Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

08.04.2022

16:20

Lage am Mittag

Bestürzung über mehr als 50 tote Zivilisten bei Angriff auf Evakuierungs-Bahnhof

Von: Anna Kipnis

Die Ukraine beklagt eine Raketenattacke auf ein Eisenbahndrehkreuz – mit verheerenden Folgen. Augenzeugen berichten von Szenen der Verwüstung. Russland bestreitet eine Beteiligung.

Das Bild stammt aus dem Telegram-Kanal des ukrainischen Präsidenten Selenski. AP

Rauch am Bahnhof Kramatorsk

Das Bild stammt aus dem Telegram-Kanal des ukrainischen Präsidenten Selenski.

Düsseldorf Bei einem Raketenangriff auf einen Bahnhof in Kramatorsk sind nach ukrainischen Angaben mindestens 50 Menschen getötet worden. Mehr als 87 weitere seien verletzt worden, teilten ukrainische Behörden am Freitag mit.

Laut dem ukrainischen Eisenbahnchef Olexander Kamischyn schlugen zwei Raketen in ein Gebäude ein, von dem aus Evakuierungszüge aus dem Osten der Ukraine in sicherere Regionen im Westen des Landes abfahren. Die Angaben können nicht unabhängig geprüft werden.

Russland weist Anschuldigungen zurück, der Angriff sei von seinen Truppen ausgegangen. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärt der Nachrichtenagentur Ria zufolge, der bei dem Angriff eingesetzte Raketentyp werde nur von der ukrainischen Armee verwendet.

Nach Angaben des Gouverneurs des Verwaltungsbezirks Donezk, Pawlo Kyrylenko, hielten sich zum Zeitpunkt des Angriffs Tausende Menschen in dem Bahnhof auf. Er veröffentliche ein Foto, auf dem mehrere auf dem Boden liegende Körper zu sehen waren, neben zahlreichen Koffern und Taschen. Ein anderes Bild zeigt Einsatzkräfte, die offensichtlich versuchen, einen Brand zu löschen.

Zu sehen ist eine große, graue Rauchwolke. Gouverneur Kyrylenko warf Russland vor, absichtlich auf Zivilisten gezielt zu haben. Auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski machte die „Besatzer“ für die Attacke verantwortlich. Hingegen sprachen prorussische Separatisten in der selbsternannten Volksrepublik Donezk von einem ukrainischen Raketenangriff. Kramatorsk liegt im bislang ukrainisch kontrollierten Teil der Region Donezk, auf welche die Separatisten Anspruch erheben.

Truppen ziehen offenbar aus Nordukraine ab

Die russischen Streitkräfte haben sich indes nach britischen Angaben vollständig aus der Nordukraine nach Weißrussland und Russland zurückgezogen. Zumindest einige dieser Truppen würden in die Ostukraine verlegt, um in der Donbass-Region zu kämpfen, teilt das britische Verteidigungsministerium auf Basis von Informationen des Militärgeheimdienstes auf Twitter mit.

Dies werde wohl einige Zeit in Anspruch nehmen. Die Truppen müssten mit neuen Soldaten aufgestockt werden, bevor sie nach Osten verlegt werden könnten. Eine große Truppenverlegung aus dem Norden werde wahrscheinlich mindestens eine Woche dauern. auch der Gouverneur des Verwaltungsbezirks Luhansk erklärt, die Russen würden Truppen im Osten der Ukraine zusammenziehen. Bislang hätten sie die ukrainischen Verteidigungslinien dort aber nicht durchbrochen.

Der russische Beschuss von Städten im Osten und Süden der Ukraine halte allerdings weiter an. Die russischen Truppen rückten zudem von der ostukrainischen Stadt Isjum, die weiterhin unter ihrer Kontrolle sei, nach Süden vor. Reuters konnte den Bericht nicht sofort verifizieren.

Ukrainischen Angaben zufolge konzentrieren sich die russischen Truppen weiter auf die Eroberung der südlichen Hafenstadt Mariupol. Das teilte der ukrainische Generalstab am Freitag mit. Die Militärexperten des US-Kriegsforschungsinstituts Institute for the Study of War stellten fest, dass die russischen Streitkräfte „wahrscheinlich“ in den kommenden Tagen die Eroberung von Mariupol abschließen könnten.

Es schlugen offenbar zwei Raketen in ein Gebäude ein, von dem aus Evakuierungszüge aus dem Osten der Ukraine in sicherere Regionen im Westen des Landes abfahren. AP

Zug am Bahnhof

Es schlugen offenbar zwei Raketen in ein Gebäude ein, von dem aus Evakuierungszüge aus dem Osten der Ukraine in sicherere Regionen im Westen des Landes abfahren.

