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03.08.2019

12:40

Die neue Regierung ist laut der Ratingagentur Fitch auf dem richtigen Weg. dpa

Kyriakos Mitsotakis

Die neue Regierung ist laut der Ratingagentur Fitch auf dem richtigen Weg.

Konjunktur

Ratingagentur Fitch sieht Griechenland auf dem richtigen Weg

Von: Gerd Höhler

Rückenwind für die neue Athener Regierung: Die Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung ist so positiv wie noch nie seit über zehn Jahren.

Athen Die Ratingagentur Fitch sieht Griechenland auf dem richtigen Weg. Die ersten Schritte der neuen Regierung, ihre wachstumsfreundliche Politik und die geplanten Privatisierungen seien positiv, stellte die Agentur am Freitag in ihrer jüngsten Bewertung fest. Vor einer Heraufstufung der Bonität des Landes wollen die Fitch-Analysten aber abwarten, ob der Regierungswechsel wirklich zu greifbaren Ergebnissen führt.

Fitch beließ daher das Rating auf „BB-“, drei Stufen unter der Schwelle des „Investment Grade“, der Liga der investitionswürdigen Schuldner. Gegen eine bessere Einstufung sprechen laut Fitch einstweilen die hohe Verschuldung, die schwachen Wachstumsaussichten und die schwierige Situation der griechischen Banken, die mit hohen Kreditausfällen zu kämpfen haben.

Deutlich euphorischer ist die Stimmung in der griechischen Wirtschaft. Im Juli stieg der Indikator der wirtschaftlichen Einschätzung (Economic Sentiment Indicator, ESI) auf 105,3 Punkte. Das war nicht nur der höchste Wert seit Beginn der griechischen Rezession 2008. Erstmals stieg der Indikator für Griechenland auch über den Durchschnittswert der 19-Euro-Staaten, der im Juli bei 102,7 Punkten lag. Der ESI wird allmonatlich von der EU-Statistikbehörde Eurostat ermittelt.

Noch im Juni lag Griechenland mit einem Indexwert von 101 deutlich unter dem Mittelwert der Eurozone. Der Anstieg der Vertrauensindikatoren dürfte vor allem eine Reaktion auf den Regierungswechsel Anfang Juli sein.
Die neue Regierung des konservativ-liberalen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis trat vor vier Wochen mit einem wirtschaftsfreundlichen Programm an. Mitsotakis will mit einer Steuerreform und einer Modernisierung der öffentlichen Verwaltung Investoren gewinnen. Erste Steuersenkungen hat das Parlament bereits vergangene Woche beschlossen.

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    Mitsotakis hat sich vorgenommen, das Land binnen 18 Monaten in die Liga der investitionswürdigen Schuldner zu führen. Der Weg dahin ist allerdings noch weit, wie die Entscheidung von Fitch zeigt, das Rating vorerst unverändert zu lassen. Bei den Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s rangiert Griechenland sogar noch vier Stufen unter der Investitionswürdigkeit.

    Kampf gegen die Krise geht weiter

    Die Ratings zeigen: Griechenland, das im Lauf der 2009 aufgebrochenen Schuldenkrise mehrfach an den Rand des Staatsbankrotts geriet und mit internationalen Hilfskrediten von fast 290 Milliarden Euro gerettet wurde, kämpft immer noch mit den Folgen der Krise.

    In Kürze dürfte das Land aber einen weiteren Schritt zurück zur Normalität machen: Zentralbankchef Yannis Stournaras hat der Regierung jetzt empfohlen, die im Sommer 2015 eingeführten Kapitalkontrollen völlig aufzuheben. Die meisten Beschränkungen wurden bereits gelockert. Nur im Zahlungsverkehr mit dem Ausland gibt es noch Limits. Sie könnten im September oder Oktober abgeschafft werden.

    Die Anleger fassen bereits wieder Vertrauen in das einstige Krisenland und greifen verstärkt zu griechischen Staatsanleihen – auch wenn die Papiere von den Ratingagenturen als „spekulative“ oder sogar „hoch-spekulative“ Anlage bewertet werden. Die Rendite des zehnjährigen Hellas-Bonds fiel Ende Juli zum ersten Mal seit Beginn der Euro-Ära unter die Marke von zwei Prozent.

    Die griechischen Papiere sind gefragt, weil sie zu den wenigen im Euro-Raum gehören, die überhaupt noch eine nennenswerte Rendite abwerfen. Mit den steigenden Kursen der Hellas-Anleihen honorieren die Finanzmärkte aber auch die Erfolge bei der Sanierung des Staatshaushalts und die Strukturreformen.

    Wie Griechenland in den Krisenjahren bei den Reformen vorangekommen ist, zeigt eine Studie, die von der Athener Denkfabrik KEPE und dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Auftrag der EU-Kommission erstellt wurde. Die Untersuchung („Structural Reforms in Greece, 2010-2018“) beleuchtet die Reformagenda der Krisenjahre.

    Sie konstatiert bedeutende Fortschritte bei der Erleichterung von Unternehmensgründungen, dem Bürokratieabbau und bei der Öffnung der so genannten „geschlossenen Berufe“. Dabei handelt es sich um hunderte Tätigkeiten vom Friseur und Fremdenführer über den Optiker, Makler und Notar bis zum Arzt, die früher mit Zugangsbeschränkungen und Regulierungen gegen jeden Wettbewerb abgeschottet waren.

    Nachholbedarf bei Privatisierungen

    Die Studie stellt aber auch Reform-Rückstände fest, etwa bei der Deregulierung der Energiemärkte, der Netze und des Transportwesens. Großen Nachholbedarf sehen die Verfasser der Untersuchung auch bei den Privatisierungen. Vor allem die Anfang Juli abgelöste Regierung des Linkspopulisten Alexis Tsipras hat während ihrer viereinhalbjährigen Amtszeit wichtige Privatisierungsprojekte aus ideologischen Gründen systematisch torpediert.

    Für den neuen Premier Mitsotakis sind die Reformen ein „Schlüssel zum Wachstum“. Und da hat er ambitionierte Ziele: Während die griechische Wirtschaft derzeit weniger als zwei Prozent im Jahr zulegt, verspricht Mitsotakis jährliche Zuwächse von drei bis vier Prozent.

    Um dieses ehrgeizige Wachstumsziel zu erreichen, braucht das Land vor allem mehr Investitionen. Zentralbankchef Stournaras verwies jetzt in einem Interview darauf, dass sich die Investitionen in Griechenland derzeit nur auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts belaufen, gegenüber 20 Prozent vor der Krise „Wir brauchen verzweifelt ausländische Direktinvestitionen“, appelliert Stournaras.

    Nach einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY) gab es in Griechenland im vergangenen Jahr nur 13 ausländische Direktinvestitionen – gegenüber 74 in Portugal, 119 in Serbien und 205 in Irland. Immerhin zeichnet sich aber auch hier eine Besserung ab: Die EY-Untersuchung, die sich auf Interviews mit Managern von 202 großen ausländischen Unternehmen stützt, ergab, dass 47 Prozent der Befragten feststellten, Griechenlands Image als Investitionsstandort habe sich gegenüber dem Vorjahr verbessert. Drei von vier interviewten Managern erwarten, dass sich die Bedingungen innerhalb der nächsten drei Jahre weiter verbessern werden. Und immerhin jeder Dritte erklärte, er erwäge eine Investition in Griechenland.

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