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24.03.2022

20:07

Lage am Abend

Frontlinie wohl nahezu erstarrt – Russland verstärkt Luftangriffe

Von: Marc Renner, Christian Schnell

Putins Truppen kommen derzeit kaum voran, werden bei Kiew laut Ukraine sogar zurückgedrängt. Der Westen will Russland mit weiteren Sanktionen unter Druck setzen – und mit massiver Aufrüstung.

Ukraine-Krieg

Militärische Lage

Stand: 21. März 2022

Düsseldorf In der Ukraine gehen die heftigen Gefechte weiter. Die UN-Vollversammlung nahm eine Resolution zur humanitären Situation in der Ukraine mit großer Mehrheit an, in der ein sofortiger Waffenstillstand in der Ukraine und Schutz für Zivilisten gefordert wird.

Die westlichen Verbündeten haben zugleich am Donnerstag einen Monat nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine ihren Kurs gegen Moskau weiter verschärft: Sie verhängten neue Sanktionen und kündigten eine weitere Aufrüstung der Nato an. Der Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa aktivierte Bündnisfähigkeiten zur Abwehr von chemischen, biologischen und atomaren Bedrohungen, auch ABC-Abwehr genannt.

Die militärische Lage

Russische Truppen greifen nach Angaben des ukrainischen Militärs weiter zahlreiche Städte und Gebiete in dem Land an – sind allerdings bei der Hauptstadt Kiew am Vorrücken gehindert und nach ukrainischen Angaben in einigen Gebieten in die Defensive geraten.

Am Mittag hieß es aus dem ukrainischen Verteidigungsministerium, die russischen Einheiten seien an einigen Stellen um mehr als 70 Kilometer zurückgedrängt worden. Russland habe seine Pläne, die Hauptstadt einzukesseln und einzunehmen, aber nicht aufgegeben, sagte der Sprecher des Ministeriums, Olexander Motusjanyk. Russland habe weitere militärische Ausrüstung nach Belarus entsandt, um den Vormarsch auf Kiew zu verstärken und die Stadt einzukreisen. Beweise dafür legte der Sprecher nicht vor.

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    Bereits am Morgen hatte der ukrainische Generalstab in einem auf Facebook veröffentlichten Lagebericht erklärt, beim Kiewer Vorort Browary seien russische Truppen gestoppt worden. Es sei ihnen nicht gelungen, die ukrainischen Verteidigungsstellungen zu durchbrechen, um den nordwestlichen Stadtrand von Kiew zu erreichen.

    Die Angaben ließen sich nicht überprüfen. Britische und US-amerikanische Quellen im Sicherheitsapparat bestätigten aber Gegenangriffe der Ukrainer bei Kiew.

    Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs leiden die russischen Truppen unter enormen Nachschubproblemen, die verhinderten, dass sie die Offensive vorantreiben können. Präsidenten-Berater Olexii Arestowytsch erklärte in einem TV-Interview: „Die Frontlinie ist praktisch eingefroren.“ Überprüfbar waren die Angaben nicht.

    Am Hafen der südukrainischen Stadt Berdjansk ist es am Donnerstagmorgen zu heftigen Explosionen gekommen. Die ukrainische Zeitung „Ukrajinska Prawda“ veröffentlichte auf ihrem Online-Portal Bilder, auf denen meterhohe Flammen und eine riesige Rauchsäule zu sehen sind.

    Das Landungsschiff „Orsk“ der Schwarzmeerflotte der russischen Marine soll hier in Flammen stehen. UKRAINIAN NAVY via REUTERS

    Hafen von Berdjansk

    Das Landungsschiff „Orsk“ der Schwarzmeerflotte der russischen Marine soll hier in Flammen stehen.

    Laut ukrainischer Marine soll ein russisches Landungsschiff zerstört worden sein. Das Schiff soll zur Schwarzmeerflotte gehört haben. Vorher hatte die „Orsk“ laut Marine Schützenpanzerwagen und Ausrüstung nach Berdjansk gebracht. Von russischer Seite gab es zunächst keine Angaben, unabhängig überprüfen ließen sich die Berichte nicht.

