialisierten Beratungsunternehmen Aquatera die Hoffnung, dass man ohne große Probleme genügend Bewohner von Orkney für das neue Projekt ReFLEX begeistern kann. Sie sollen sich bereit erklären, ihre Stromversorgung umzustellen, sich ein Elektroauto vor das Haus stellen oder eine Batterie einbauen lassen – miteinander verbunden sollen diese Elemente Stromschwankungen abfedern.

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„Hier auf Orkney kennen wir uns bestens mit Energie aus“, sagt Johnstone. „Wir produzieren mehr, als wir verbrauchen können. Wo wir Fortschritte machen müssen, ist die Speicherung von Energie.“ Das ist ein Thema, das nicht nur Orkney betrifft.

„ReFLEX soll nicht nur hier funktionieren, sondern auch in anderen Gegenden, das ist klar das Ziel“, sagt er. Das Projekt sei ambitioniert – aber schließlich habe man Erfahrungen: Die zahlreichen Projekte, die in den Jahren zuvor auf Orkney stattfanden, „waren quasi Vorläufer für ReFLEX“, sagt Johnstone.

Die Erkenntnis

Seit Jahren schon wurde in Orkney an Lösungen gearbeitet, um den Stromüberschuss sinnvoll zu verwenden und gleichzeitig Alternativen zur Windenergie zu erforschen. 2003 wurde das Forschungszentrum European Marine Energy Centre EMEC ins Leben gerufen, das ebenfalls an ReFLEX teilnimmt.

In einer kleinen Bucht nahe Stromness, der zweitgrößten Stadt der Orkney-Inseln, befindet sich „Billia Croo“, ein Testareal für verschiedene Technologien zur Ausnutzung der Wellen- und Gezeitenenergie. Derzeit belegt nur Microsoft eine der fünf Teststationen unter Wasser.

Der US-Konzern hat hier eine Serverstation auf den Meeresgrund gelassen, um zu testen, wie die Kühlung von Großcomputern mit Meerwasser funktionieren kann. Mehr als 90 Prozent der Energie, die derartige Stationen benötigen, gehen in die Temperaturregelung der Server. Bis vor kurzem hatten noch weitere Unternehmen die Teststation „Billia Croo“ genutzt. Aber seit die britische Regierung Wind und Solarenergie stärker fördert, ist das Interesse an der Energiequelle Meer gesunken.

Abschreiben dürfe man die See als Energiequelle nicht, betont Neil Kermode, Chef von EMEC. Setze man nur auf eine Form der Energie, sei die Gefahr von Stromausfällen größer, warnt er. „Wenn man mehrere Technologien zusammenführt, entsteht mehr als nur die Summe der Elemente.“

EMEC hatte ebenfalls schon an früheren Projekten teilgenommen, in denen die Forscher das Problem der Energiespeicherung angegangen waren. Auf zwei Inseln Orkneys wurden Elektrolyse-Stationen mit einer Leistung von 500 Kilowatt errichtet, in denen mit Hilfe von Wind- und Wasserenergie Wasserstoff produziert wird.

In grauen Metallbehältern wird dieser gespeichert und dann mit Lastwagen in den Hafen von Orkneys Hauptstadt Kirkwall gebracht. Dort wartet der Wasserstoff hinter einem schlichten Bauzaun auf seinen Einsatz. Legt ein Schiff an, wird er in Strom umgewandelt und dieser in die Batterien an Bord geleitet.

Das Projekt heißt „Surf ‘n‘ Turf“ – und habe „einige unerwartete Fragen“ aufgeworfen, erzählt McNeill. So seien einige Straßen auf ‧Orkney nicht für schwer beladene Lastwagen zugelassen gewesen. Außerdem müssen bei der Nutzung von Wasserstoff strikte Sicherheitsvorschriften beachtet werden.

