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06.09.2019

03:58

Klimawissenschaftler Bjørn Lomborg

„Wer CO2-neutral werden will, muss ganz andere Hebel bewegen“

Von: Klaus Stratmann

Der dänische Wissenschaftler warnt vor Ineffizienz im Klimaschutz. Deutschland hält er in dieser Hinsicht für ein „abschreckendes Beispiel“.

Ungeeignete Vorschläge zum Schutz des Klimas? imago images / ZUMA Press

Aktivisten in New York

Ungeeignete Vorschläge zum Schutz des Klimas?

Berlin Nach Überzeugung des Wissenschaftlers Bjørn Lomborg müssen Forschung und Entwicklung in den Fokus der Klimaschutzpolitik rücken. „Im Moment werden weltweit etwa 15 Milliarden Euro jährlich in die Erforschung grüner Technologien gesteckt. Nach meiner Überzeugung müssten es aber 100 Milliarden sein. Wir reden also nicht über Unsummen. Das Geld wäre besser angelegt als für die Klimaschutzpolitik, die wir kennen“, sagt Lomborg.

Die Forschungsarbeit dürften aber nicht nur Unternehmen übernehmen, sondern es müssten öffentliche Forschungsaufträge angestoßen werden.

Eine CO2-Steuer hält Lomborg allenfalls für eine Übergangslösung. „Für Reduktionen um zehn Prozent ist der Emissionshandel der richtige Weg. Darüber hinaus wird er viel zu teuer. Wer CO2-neutral werden will, muss ganz andere Hebel bewegen. Der Schlüssel sind dann Innovationen“, sagt der Forscher.

Lesen Sie hier das ganze Interview

Herr Lomborg, Bundeskanzlerin Angela Merkel strebt für Deutschland Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 an. Ist das ein realistisches Ziel?
Das hängt einzig und allein davon ab, wie viel man zu zahlen bereit ist. Es gibt kaum eine Herausforderung im Klimaschutz, die sich nicht mit dem entsprechenden Mitteleinsatz bewältigen ließe. Allerdings ist der letzte Prozentpunkt der Zielerreichung der mit Abstand teuerste. Ich bin immer wieder überrascht, wenn Politiker sagen, sie strebten Klimaneutralität für ihr Land oder die ganze Welt an. Das ist leicht gesagt, aber extrem schwierig umzusetzen. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Staaten, die sich die Klimaneutralität zum Ziel gesetzt haben. Ich habe große Zweifel daran, ob all diese Staaten auch die Frage beantworten können, was das am Ende kosten wird.

Kennen Sie die Antwort?
Nein. Aber immerhin gibt es ein Land, das sich ernsthaft um eine Antwort bemüht hat: Neuseeland. Die Regierung hat die renommiertesten Institute des Landes mit der Beantwortung beauftragt. Demnach steigen die Kosten zur Erreichung der Klimaneutralität von heute null Prozent auf 16 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2050. Die 16 Prozent sind nur zu halten, wenn ausschließlich die richtigen politischen Entscheidungen getroffen werden. Wenn also alle Mittel effizient eingesetzt werden. Der Wert entspricht übrigens dem kompletten heutigen Staatshaushalt, er umfasst also alle derzeitigen Ausgaben für Soziales, Gesundheit, Umwelt, Bildung und Infrastruktur in Neuseeland.

Ist ein optimaler und effizienter Einsatz der Mittel für den Klimaschutz nicht völlig illusorisch?
Bislang gibt es jedenfalls keinen Beleg dafür, dass es irgendwo gelungen wäre, den optimalen Einsatz der Mittel zu erreichen. Die EU ist ein gutes Beispiel dafür. Sie hat sich für den Emissionshandel entschieden, um die Emissionen im Energiesektor zu senken.

Die EU war und ist damit ein weltweites Vorbild. Was soll daran auszusetzen sein?
Wenn man sich für den Emissionshandel entscheidet, sollte man nichts anderes tun, als den Emissionshandel wirken zu lassen. Stattdessen hat jedes Land noch zusätzlich eigene Instrumente entwickelt, die den Emissionshandel nicht richtig zur Geltung kommen lassen. Deutschland mit seiner Förderung der erneuerbaren Energien ist in dieser Hinsicht ein besonders abschreckendes Beispiel. Solche Fehlsteuerungen summieren sich zu gigantischen Zusatzkosten. Forscher haben errechnet, dass die Erreichung des europäischen Klimaziels 2020 nur halb so teuer wäre, wenn man den effizientesten Weg gegangen wäre. Wenn man also unterstellt, dass die üblichen Fehlsteuerungen die Kosten für den Klimaschutz verdoppeln, kommt man mit Blick auf Neuseeland nicht auf 16 Prozent, sondern auf 32 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2050.