    Die russische Flotte hat im Schwarzmeergebiet Medienberichten zufolge insgesamt sechs derartige Landungsschiffe im Einsatz. Berdjansk ist bereits seit mehr als drei Wochen von russischen Truppen besetzt. In sozialen Medien war zudem die Rede davon, dass ein Munitionsdepot und ein Treibstofftank in dem Hafen am Asowschen Meer zerstört worden seien. Über Opfer wurde zunächst nichts bekannt.

    Während sich die Fronten am Boden insgesamt offenbar kaum veränderten, verstärkte Russland nach Angaben des ukrainischen Militärs seine Luftangriffe. Binnen 24 Stunden habe man mehr als 250 Einsätze verzeichnet, hieß es im aktuellen Bericht des ukrainischen Generalstabs.

    Das Verteidigungsministerium teilte mit, dass seit Beginn des russischen Angriffs am 24. Februar mehr als 1800 Luftangriffe auf die Ukraine geflogen worden seien. Außerdem seien Hunderte Raketen von Land und von der See auf ukrainische Ziele abgefeuert worden.

    Der russischen Luftwaffe sei es in einem Monat aber nicht gelungen, Luftüberlegenheit am Himmel über der Ukraine herzustellen, sagte ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums. Die USA und ihre Verbündeten arbeiteten daran, den Ukrainern Luftabwehrsysteme mit großer Reichweite zu beschaffen. Die Ukrainer setzten aber ihre derzeit vorhandenen Systeme „sehr effektiv“ ein.

    Zugleich gibt es weiter Berichte über hohe Verluste auf russischer Seite. Nach Einschätzung britischer Geheimdienste haben russische Truppen bei ihrem Angriffskrieg in der Ukraine massive Verluste erlitten und sehen sich zunehmend nach Verstärkung um.

    „Die russischen Streitkräfte haben während ihrer Invasion in die Ukraine mit ziemlicher Sicherheit Tausende Opfer erlitten“, hieß es in einem am Donnerstagmorgen auf Twitter veröffentlichten Update des Verteidigungsministeriums in London. Daher versuche Moskau nun mutmaßlich, Reservisten, Wehrpflichtige und Söldner privater und ausländischer Militärunternehmen einzusetzen, um die „beträchtlichen Verluste“ auszugleichen. Welchen Einfluss diese Gruppen auf die Kampfstärke der russischen Streitkräfte in der Ukraine haben werden, sei noch unklar, hieß es unter Berufung auf den Wissensstand der Geheimdienste.

    Nach ukrainischen Schätzungen wurden seit Kriegsbeginn fast 16.000 russische Soldaten getötet. Diese Angaben sind nicht unabhängig zu überprüfen.

    Die humanitäre Lage

    Die russischen Truppen greifen in der ukrainischen Stadt Tschernihiw nach Angaben der Stadtverwaltung gezielt Lebensmittelgeschäfte an. Für die Bevölkerung sei das eine Katastrophe, sagte der Sekretär des Stadtrats, Olexander Lomako, am Donnerstag der Nachrichtenagentur AP. Die Stadt wird seit fast einem Monat von russischen Soldaten belagert.

    Er schätzte, dass von den 285 000 Einwohnern, die vor dem Krieg in der Stadt lebten, noch gut 130 000 übrig seien. Die Ukraine habe jedoch weiterhin die Kontrolle über die Stadt. „Tschernihiw ist unter vollständiger Kontrolle der ukrainischen Armee, die ukrainische Flagge weht hier“, sagte er.

    Die Ukraine konnte offenbar auch für Donnerstag keinen Fluchtkorridor aus dem Zentrum der belagerten Stadt Mariupol aushandeln. Vize-Ministerpräsidentin Iryna Wereschtschuk erklärt wie schon am Mittwoch, für die Bewohner von Mariupol stünden Transportmöglichkeiten in Berdjansk bereit. Die Stadt liegt rund 85 Kilometer westlich von Mariupol.

    Aus der umkämpften Hafenstadt im Süden berichtete eine inzwischen geflohene Einwohnerin von dramatischen Zuständen. „Hunderte Leichen lagen auf der Straße“, schrieb die Frau namens Olena, die vor wenigen Tagen aus der Stadt geflohenen ist, der Deutschen Presse-Agentur über einen Messengerdienst. „Die Stadt Mariupol gibt es nicht mehr“, berichtete sie weiter.