Deswegen wird der Wasserstoff derzeit noch nicht für den Antrieb von Passagierfähren, sondern lediglich für Zusatzstrom auf Transportschiffen benutzt. Später einmal sollen die vier Fähren, die Orkney mit dem Festland verbinden, auf Wasserstoff-Antrieb umgestellt werden. „All die Erfahrungen aus dem Projekt „Surf ‘n‘ Turf“ werden uns aber bei anderen Projekten helfen. Die Hoffnung ist, dass die Grundidee auf andere Zwecke übertragen wird“, sagt McNeill. Wasserstoff sei sicher nicht die Antwort auf alle Energieprobleme – aber Teil der Lösung.

Auch Orkney ist noch weit davon entfernt, eine vollkommen CO2-neutrale Inselgruppe zu sein – zu viele herkömmliche Autos fahren noch auf den engen Straßen, und auch die Fischerboote tuckern mit dem charakteristischen Geräusch von Dieselmotoren aufs Meer hinaus. Aber immerhin tragen die zwei Stromgeneratoren, die im alten Kraftwerk in Kirkwall stehen, nicht zum CO2-Abdruck der Orcadians bei. „Die werden nur im Notfall angelassen“, sagt McNeill. „Und unser letzter Stromausfall ist mehrere Jahre her.“

Mehr: In der Schweizer Stadt sollen Bürger bald nur noch 2000 Watt an Energie verbrauchen – abstrakte Klimaziele werden so für jeden greifbar.

Serie: Klima-Pioniere

Über die Serie

Der Kampf gegen die globale Erderwärmung kann nur gewonnen werden, wenn die Länder der Welt ihr Wissen und ihre Anstrengungen bündeln. Das Handelsblatt stellt Klimapioniere und ihre Projekte sowie die Umweltstrategie ihrer Heimatländer vor.

Teil 1: „Northern Lights“ – Wie Norwegen CO2 in großem Stil verbuddeln will
Teil 2: In Südafrika erleben die alternativen Energien eine Wiedergeburt
Teil 3: Schweden zeigt, dass CO2-Steuer und hohe Wachstumsraten kein Widerspruch sein müssen
Teil 4: Eine französische Gemeinde zeigt, wie die Wende zur Nachhaltigkeit gelingen kann
Teil 5: Spanien – Eine kleine Kanaren-Insel wird zum Vorbild für die Kombination von Erneuerbaren
Teil 6: Die Tankstelle der Welt – Abu Dhabi setzt jetzt auch auf Erneuerbare
Teil 7: Wie Israel mit Cloud, Big Data und Algorithmen Wasser spart
Teil 8: Japan glaubt an Wasserstoff
Teil 9: USA – New York steigt dem US-Klimaschutz aufs Dach
Teil 10: Australien – Ein Milliardärssohn trotzt der Klimaskepsis seiner Regierung
Teil 11: E-Mobilität – Revolution auf Chinesisch
Teil 12: Schweiz
Teil 13: Wie die Inselgruppe Orkney zum Vorbild für den Export von Windenergie wurde
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Kommentare (4)

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Herr Franz Schügerl

21.10.2019, 18:01 Uhr

Dieser Artikel hat einen entscheidenden Mangel: Über Kosten wird nicht geredet. Das ist aber der entscheidende Punkt!

Herr Mark Hartmann

22.10.2019, 11:22 Uhr

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr Hans Henseler

22.10.2019, 11:41 Uhr

Herr Hartmann, mal wieder die Neutrinos. Wo kann man das kaufen, was kostet es? Es
handelt sich um eine vorlaeufig nicht praktikable Idee. Wenn sie nutzbar ist, koennen wir
darueber reden.
Noch zu Orkney: Es ist sehr leicht Strom fuer 22.000 Einwohner zu produzieren. Dabei ist
nicht einmal der Verkehr (Autos, Faehren) einbegriffen. Windenergie ist besonders an dieser stuermischen Kueste eine Loesung, ungeloest bleibt die Speicherung der ungenutztenEnergie. Wellenenergie koennen sie vergessen - ist zu teuer und sehr unregelmaessig.Gezeitenenergie wird seit 60 Jahren erfolgreich in Nordfrankreich genutzt, aber es gibt nur wenige Orte wo sich die Investition lohnt.

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