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21.06.2019

17:22

Konflikt am Persischen Golf

USA standen kurz vor Angriff auf den Iran, Trump stoppte wegen möglicher Todesopfer

Die USA haben einen angeordneten Militärschlag gegen den Iran gestoppt. Offenbar gab es auch eine Vorwarnung an die Regierung in Teheran.

US-Drohne abgeschossen

Trump: „Jemand Dummes hat einen großen Fehler gemacht“

US-Drohne abgeschossen: Trump: „Jemand Dummes hat einen großen Fehler gemacht“

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Washington US-Präsident Donald Trump hat nach einem Bericht der „New York Times“ zunächst Luftschläge gegen den Iran freigegeben, diese dann aber in der Nacht zu diesem Freitag abrupt gestoppt. Bei der Militäraktion sollte es sich laut Bericht um Vergeltung für den Abschuss einer amerikanischen Aufklärungsdrohne durch den Iran handeln.

Laut Nachrichtenagentur Reuters hat der Iran in der Nacht zu Freitag via Oman eine Vorwarnung der USA über einen bevorstehenden Angriff erhalten. Nach Angaben aus Regierungskreisen habe Trump mitgeteilt, er wolle keinen Krieg, sondern Gespräche. Dafür habe Trump der Islamischen Republik eine kurze Frist gesetzt. Ein weiterer Insider sagte Reuters, der Iran habe darauf ebenfalls via Oman geantwortet, das geistliche und staatliche Oberhaupt der Islamischen Republik, Ajatollah Ali Chamenei, sei gegen jede Art von Gesprächen mit den USA.

Am Freitagnachmittag äußerte sich der US-Präsident auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und bestätigte grundsätzlich den bekannten Ablauf. Nach dem Abschuss der Drohne am Montag habe Trump sich über mögliche Vergeltungsmaßnahmen informiert. Das US-Militär sei zum Schlag auf drei Ziele im Iran bereit gewesen. Doch zehn Minuten vor dem Vergeltungsschlag, schreibt Trump, habe er den Angriff abbrechen lassen.

Als Begründung führt er die Zahl von 150 geschätzten Todesopfern an. Dies sei angesichts des Abschusses eines unbemannten Flugkörpers „unverhältnismäßig“. Das Eingeständnis, jederzeit zum Militärschlag gegen den Iran bereit zu sein, darf aber durchaus als fortgeschrittenes Säbelrasseln und akute Drohkulisse verstanden werden.

Der „New York Times“ zufolge war die Operation bereits in ihrem Anfangsstadium, als sie abgeblasen wurde. Flugzeuge seien bereits in der Luft und Schiffe in Position gewesen. Schüsse oder Raketenstarts gab es indessen nicht. Die Operation wurde in Washington gegen 19.30 Uhr (Ortszeit) abgesagt. Trump hatte den Großteil des Donnerstags damit verbracht, mit nationalen Sicherheitsberatern und Kongressführern über die Iran-Strategie zu beraten.

Weshalb es zu dem Abbruch kam, war zunächst nicht bekannt. Unklar sei außerdem, ob die Aktion lediglich verschoben wurde. Erwartet worden seien die Luftschläge am Donnerstagabend. Es seien Angriffe auf ausgewählte iranische Ziele geplant gewesen. Die „New York Times“ berichtete, dass es am Donnerstag zunächst heftige Diskussionen im Weißen Haus zwischen dem Präsidenten, seinen höchsten Sicherheitsberatern und Kongressspitzen gegeben habe.

Das Blatt bezieht sich auf Informationen von mehreren hochrangigen Regierungsbeamten, die entweder an den Diskussionen teilnahmen oder darüber informiert wurden. Weder das Weiße Haus noch das Pentagon wollten die Angriffspläne in der „New York Times“ kommentierten. Es habe aber keine Bemühungen gegeben, die Veröffentlichung des Artikel zurückzuhalten, hieß es.