    Mehr zum Ukrainekrieg:

    Mehr als die Hälfte aller Kinder in der Ukraine sind seit dem Beginn der russischen Invasion vertrieben worden. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzte am Donnerstag rund 4,3 Millionen Vertriebene unter den 7,5 Millionen Kindern des Landes.

    Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks haben seit Kriegsbeginn rund 3,7 Millionen Menschen die Ukraine verlassen. Außenministerin Annalena Baerbock bezeichnete die Versorgung der Kriegsflüchtlinge als „Jahrhundertaufgabe“.

    Die UN-Vollversammlung nahm eine Resolution zur humanitären Situation in der Ukraine mit großer Mehrheit an. Die Resolution verlangt unter anderem „eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten der Russischen Föderation gegen die Ukraine, insbesondere aller Angriffe auf Zivilpersonen und zivile Objekte“.

    Auf der Anzeigetafel ist das Abstimmungsergebnis zu sehen. Reuters

    UN-Vollversammlung in New York

    Auf der Anzeigetafel ist das Abstimmungsergebnis zu sehen.

    140 Länder in dem größten UN-Gremium mit 193 Mitgliedern stimmten am Donnerstag für den Text. 38 Länder enthielten sich, nur 5 Länder stimmten gegen den Beschluss: Das waren Russland, Belarus, Syrien, Nordkorea und Eritrea.

    Die Ergebnisse des Nato-Gipfels

    Die Nato-Staaten wollen mit massiver Aufrüstung auf Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine reagieren. Angesichts „der seit Jahrzehnten schwerwiegendsten Bedrohung für die euro-atlantische Sicherheit“ werde man das „Abschreckungs- und Verteidigungsdispositiv“ erheblich stärken und das gesamte Spektrum an einsatzbereiten Streitkräften und Fähigkeiten weiterentwickeln, heißt es in einer Gipfelerklärung der Staats- und Regierungschefs vom Donnerstag. Diese Schritte werden demnach ergänzt durch „erweiterte Übungen“ mit dem Schwerpunkt kollektive Verteidigung und der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Streitkräfte.

    Die Staats- und Regierungschefs weisen zudem auf bereits umgesetzte Maßnahmen zur stärkeren Abschreckung hin. So wurden als Reaktion auf das Vorgehen Russlands die Verteidigungspläne der Nato aktiviert, Elemente der Nato-Reaktionskräfte verlegt und an der Ostflanke 40.000 Soldaten sowie Luft- und Seefähigkeiten dem direkten Kommando der Nato unterstellt. Derzeit werden zudem kurzfristig vier zusätzliche multinationale Gefechtsverbände in Bulgarien, Rumänien, der Slowakei und Ungarn eingerichtet.

    Mit Sorge blickt die Nato angesichts schleppender Fortschritte im Krieg gegen die Ukraine indes auf den möglichen Einsatz von Chemiewaffen durch Russland. So wird seit einiger Zeit befürchtet, dass Putin versucht sein könnte, Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Zusätzlich zur Aktivierung der ABC-Abwehr verstärken Mitgliedstaaten derzeit die multinationalen Gefechtsverbände an der Ostflanke mit zusätzlichen ABC-Elementen, wie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der angesichts der Lage nun ein Jahr länger als geplant im Amt bleiben wird, am Rande des Nato-Gipfels in Brüssel sagte.

    Auf die Frage, ob ein Chemiewaffenangriff eine rote Linie für die Nato darstelle, sagte Stoltenberg: „Ich werde nicht über die Tatsache hinaus spekulieren, dass die Nato immer bereit ist, sich gegen jede Art von Angriff auf ein mit der Nato verbündetes Land zu verteidigen und darauf zu reagieren.“

    Er fügte hinzu, „jeder Einsatz von Chemiewaffen würde die Natur des Konflikts fundamental verändern. Es wäre ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht und wird weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen haben.“

    US-Präsident Joe Biden AP

    Joe Biden (Mitte)

    An dem Nato-Sondergipfel nimmt auch US-Präsident Joe Biden teil.

    An China gewandt fordert die Nato eine klare Positionierung gegen Russlands Angriff auf die Ukraine. „Wir fordern China auf, sich dem Rest der Welt anzuschließen und den russischen Einmarsch in die Ukraine klar zu verurteilen und keine politische Unterstützung zu leisten“, sagte Nato-Generalsekretär Stoltenberg am Donnerstagvormittag weiter. Dies schließe auch ein, keinerlei materielle Unterstützung für die Invasion in die Ukraine zu leisten.

    Dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zufolge hat sein Land bei der Nato mindestens 200 Panzer angefordert. „Sie haben mehr als 20 000 Panzer. Die Ukraine hat um ein Prozent gebeten“, sagte er in einer Videoschalte zum Nato-Gipfel. „Wir haben bisher keine klare Antwort“, beklagte der 44-Jährige. Ähnlich sehe es bei den angeforderten Flugzeugen und Abwehrsystemen für Raketen aus.

    Die Situation beim EU-Gipfel

    Die EU dürfte der US-Regierung in der Einschätzung folgen, dass Russland in der Ukraine Kriegsverbrechen begeht. Im jüngsten Entwurf der Abschlusserklärung für den EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag in Brüssel heißt es: „Russland führt Angriffe auf die Zivilbevölkerung durch und zielt auf zivile Objekte, darunter Krankenhäuser, medizinische Einrichtungen, Schulen und Schutzräume. Diese Kriegsverbrechen müssen sofort aufhören.“ Zudem galt es als wahrscheinlich, dass bei dem Gipfel in Brüssel ein Solidaritätsfonds für die Ukraine beschlossen wird.

    Uneins zeigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs kurz vor Beginn des Gipfels in der Frage eines Importstopps für russisches Öl und Gas. Mehrere Regierungschefs forderten am Donnerstag am Rande des EU-Gipfels in Brüssel, die Sanktionen gegen Russland auf Energie-Importe auszuweiten, also vor allem Erdgas, Kohle und Öl. Finnlands Premierministerin Sanna Marin sagte: „Solange wir Energie aus Russland kaufen, finanzieren wir den Krieg.“

    Einer steht jedoch weiter auf der Bremse: Bundeskanzler Olaf Scholz: Es sei eine bewusste Entscheidung der EU, angesichts der sehr hohen Abhängigkeit einiger Länder von Gas, Öl und Kohle aus Russland, dies nicht in das Sanktionspaket aufzunehmen, sagte er in Brüssel. Am Vortag hatte er bereits gesagt, dies „von einem Tag auf den anderen zu tun, hieße, unser Land und ganz Europa in eine Rezession zu stürzen. Hunderttausende Arbeitsplätze wären in Gefahr. Ganze Industriezweige stünden auf der Kippe.“

    Vom G7-Treffen und Nato-Sondergipfel direkt zum EU-Gipfel. dpa

    Olaf Scholz

    Vom G7-Treffen und Nato-Sondergipfel direkt zum EU-Gipfel.

    Auch Österreichs Kanzler Karl Nehammer wurde am Donnerstag deutlich: „Es wird mit uns kein Gasembargo und kein Ölembargo gegenüber der Russischen Föderation geben.“

    Am Mittwoch hatte die EU-Kommission unter anderem einen Gesetzesvorschlag für verpflichtende Gasreserven sowie Vorschläge für gemeinsame Gaseinkäufe vorgelegt. Diese sollen auch beim EU-Gipfel in Brüssel am Freitag Thema sein.

    Neue Sanktionen der G7 und aus den USA

    Die US-Regierung verkündete neue Sanktionen gegen Dutzende russischer Rüstungsfirmen, 328 Mitglieder des Parlaments Duma und den Chef der russischen Sberbank. Zugleich bieten die USA an, bis zu 100.000 ukrainische Kriegsflüchtlinge aufzunehmen, um die osteuropäischen Länder zu entlasten.

    Die G7-Staaten einigten sich in Brüssel darauf, den Handel mit Gold aus Russland zu beschränken. So soll verhindert werden, dass die russische Zentralbank Gold einsetzt, um die Wirtschaft des Landes zu stützen.

    Bisher hatten die Sanktionen gegen russische Eliten, die Zentralbank des Landes und Präsident Wladimir Putin keine Auswirkungen auf die russischen Goldbestände, die Putin seit mehreren Jahren anhäuft. Russland verfügt Schätzungen zufolge über Goldreserven im Wert von 100 bis 240 Milliarden US-Dollar.
    Mit Agenturmaterial

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