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23.05.2022

13:19

Lebensmittelknappheit

Operation Fly Formula: Warum in den USA jetzt die Armee Babynahrung bringt

Von: Axel Postinett

Die USA kaufen weltweit spezielle Babynahrung ein, doch der Mangel ist schon länger ein Problem. Grund dafür ist auch der Protektionismus unter Trump.

Die Logistikreserven der amerikanischen Streitkräfte werden die Babynahrung in den USA ausliefern. Reuters

Beladung in Ramstein

Die Logistikreserven der amerikanischen Streitkräfte werden die Babynahrung in den USA ausliefern.

San Francisco 132 Paletten mit spezieller Babynahrung von Nestlé wurden am Sonntag von der Luftwaffenbasis Ramstein in Deutschland in die USA geflogen. Die Regale und Lager in den Supermärkten sind leer, Eltern und Kinder sind verzweifelt. Es geht um spezielle Säuglingsmilchnahrung für Babys mit Kuhmilch-Allergie, die von einem Logistikunternehmen in den USA weiterverteilt werden.

Die „Operation Fly Formula“ hat derzeit oberste Priorität bei Militär und Politik. Weltweit versuchen die USA derzeit, die Babynahrung einzukaufen, um die Knappheit im eigenen Land auszugleichen. Weitere 114 Paletten sollen in den kommenden Tagen eingeflogen werden. Die USA werden dann kommerzielle Airlines beauftragen. Noch aber liefern die Logistikreserven der Streitkräfte die Babynahrung ins Land.

Auslöser für die Knappheit in den USA ist, dass die Produktion im größten Werk für Säuglingsmilchnahrung im Februar gestoppt wurde. Abbott hatte mehrere Produktlinien zurückgerufen, nachdem mutmaßlich wegen bakterieller Verunreinigungen vier Säuglinge erkrankt und zwei gestorben waren. Der US-Marktanteil des Unternehmens für Babynahrung liegt bei 50 Prozent.

Abbott-Chef Robert Ford bedauerte am Samstag die Engpässe und Konsequenzen: „Es tut uns leid für jede Familie, die wir im Stich gelassen haben, seit unser freiwilliger Rückruf den Mangel an Babynahrung in unserem Land verschärft hat“, schrieb Ford in Gastbeitrag in der „Washington Post“. Er glaube dennoch, dass der Rückruf richtig gewesen sei. „Wir werden keine Risiken eingehen, wenn es um die Gesundheit von Kindern geht.“ Ford kündigte an, der Herstellung der höchste Priorität einzuräumen. Den betroffenen Familien will er mit einem Fonds von 5 Millionen Dollar helfen.

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    Außerdem sei nun ein anderes Abbott-Werk, das sonst Produkte für Erwachsene herstelle, auf Babynahrung umgestellt worden. Zusätzlich werde Babynahrung von einer Fabrik in Irland eingeflogen. Ford gehe davon aus, das Werk in Michigan in der ersten Juniwoche wieder öffnen zu können.

    Krise blieb unbemerkt

    Biden hat in der Folge ein für Kriegszeiten gedachtes Gesetz aktiviert, um die Produktion anzukurbeln. Das Weiße Haus teilte am Sonntagabend mit, auf Basis dieses Gesetzes werde Abbott und einem weiteren Hersteller Priorität bei der Bestellung von Zutaten für Babynahrung gewährt.

    Als er zum ersten Mal auf die Krise angesprochen wurde, antwortete der amtierende US-Präsident, man hätte das nur vorhersehen können, „wenn wir bessere Gedankenleser wären“. Lange blieb die Babynahrungskrise also unbemerkt. Dabei leiden Kinder in den USA schon zu „normalen“ Zeiten regelmäßig an Mangelernährung. Sie sind häufig auf gespendetes Essen angewiesen. Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl sogar weiter gestiegen.

    Für die Demokraten kommt die Krise zu einer schwierigen Zeit. Vor den wichtigen Zwischenwahlen in den USA versuchen einige Republikaner von der Krise zu profitieren: Social-Media-Aktivisten, die den Republikanern zugerechnet werden, teilten Bilder auf denen Biden amerikanischen Babys das Fläschchen aus dem Mund reißt, um sie an geflüchtete Kinder an der mexikanischen Grenze zu verteilen.

    Statistiker zeigen, dass die bestehenden Hilfsprogramme für Flüchtende einen kaum messbaren Anteil am Babymilch-Verbrauch haben. Trotzdem kann sich Biden nur begrenzt wehren. Demokratische Politiker hatten zur Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump bei der Neuverhandlung der Nafta-Handelsverträge mit Kanada und Mexiko eingewilligt: Die Verträge verhandelte Trumps Regierung zum Schutz der heimischen Farm- und Milchindustrie, der den Import von etwa kanadischer Milch durch Zölle unrentabel machte.

    Nun teilt sich die heimische Industrie 98 Prozent des Markts auf. Auch europäische Hersteller versuchen kaum noch, die strengen Importvorschriften einzuhalten und verzichten gleich auf Lieferungen. Den selbst verhandelten Verträgen zum Trotz setzen republikanische Senatoren nun Biden unter Druck, wie etwa Rick Scott aus Florida: Er verglich Bilder von leeren Regalen in den USA und mit Babynahrung gefüllten im Rest der Welt. „Biden muss handeln“, forderte Scott.

    Die Armee verteilt die Produkte derweil strategisch. Die Unternehmen haben zwar auch Vertriebsapparate, sind sind aber an ihren Geschäftsinteressen ausgerichtet und nicht an die Versorgung etwa von ländlichen Gegenden gebunden.

    Zu einem großen Problem für die Biden-Verwaltung hat sich auch das Hilfsprogramm WIC (Women, Infants, Children) für bedürftige, meist alleinerziehende Frauen mit Kindern entwickelt. Jeder Bundesstaat schließt mit einem Hersteller Verträge ab und nur dessen Produkte dürfen die WIC-Hilfsempfänger rabattiert kaufen.

    Als sich die Regale leerten, waren die Ärmsten also die Ersten, die die Not spürten. Sie hatten kein Geld, um auf eigene Rechnung teurere Marken zu kaufen. Das soll sich jetzt ebenfalls mit der aktivierten Notfallverordnung des US-Präsidenten ändern.

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