Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

10.09.2019

11:21

Konjunktur

Siemens-Chef Joe Kaeser fordert mehr staatliche Investitionen

Von: Torsten Riecke

Joe Kaeser schickt einen Notruf an die Politik: Die Wirtschaft drohe in zwei Welten zu zerfallen. Den Handelsstreit sieht der Siemens-Chef als Risiko für Unternehmen.

Siemens: Chef Joe Kaeser fordert mehr staatliche Investitionen AFP

Joe Kaeser

Der Siemens-Chef sorgt sich vor allem um die globalen Lieferketten, die der Handelsstreit gefährdet.

Berlin Joe Kaeser neigt nicht zu Extremen. Wenn der Siemens-Chef sagt, er werde sich mit all seinen Möglichkeiten für etwas einsetzen, muss es ihm wirklich wichtig sein. „Ich werde bis zur letzten Zeile dafür kämpfen, dass es nicht zu einer Teilung der Weltwirtschaft kommt“, verspricht der 62-jährige Manager, der gerade von einer Reise mit Bundeskanzlerin Merkel aus China zurückgekehrt ist.

Die richtige Redewendung „bis zum letzten Atemzug“ war Kaeser wohl doch zu melodramatisch. Doch das missratene Sprachbild tut seiner Botschaft keinen Abbruch. Der wichtigste Industriemanager Deutschlands befürchtet, dass der Handelskonflikt zwischen den USA und China zu einem „Decoupling“ führen könnte, also zu einer Spaltung der Weltwirtschaft in eine amerikanische und eine chinesische Einflusssphäre.

„Es ist kein Zufall, dass im Moment viele von einem Decoupling reden“, sagt Kaeser bei einer Veranstaltung des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA) am Montagabend. Seine Sorge begründet er zum Beispiel damit, dass der chinesische Telekomausrüster Huawei als Reaktion auf die US-Sanktionen jetzt ein eigenes Betriebssystem für Smartphones entwickeln will.

Zwar spüre Siemens im Unternehmensalltag zum Glück noch keine Entkoppelung, aber in den USA sei das anders. Tatsächlich stoßen US-Technologiekonzerne wie Broadcom und Micron auf neue politische Hürden in ihrem China-Geschäft.

Andere Unternehmen wie der US-Kamerahersteller Gopro verlagern Teile ihrer Produktion nach Mexiko, um nicht zwischen die Fronten eines Handelskrieges zu geraten. „Eine Teilung der Weltwirtschaft in zwei Lager würde uns um Jahrzehnte zurückwerfen“, sagt der Industriemanager voraus. „Das wäre ein Garant für eine weltweit Rezession.“

„Wir müssen entscheiden, wer Freund und wer Feind ist“

Kaeser sorgt sich vor allem um die globalen Lieferketten, die auch für Siemens von zentraler Bedeutung sind, und die in einer geteilten Welt gekappt werden könnten. „Eine Entkoppelung würde zu zwei Welten mit unterschiedlichen Standards und Regeln führen“, warnt er und prophezeit, es käme zu einer wachsenden Lokalisierung der Produktion.

„Im Ernstfall müssten wir uns entscheiden, wer Freund und wer Feind ist“, führt er aus. Umso wichtiger sei es, dass Europa endlich zu einer „gemeinsamen Außenwirtschaftspolitik“ finde. „Es ist doch merkwürdig, dass Europa in der Debatte über das Decoupling gar nicht vorkommt“, kritisiert der Siemens-Chef.

„Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen EU-Kommission muss es sein, eine gemeinsame Linie in der Außenwirtschaftspolitik zu entwickeln und dabei auch die gemeinsamen Sicherheitsinteressen stärker im Blick zu haben“, so Kaeser weiter.

Auf eine Abwahl von US-Präsident Donald Trump zu hoffen, helfe nicht weiter. Selbst ein Wechsel im Weißen Haus würde nicht daran ändern, dass die USA und China um die Führung in der Weltwirtschaft ringen.

Sorgen über eine Teilung der Welt macht sich Kaeser wohl auch deshalb, weil die Konjunktur insbesondere in Deutschland ins Stottern geraten ist. Die deutsche Wirtschaft sei für die „massive Abkühlung im Investitionsgütergeschäft“ besonders anfällig und vom Nullwachstum nicht sehr weit entfernt. „Ich würde nicht ausschließen, dass es in einem Monat oder Quartal auch mal unter Null gehen könnte“, meint Kaeser.

An eine längere Rezession glaubt er zwar nicht, hält es aber für „eine legitime Frage, warum der Staat nicht mehr investiert, wenn er für die Aufnahme von Kapital sogar bezahlt wird“. Einen großen Investitionsbedarf sieht der Manager vor allem in der Infrastruktur, wie Flughäfen, Brücken, Autobahnen und Schienen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×