Der Forscher hält die Energiewende in Deutschland für schlecht umgesetzt.

Bjorn Lomborg

Der Forscher hält die Energiewende in Deutschland für schlecht umgesetzt.

Das bedeutet massive Einschnitte an anderen Stellen. Ist ambitionierter Klimaschutz zwingend mit Verzicht verbunden?
Ich ziehe aus den Zahlen einen ganz anderen Schluss: Es wird nicht so kommen. Sobald die ersten Gelbwesten auf die Straße gehen, wird die Politik ihren Kurs ändern. Die Menschen wollen zwar von Kanzlerin Merkel hören, dass sie das Problem löst, aber sie wollen nicht dafür bezahlen.

Aber die Menschen scheinen bereit zu sein, sich den Klimaschutz etwas kosten zu lassen.
Die Bereitschaft ist begrenzt. Wenn man die Menschen daran hindert, durch die Welt zu fliegen, wie Greta Thunberg es fordert, werden sie das Geld für etwas anderes ausgeben. Und auch dieser Konsum wird CO2-Emissionen verursachen. Der einzig sichere Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren, ist es, die Menschen arm zu machen.

Was schlagen Sie vor? Was ist der effizienteste Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren?
Auf kurze Sicht ist es am effizientesten, eine CO2-Steuer zu erheben. Das Emissionshandelssystem ist dabei ja nur eine Variante einer CO2-Steuer, gerade in reichen Ländern funktioniert dieses System ebenfalls gut. Aber der einzige Weg, das Problem auf lange Sicht zu lösen, ist eine verbesserte Technologie. Wir brauchen Innovationen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Das muss an erster Stelle stehen.

Kommentare (6)

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Herr Wolfgang Graf

06.09.2019, 08:20 Uhr

Stimme zu, aber warum so nebulös? Keine Vorschläge? Forschen ins Nichts?
Was ist mit der Wasserstoffwirtschaft um kostenerträgliche klimaneutrale Energieträger zu entwickeln?
Warum nicht Atomkraft zumindest versuchen weiter zu bringen.
Warum nicht so schnell wie möglich in sonnenreichen Zonen unserer Erde Solarkraftwerke errichten?
Wo bleibt der deutsche Pioniergeist? Erstickt durch moralischen Größenwahn, weltverbesserische Rechthaberei und bürokratische Regelungswut.

Herr Thomas Tschirpig

06.09.2019, 09:35 Uhr

„Literacy bedeutet übersetzt „Lese- und Schreibkompetenz“. Literacy umfasst aber auch Kompetenzen wie Textverständnis, Sinnverstehen,..." (Goethe Instutut)

Und genau dazu, zum Sinnverstehen, sind Artikel wie dieser wichtig. Weil sie gängige Positionen hinterfragen, ergänzen. Auch und gerade durch umstrittenen Autoren.

Sonst fürchte ich trifft Lomborgs These ein: Der einzig sichere Weg, CO2-Emissionen zu reduzieren, ist es, die Menschen arm zu machen.

Heute am Tag, da die Nachricht von Diktator Mugabes Tod die Welt erreicht, mußte ich daran denken, was der Ansatz (den mE auch CO2-Steuer folgt): Den Bösen (Weißen, Kapitalisten) wegnehmen und den Guten (Gefolgsleuten...) geben Simbabwe für Leid gebracht hat.

Deshalb -heute wo die Kanzlerin in China ist- würde ich den Artikel mal so zusammenfassen:

In der Klimapolitik bedarf es weniger Mao und mehr Deng!


Herr Josef Müller

06.09.2019, 14:18 Uhr

Ich bin erstaunt, dass Bjørn Lomborg hier als Klimawissenschaftler bezeichnet wird.
Laut Wikipedia ist er Politikwissenschaftler, Dozent, Statistiker und Buchautor, also kein Naturwissenschaftler:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bj%C3%B8rn_Lomborg
Ich bezweifle, dass er die komplexen Folgen des Klimawandels wirklich nachvollziehen kann.
Statistiker neigen oft dazu, Entwicklungen der Vergangenheit einfach in die Zukunft zu extrapolieren. In einem komplexen dynamischen System wie der Biosphäre funktioniert das aber bestenfalls nur auf begrenzte Zeit.

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