Die USA haben nun laut Diplomaten für Montag eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats beantragt. Das Gremium solle hinter verschlossenen Türen zusammenkommen, hieß es in einer von der Nachrichtenagentur Reuters eingesehenen Mitteilung der US-Vertretung bei den UN an die anderen Sicherheitsrats-Mitglieder. Die USA wollen demnach über die neuesten Entwicklungen rund um den Iran informieren. Zudem sollten neue Ermittlungsergebnisse zu den jüngsten Tanker-Vorfällen bekanntgegeben werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich besorgt über die Iran-Krise geäußert. Es handele sich um eine „sehr angespannte Situation“, die auf diplomatische und politische Weise gelöst werden müsse, sagte Merkel am Freitag zum Abschluss des EU-Gipfels in Brüssel. Am Rande des Gipfels hätten die außenpolitischen Berater die Lage besprochen. Die stellvertretende Regierungssprecherin hatte zuvor in Berlin Martina Fietz gesagt, man wolle in diesem Sinne auf alle beteiligten Seiten einwirken - insbesondere auf den Iran.

Das US-Verteidigungsministerium hat die Abschussstelle der Drohne veröffentlicht. AP

Straße von Hormus

Das US-Verteidigungsministerium hat die Abschussstelle der Drohne veröffentlicht.

Deeskalierende Signale sendet inmitten des schwelenden Streits auch die Europäische Union. Am Rande des EU-Gipfels in Brüssel ist nun bekannt geworden, dass die Staatengemeinschaft am 28. Juni ein Treffen mit den verbliebenen Unterzeichnerstaaten des Atomabkommens mit dem Iran ausrichten wird. Ranghohe Vertreter Deutschlands, Chinas, Frankreichs, Russlands, Großbritanniens und des Irans würden dazu nach Wien kommen, teilte die EU am Donnerstag mit. Ziel sei, die weitere Umsetzung des Abkommens sicherzustellen.

„Ich glaube, dass das 2015 unterzeichnete Abkommen nicht genug ist, aber es ist ein gutes Abkommen“, sagte Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Mit Blick auf die Spannungen zwischen den USA und dem Iran sagte er: „Am wichtigsten ist es, jede Form der Eskalation zu vermeiden.“

Derweil wirkt sich der Konflikt zwischen den USA und Teheran auf die Luftfahrtbranche aus: So hat die US-Luftfahrbehörde FAA am Donnerstag ein Flugverbot für in den USA registrierte Flugzeuge über dem Persischen Golf und dem Golf von Oman verhängt.

Das teilte die Behörde per Twitter mit. Von der Maßnahme betroffen sei das Teheraner Fluginformationsgebiet, in dem das Land Zugriff auf Daten zum Flugverkehr hat. Weitere Details zu dem Erlass gab es zunächst nicht. Erhöhte Militär-Aktivitäten und zunehmende politische Spannungen könnten kommerzielle Flugzeuge einem Risiko aussetzen.

Das iranische Staatsfernsehen hat Bilder der abgeschossenen, US-amerikanischen Drohne veröffentlicht. Screenshot

Iranisches Fernsehen

Das iranische Staatsfernsehen hat Bilder der abgeschossenen, US-amerikanischen Drohne veröffentlicht.

Zahlreiche Fluggesellschaften wollen als Konsequenz aus den steigenden Spannungen zwischen dem Iran und den USA den Luftraum über der Straße von Hormus und dem Golf von Oman bis auf Weiteres nicht mehr überfliegen. Die australische Qantas erklärte am Freitag, sie passe Flugrouten so an, dass ihre Maschinen das Gebiet nicht mehr überquerten.

Auch Flugzeuge von Malaysia Airlines sollen es meiden. Airlines aus den USA und Japan teilten zudem mit, sie würden auch den Iran nicht mehr überfliegen. Auch die niederländische KLM und Singapore Airlines kündigten an, sie werde als Vorsichtsmaßnahme Flüge über Teile des Irans vermeiden. Die Lufthansa hat ebenfalls ihre Flugrouten geändert. Von den Änderungen sei aber nicht der gesamte Iran betroffen, wie ein Sprecher der Fluggesellschaft am Freitag mitteilte. Lufthansa fliege die iranische Hauptstadt Teheran weiter an.