Das russische Staatsfernsehen hatte berichtet, das Zentrum der Großstadt am Asowschen Meer sei bereits eingenommen. In der Stadt seien aber noch 3000 ukrainische Kämpfer, hieß es.

Die Ukraine will auch am Freitag bis zu zehn Fluchtkorridore für Zivilisten in umkämpften Städten einrichten. Menschen, die aus Mariupol fliehen wollen, sind aufgefordert, ihre eigenen Fahrzeuge zu benutzen. In der Vergangenheit sind wiederholt Evakuierungen gescheitert, weil geplante Feuerpausen nicht eingehalten wurden.

Russland hält ein Ende der Kämpfe in der Ukraine nach eigenen Angaben bald für möglich. Der Militäreinsatz in dem Nachbarland könnte in „absehbarer Zeit“ enden, da die Ziele erreicht würden und sowohl das russische Militär als auch die russischen Friedensvermittler ihre Arbeit täten, sagt Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow.

Menschen, die aus Mariupol fliehen wollen, sind aufgefordert, ihre eigenen Fahrzeuge zu benutzen. AP

Rauch über Mariupol

Menschen, die aus Mariupol fliehen wollen, sind aufgefordert, ihre eigenen Fahrzeuge zu benutzen.

Zum Beschluss der UN-Vollversammlung, die Mitgliedschaft Russlands im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen auszusetzen, sagt Peskow, die Regierung in Moskau habe Verständnis dafür, dass einige Länder unter Druck gesetzt worden seien, am Donnerstag für eine Suspendierung Russlands zu stimmen. Belege nannte er nicht.

EU-Kommissionspräsidentin reist nach Kiew

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen und der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell kommen in Kiew an. Während der Zugreise von Brüssel bis in die ukrainische Hauptstadt sagt sie Reportern, ihre wichtigste Botschaft an den Präsidenten Selenski sei, dass es einen Weg für die Ukraine in die EU gebe. „Normalerweise dauert es Jahre, bis der EU-Rat den Antrag auf Mitgliedschaft annimmt, aber die Ukraine hat das in ein oder zwei Wochen geschafft“, sagt sie. „Unser Ziel ist es, den Antrag der Ukraine noch in diesem Sommer dem Rat vorzulegen.“

Die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin ist die erste westliche Spitzenpolitikerin, die seit Bekanntwerden der Kriegsgräuel im Kiewer Vorort Butscha die Ukraine besucht. Reuters

Ursula von der Leyen

Die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin ist die erste westliche Spitzenpolitikerin, die seit Bekanntwerden der Kriegsgräuel im Kiewer Vorort Butscha die Ukraine besucht.

Borrell kündigte der die Wiedereröffnung der Vertretung der Europäischen Union in Kiew an. Die Reise und die Rückkehr des Botschafters sollten zeigen, „dass die Ukraine existiert, dass es da eine Hauptstadt gibt, eine Regierung gibt und Vertretungen anderer Länder“, sagte Borrell.

Als Reaktion auf das Massaker an Zivilisten in Butscha beschlossen die EU-Mitgliedsstaaten am Donnerstag weitere Sanktionen gegen Russland. Darunter sind ein Importverbot für Kohle aus Russland sowie neue Beschränkungen für den Handel und ein weitgehendes Einlaufverbot für russische Schiffe in EU-Häfen.

Kiew fordert härtere Sanktionen – Borodjanka „noch schrecklicher“ als Butscha

Selenski begrüßte die Sanktionen, sagte aber zugleich, sie reichten noch nicht aus, um Russland aufzuhalten und den Krieg zu beenden. „Es braucht mehr Sanktionen. Es braucht härtere Sanktionen.“ Zugleich forderte Selenski Waffen für sein Land, „mit denen wir auf dem Schlachtfeld gewinnen können“. Das werde die stärkste Sanktion gegen Russland sein, sagte er in seiner täglichen Videobotschaft.

Wolodimir Selenski trifft heute in Kiew auf Ursula von der Leyen. dpa

Videoansprache

Wolodimir Selenski trifft heute in Kiew auf Ursula von der Leyen.

