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23.07.2019

15:47

Klimapolitik

Greta Thunberg liest Frankreichs Abgeordneten die Leviten

Von: Thomas Hanke

Die junge Umweltaktivistin war in der Pariser Nationalversammlung zu Gast. Thunbergs Rede bewegte die Volksvertreter – manche aber reagierten mit Häme.

Die schwedische Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung. AFP

Greta Thunberg

Die schwedische Klimaaktivistin in der französischen Nationalversammlung.

Paris Es war eine der kürzesten, aber vielleicht eine der besten Reden über den Klimawandel, die je in der französischen Nationalversammlung gehalten wurde: Am Dienstagmittag hat die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg vor 130 Abgeordneten darauf hingewiesen, dass die Menschheit im Hinblick auf das Klima über ihre Verhältnisse lebt.

Wenn sich nichts ändert, wird in acht Jahren das CO2-Budget aufgezehrt sein, das uns noch zur Verfügung steht, wenn die Erderwärmung bei 1,5 bis 2 Grad bleiben soll“, sagte sie in einem Saal der Assemblée Nationale. Und wiederholte diese Botschaft gleich vier Mal, damit sie auch jeder verstand.

Jeder könne diese Zahlen im jüngsten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change nachlesen, aber in der öffentlichen Debatte spielten sie keine Rolle. „Stattdessen müssen wir Kinder uns verhöhnen und lächerlich machen lassen von gewählten Volksvertretern“, warf die 16-Jährige ihren Kritikern vor  – und bekam dafür starken Beifall.

Kritik gibt es auch in Frankreich, und nicht zu knapp: Seit Tagen überschlagen sich die französische Politik und die Medien mit einer Polemik über den Auftritt der Schwedin. „Prophetin der Apokalypse“ oder „Prophetin in kurzen Hosen“ nannten konservative und rechtsextreme Abgeordnete sie. Der „Guru des Niedergangs“ ist sie für den Konservativen Guillaume Larrivé, der als Vorsitzender seiner Partei „Les Républicains“ kandidiert.

Erstaunlich, dass eine Jugendliche gestandene Politiker so aus der Rolle fallen lässt. Thunberg selbst hatte möglicherweise die Antwort: „Wir sind die Kinder, aber vielleicht seid ihr nicht reif genug, um der Realität ins Auge zu sehen.“ 

Vor ihrer Rede in einem der Säle für die Ausschüsse des Parlaments wurde die 16-Jährige am Mittag in der pompösen Residenz des Präsidenten der Nationalversammlung vom fraktionslosen Abgeordneten Matthieu Orphelin empfangen. Von ihm ging die Einladung aus, im Namen einer fraktionsübergreifenden Initiative, der sich 160 Abgeordnete angeschlossen hatten.

Sie alle wollen, dass mehr getan wird gegen den Klimawandel. Thunberg zeigte sich nicht sehr beeindruckt vom Palais aus dem frühen 18. Jahrhundert: Ein kurzer Blick in die Höhe und an die Gold geschmückten Wände, das war’s auch schon.

Macron ändert seine Haltung zur Klimapolitik

Die Pressestelle der Nationalversammlung legte großen Wert auf die Feststellung, dass die Schwedin nicht vor der Nationalversammlung reden werde und es sich um eine rein private Einladung handele. Doch nachdem Orphelin sie freundlich in Empfang genommen hatte, kam Richard Ferrand dazu, Präsident der Nationalversammlung, und führte Thunberg sowie vier französische Jugendliche von „Youth for climate France“ in den Garten seiner Residenz. Das anschließende halbstündige Gespräch fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die politische Dimension dieses angeblich völlig privaten Termins kann man nur verstehen, wenn man weiß, dass der einladende Abgeordnete Orphelin bis Ende vergangenen Jahres der Fraktion der Regierungspartei La République en Marche angehörte, sie aber aus Protest darüber, dass „die Politik der Regierung der Dringlichkeit von Umwelt- und Klimaproblemen überhaupt nicht gerecht“ werde, verlassen hat.

Kurz zuvor hatte sein enger Freund Nicolas Hulot das Amt des Umweltministers hingeworfen, ebenfalls weil er das Gefühl hatte, dass die Regierung die Klima-Thematik nicht ernst genug nehme. 

Richard Ferrand ist nicht nur Präsident der Nationalversammlung, sondern auch einer der engsten und ältesten Vertrauten von Staatspräsident Emmanuel Macron. Dass er und der abtrünnige Abgeordnete Orphelin sich anlässlich des Besuchs von Greta Thunberg wieder annähern, hat politische Bedeutung. Es zeigt vielleicht deutlicher als so manche Erklärung von Regierung und Präsident, dass Macron und seine Partei beginnen, die Klimapolitik sehr viel ernster zu nehmen.

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