Zu der Eskalation des Konfliktes hat der Abschuss einer US-Drohne durch den Iran gesorgt. Am Donnerstag hatte die iranische Revolutionsgarde eine US-Drohne des Typs RQ-4A Global Hawk über dem Golf von Oman abgeschossen. Das unbemannte Flugzeug hat eine größere Spannweite als eine Boeing 737 und kostet über 100 Millionen Dollar.

Der Iran hat die abgeschossene US-Drohne nach eigenen Angaben zuvor mehrfach gewarnt. Der Chef der Luftdivision der Revolutionsgarde, Amir Ali Hadschisadeh, sagte am Freitag dem iranischen Staatsfernsehen, dem Start der iranischen Rakete für den Abschuss seien mehrere Warnungen vorausgegangen. „Leider antworteten sie nicht“, sagte er. Hinter ihm lagen während des Interviews Trümmer, die nach iranischen Angaben von der Drohne stammten.

Das iranische Staatsfernsehen veröffentlichte am Freitag Bilder, die die Trümmer der abgeschossenen Drohne zeigen sollen. Die Trümmer sollen aus iranischen Hoheitsgewässern stammen. Währenddessen veröffentlichte das US-Verteidigungsministerium eine Karte der genauen Abschussstelle der Drohne.

Auch die iranischen Revolutionsgarden verkündeten am Freitag, dass sie noch weit mehr Schaden hätten anrichten können. Neben der US-Drohne habe sich auch ein amerikanisches Flugzeug mit 35 Menschen an Bord in derselben Region wie der Flugkörper aufgehalten, zitierte die Nachrichtenagentur Tasnim den Leiter der Luft- und Raumfahrtdivision der Garden, Amirali Hadschisadeh. „Dieses Flugzeug ist auch in unseren Luftraum eingedrungen, und wir hätten es abschießen können, aber wir haben es nicht getan.“ Bei der Maschine habe es sich um eine P-8 gehandelt. Das ist eine Militärmaschine der US-Marine. Eine Stellungnahme der USA lag zunächst nicht vor.

Trump: Jemand war „leichtfertig und dumm“

Trump hatte am Donnerstag gesagt: „Sie haben einen sehr schweren Fehler gemacht.“ Es sei „wissenschaftlich dokumentiert“, dass die Drohne in internationalem Luftraum geflogen sei. Nach Angaben des US-Zentralkommandos Centcom, das die Truppen im Nahen Osten führt, wurde die Drohne des Typs RQ-4A Global Hawk über der Straße von Hormus von einer iranischen Luftabwehrrakete getroffen.

Die ca. 55 Kilometer breite Meerenge am Persischen Golf wird derzeit von zahlreichen Airlines gemieden. Bildquelle: Screenshot Flightradar

Die Straße von Hormus

Die ca. 55 Kilometer breite Meerenge am Persischen Golf wird derzeit von zahlreichen Airlines gemieden.

Bildquelle: Screenshot Flightradar

Nach Beratungen über den Vorfall sagte Trump, Iran könnte die Drohne versehentlich abgeschossen haben, weil jemand „leichtfertig und dumm war“. Die US-Armee bestätigte den Abschuss, dementierte aber iranische Angaben, wonach das unbemannte Flugzeug in den iranischen Luftraum eingedrungen war.

Der iranische Außenminister Jawad Sarif schrieb auf Twitter, man werde den Fall vor die Vereinten Nationen bringen „und zeigen, dass die Vereinigten Staaten lügen“. Der Chef der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), Hussein Salami, zeigte sich konfrontativ: „Das war eine klare und konsequente Botschaft an diejenigen, die unsere Grenzen verletzen wollen“, sagte er.

Trump hatte zunächst offengelassen, wie die USA reagieren werden. „Das werden Sie bald herausfinden“, hatte er Journalisten im Weißen Haus gesagt. Bislang hatte Trump wie die iranische Führung betont, keinen Krieg zu wollen.

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