Selenski sprach von weiteren Gräueltaten russischer Truppen in der Ukraine. In der Kleinstadt Borodjanka bei Kiew, wo Aufräumarbeiten liefen, sei es „viel schrecklicher“ als in Butscha. Dort seien „noch mehr Opfer“ russischer Einheiten. Selenski stellte zudem die Frage, was passieren werde, wenn die Welt erfahre, was russische Einheiten in der schwer umkämpften Hafenstadt Mariupol angerichtet hätten. Dort sei auf „fast jeder Straße“ das, was die Welt nach dem Abzug der russischen Truppen in Butscha und anderen Orten um Kiew gesehen habe.

Russischer Konzern fordert Ausklärung von Kriegsverbrechen

Der russische Aluminiumkonzern Rusal hat als erstes russisches Großunternehmen eine „objektive und unabhängige Aufklärung des Verbrechens“ in der ukrainischen Stadt Butscha nahe Kiew gefordert. Mit seiner Pressemitteilung weicht der Konzern von der Sprachregelung des Kremls ab, der die Tötung der Zivilisten in Butscha als „Fake“ bezeichnet hat.

In der Presseerklärung macht Rusal zwar keine direkten Schuldzuweisungen, spricht aber von einem schockierenden Verbrechen und fordert „eine harte Bestrafung für die Täter“. Zugleich spricht sich der Aluminiumgigant für eine friedliche Lösung des Ukraine-Konflikts aus.

Weitere aktuelle Berichte zum Krieg:

Einer der größten Aktionäre von Rusal ist der als kremlnah geltende Milliardär Oleg Deripaska, der seit 2018 auf der Sanktionsliste der USA steht. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs war er einer der ersten Großunternehmer, der sich für Friedensverhandlungen aussprach.

Grünes Licht für Heizkostenzuschuss in Bundesrat

Nach dem Bundestag passierte das Gesetz zum Heizkostenzuschuss auch den Bundesrat. Demnach soll ein Ein-Personen-Haushalt, der Wohngeld bezieht, 270 Euro erhalten, ein Zwei-Personen-Haushalt 350 Euro, für jedes weitere Familienmitglied gibt es 70 Euro.

Studierende und Auszubildende, die staatliche Hilfen erhalten, haben Anspruch auf einmalig 230 Euro. Die neuen Hilfen für Unternehmen in Deutschland sollten am Nachmittag vorgestellt werden.

Bund beteiligt sich mit zwei Milliarden Euro an Flüchtlingskosten

Seit Beginn des russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sind nach Angaben des Bundesinnenministeriums 320.231 Geflüchtete in Deutschland erfasst worden. Russland führt seit dem 24. Februar Krieg gegen sein Nachbarland, was eine Flüchtlingsbewegung in Gang gesetzt hatte – die Zahl der Neuankömmlinge lag im März teilweise bei über 15.000 Menschen pro Tag, zuletzt sind es nach öffentlichen Angaben wieder weniger.

Die Zahlen stammen von der Bundespolizei, die momentan verstärkte Kontrollen durchführt. Da keine festen Grenzkontrollen an den Binnengrenzen stattfinden, könnte die Zahl der nach Deutschland eingereisten Kriegsflüchtlinge tatsächlich bereits wesentlich höher sein, heißt es aus dem Innenministerium.

Für die Unterstützung der Geflüchteten in Deutschland will der Bund den Ländern pauschal zwei Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Auch trägt der Bund die Ausgaben für die Grundsicherung. Für die Kriegsflüchtlinge hat das Vorteile: Sie erhalten höhere Leistungen und eine bessere Gesundheitsversorgung. Außerdem bekommen sie früher Unterstützung bei der Integration in den Arbeitsmarkt und haben mit den Jobcentern eine zentrale Anlaufstelle für ihre Belange.

Protest-Parolen auf Sowjet-Ehrenmal in Berlin

Auf das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow wurden Parolen gegen den Krieg in der Ukraine und gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprüht. Ein Polizeisprecher bestätigte die Schmierereien ohne nähere Angaben.

Auf das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow wurden Parolen gegen den Krieg in der Ukraine und gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprüht. dpa

Sowjetisches Ehrenmal besprüht

Auf das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow wurden Parolen gegen den Krieg in der Ukraine und gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gesprüht.

Wie „Der Tagesspiegel“ und die Zeitung „Neues Deutschland“ berichteten, wurden einige Teile der Gedenkstätte mit Parolen wie „Death to all Russians“ (Tod allen Russen), „Ukrainian Blood on Russian Hands“ (Ukrainisches Blut an russischen Händen) oder „Putin = Stalin“ besprüht.

Mit Agenturmaterial

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×