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15.02.2019

11:03

Kriminalität

Italiens moderne Mafia tritt als Investment-Holding auf – auch in Deutschland

Von: Regina Krieger

Diskrete Geldwäsche statt brutaler Kriminalität: Italiens Mafiosi sind nicht verschwunden, sie ändern ihre Methoden – auch bei Auslandsaktivitäten.

Im Dezember 2018 durchsuchten Ermittler ein Eiscafé im nordrhein-westfälischen Duisburg im Zuge einer Razzia gegen Mitglieder der Mafiaorganisation 'ndrangheta. dpa

Razzia

Im Dezember 2018 durchsuchten Ermittler ein Eiscafé im nordrhein-westfälischen Duisburg im Zuge einer Razzia gegen Mitglieder der Mafiaorganisation 'ndrangheta.

RomViel Zeit ist vergangen seit den brutalen Morden der Mafia an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino auf Sizilien. Die Polizei leistete in den Jahren danach gute Arbeit: Die Mafia-Bosse sind hinter Gittern, Totò Riina, der „Boss der Bosse“, der die Attentate geplant hatte, starb 2017 im Gefängnis.

Es ist still geworden um Cosa Nostra, ‘ndrangheta, Camorra und die Sacra Corona Unita, wie die Mafia auf Sizilien, in Kalabrien, in Kampanien und in Apulien heißt. Es gab seit langem keine Attentate mehr, keine Morde, keine spektakulären Prozesse. Auch das Massaker von Duisburg, wo im August 2007 bei einer ‘ndrangheta-Fehde sechs Menschen vor einem italienischen Restaurant ermordet wurden, ist aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Die Täter sind gefasst und lebenslänglich im Gefängnis.

Doch das heißt nicht, dass die organisierte Kriminalität besiegt ist. „Die Mafia ist lebendig, dynamisch und passt sich perfekt an das Umfeld an“, heißt es im neuen Bericht der Antimafiabehörde DIA, der gerade dem Parlament in Rom vorgelegt wurde. Auf mehr als 500 Seiten listen die Experten minutiös auf, wer wo gefasst wurde, wegen welcher Straftat und welche Gruppe wie und wo agiert. Und das ist nicht nur im Süden Italiens, sondern in allen Landesteilen von der Lombardei bis in die Toskana sowie in allen EU-Ländern, vor allem in Deutschland. Neu in dem Report ist, dass die organisierte Kriminalität auch in Rom immer mehr Fuß fasst.

„Die Mafia hat eine neue Strategie, es ist die Strategie des Untertauchens“, sagt Bruno Dominici von der DIA. Er ist Spezialist für die Cosa Nostra in Sizilien. „Die Mafia mordet nicht, wenn es nicht nötig ist“, erklärt er. Dafür investiere sie. „Die Söhne der Mafiosi laufen nicht mehr mit Schirmmütze und abgesägter Schrotflinte herum, das ist alte Folklore, heute haben sie studiert und sind Finanzexperten geworden.“

„Das Ziel der Mafia ist es, Geld zu waschen“, sagt auch Francesco Gosciu, der lange in Palermo im Einsatz war und nun bei der DIA für Rom zuständig ist. Und das tue sie überall mit Investitionen, auch in Deutschland. „Vor allem die ‘ndrangheta, die mächtigste der Mafia-Organisationen, hat viel Geld“, sagt er, „das will sie investieren, aber nicht zu Hause in Kalabrien, denn da gibt es keine Möglichkeiten.“ Die Finanzkrise habe es ihr und den anderen Organisationen leicht gemacht, öffentliche Bauaufträge zu gewinnen oder sich in der Gastronomie einzukaufen.

Gesetzeslücke in Deutschland

Wie das geht, beschreibt Gosciu am Beispiel Roms, aber es könnte auch so in Frankfurt, Köln oder München ablaufen: Da eröffnen über Nacht neue Restaurants, Cafés. Bäckereien mit sizilianischen Spezialitäten, manchmal gleich mehrere in einer Straße. Alle sind edel und teuer eingerichtet, aber oft von Gästen veraist oder aber das Personal ist unaufmerksam und nicht gut ausgebildet.

„Es ist für uns schwer, die Mafia-Zugehörigkeit nachzuweisen“, sagt Gosciu. Vor allem auch, weil im Zentrum von Rom viele Touristen kommen und gehen und keine Ahnung haben, bei wem sie Pizza und Pasta essen. Außerhalb Italiens träte die Mafia nicht als kriminelle Vereinigung auf, sondern eher als Unternehmens-Holding, heißt es in dem DIA-Bericht. Gewalttaten würden vermieden, um nicht die Neugier der Ermittler zu wecken.

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In Deutschland, Italien, den Niederlanden und sogar in Ländern Südamerikas haben Ermittler hunderte Objekte durchsucht. Im Visier: die derzeit mächtigste Mafia-Organisation.

Dazu kommt, dass die internationale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität zwar eingespielt, aber die Gesetzgebung nicht in allen Ländern gleich ist. In Italien ist die Zugehörigkeit zu einer mafiösen Vereinigung ein Strafbestand. Mithilfe von „pentiti“, reuigen Kronzeugen und weitreichenden Möglichkeiten, Gespräche abzuhören, sind viele Mafiosi über die Jahre gefasst worden. In Deutschland gibt es keine entsprechenden Gesetze. Warum Deutschland als Hochburg der Geldwäsche gilt, können Sie hier nachlesen.

Am meisten ist die kalabresische ‘ndrangheta in Deutschland verbreitet, steht in dem Report der DIA, der den Zeitraum von Januar bis Juni 2018 umfasst. Doch auch die Cosa Nostra. Das Hauptgeschäft sei Geldwäsche durch den Kauf von Immobilien, aktiv seien sie in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. Der Hamburger Hafen und die Nähe zu den Niederlanden seien attraktiv für die Drogengeschäfte. Immerhin, die Zusammenarbeit italienischer Ermittler mit Beamten des Bundeskriminalamts wird in dem Report gelobt.

In Sizilien, dem Mutterland der Mafia, zeichnet sich ein neues Phänomen ab: die Bosse werden immer jünger und immer gewalttätiger. Das gehe schon mit 14 los und sei natürlich mit sozialen Problemen verbunden. Die Jugendarbeitslosigkeit ist im Süden Italiens im Europadurchschnitt besonders hoch. Kommunikationsmittel wie Social Media erschweren die Fahndung. Und noch immer ist die Familie entscheidend für die Zugehörigkeit zur Cosa Nostra.

Erst vor kurzem, Ende Januar, gab es eine Reihe von Verhaftungen in Palermo. Aber Experte Dominici gibt keine Entwarnung. „Cosa Nostra ist zwar in Schwierigkeiten“, sagt er, „aber immer noch dynamisch und ich schließe neue Morde nicht aus.“ Der seit den 90er-Jahren untergetauchte und seitdem gesuchte vermeintliche neue „Boss der Bosse“, Matteo Messina Denaro, sei weiterhin aktiv, aber vor allem in der Gegend von Trapani. In Palermo dagegen machten sich die von der Polizei bezwungenen Familien daran, ihre alte Machstruktur wieder zu errichten.

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