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12.10.2022

16:51

Korruption

Bis zu 2000 Euro Belohnung: Griechenland macht 100.000 Bürger per App zu Steuerfahndern

Weil Steuerhinterziehung in Griechenland ein riesiges Problem ist, greift der Staat nun auf seine Bürger zurück – und reizt sie mit viel Geld dazu an, Betrüger zu melden.

Wer in Griechenland eine Quittung bekommt, kann nun per App überprüfen, ob sie echt ist. AP

Fischmarkt in Athen

Wer in Griechenland eine Quittung bekommt, kann nun per App überprüfen, ob sie echt ist.

Athen Der Athener Finanzminister forciert den Kampf gegen Steuerbetrug. Die grassierende Steuerhinterziehung war eine der Ursachen der griechischen Finanzkrise im vergangenen Jahrzehnt. Mit einem Fingertipp auf dem Smartphone können Verbraucher jetzt in Griechenland kontrollieren, ob die Quittungen, die sie beim Einkauf bekommen, echt sind.

Wer dem Fiskus einen gefälschten Beleg meldet, bekommt bis zu 2000 Euro Belohnung. Die Resonanz ist riesig: Pro Tag melden die Verbraucher im Schnitt 1600 Fälle von Steuerbetrug.

So wie der Autofahrer Vasilis. Für 63 Euro hatte er an einer Tankstelle im Athener Vorort Agia Paraskevi Treibstoff gezapft. So stand es auch auf der Quittung, die ihm der Tankwart aushändigte. Doch als er wenig später den Beleg mit seinem Smartphone scannte, stellte sich heraus: Die Quittung war gefälscht. Mit einem Fingertipp leitete er den Befund an den Fiskus weiter.

Prüfer des Finanzamts stellten fest: Tatsächlich hatte der Tankstellenbetreiber den Finanzbehörden nur eine Spritabgabe von 20 Euro gemeldet.

„Appodixi“ heißt die Handy-Anwendung, die den Tankstellenpächter überführte. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus App und „apodixi“, der griechischen Bezeichnung für Quittung. In Griechenland kann man sie kostenlos aus dem App Store oder Google Play auf sein Smartphone herunterladen. Mehr als 100.000 Verbraucher haben das bereits getan, seit die Anwendung am 21. September freigeschaltet wurde.

Griechen melden Tausende Verstöße täglich

Bereits am ersten Tag gingen beim Fiskus rund 700 Meldungen über gefälschte Quittungen ein. In den ersten zwei Wochen waren es fast 25.000. Der Erfolg übertreffe alle Erwartungen, heißt in Kreisen des griechischen Finanzministeriums. Bisher beschäftigten die griechischen Finanzbehörden etwa 5000 Steuerfahnder. Jetzt sind es quasi über 100.000.

Die Zahl von täglich rund 1600 gemeldeten Verstößen zeigt: Die Steuerhinterziehung ist in Griechenland ein chronisches Problem. Eine Untersuchung des Professors Athanasios Anastasiou von der Universität der Peloponnes aus dem Jahr 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass die Steuerhinterziehung in den vergangenen 40 Jahren ständig zugenommen hat.

Machte sie 1980 noch 3,74 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus, waren es 2018 bereits 10,3 Prozent. Das entspräche einem Betrag von 18,5 Milliarden Euro, der dem Fiskus entgeht.

Nach Berechnungen der EU-Kommission belief sich allein die hinterzogene Mehrwertsteuer (MwSt) in Griechenland im Jahr 2021 auf 5,35 Milliarden Euro. Den Finanzämtern gehen fast 26 Prozent der fälligen MwSt durch die Lappen. Das ist die zweithöchste Quote in der EU nach Rumänien. Auf Griechenland folgen Malta und Italien.

Die neue App funktioniert denkbar einfach. In Griechenland müssen alle Registrierkassen und Kartenterminals über das Internet oder Mobilfunk mit dem Datensystem TAXISnet der zentralen Finanzbehörde verbunden sein. Einmal am Tag werden bei Geschäftsschluss alle getätigten Umsätze an die Behörde übermittelt. Jede Quittung hat einen QR-Code. Er wird von der Registrierkasse automatisch generiert und enthält alle Details der Transaktion wie Datum, Uhrzeit, Betrag und Steuernummer des Unternehmens.

In den ersten zwei Wochen sind bereits mehr als 25.000 Meldungen bei den griechischen Behören eingegangen. Appodixi

Appodixi

In den ersten zwei Wochen sind bereits mehr als 25.000 Meldungen bei den griechischen Behören eingegangen.

Die App ermöglicht es dem Verbraucher, mit seiner Handykamera den Code auszulesen. Er bekommt dann sofort eine Rückmeldung, ob diese Transaktion den Finanzbehörden gemeldet wurde.

Händler betrügen mit einer zweiten Kasse

Nicht wenige Händler versuchen, den Fiskus auszutricksen. Sie haben zwei Registrierkassen: eine, die Quittungen für die Kunden ausgibt, aber nicht mit dem TAXISnet verbunden ist, und eine zweite, mit der sie niedrigere Umsätze an die Behörde melden. So machte es auch der Tankstellenpächter in Agia Paraskevi. Offenbar ist das eine weitverbreitete Praxis, wie die täglich rund 1600 gemeldeten Verstöße zeigen.

Den Steuerbetrügern drohen drakonische Strafen: Der Fiskus kann die betroffenen Betriebe für zwei bis zwölf Monate schließen und Strafen von 15 Prozent des Jahresumsatzes verhängen. Im Fall der Tankstelle wird sich die Buße auf rund 350.000 Euro belaufen.

Ein Teil der eigenommenen Steuerstrafen will der Fiskus an die erfolgreichen Amateur-Steuerfahnder zurückgeben: Sie können bei gemeldeten Verstößen mit Belohnungen von bis zu 2000 Euro rechnen. Ein entsprechendes Gesetz soll in Kürze verabschiedet werden.

Von

ghoe

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