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14.08.2019

17:56

Mary Anne Marsh im Interview

„Die größte Gefahr für Joe Biden ist Joe Biden“

Von: Annett Meiritz

Die Wahlkampfstrategin glaubt, dass die Demokraten eine weibliche Kandidatin gegen Trump aufstellen und sieht Schwächen in der Kampagne des Favoriten.

Der potenzielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten könnte an der Qualität seiner Kampagne scheitern, sagt Wahlkampfexpertin Mary Anne Marsh. AP

Joe Biden

Der potenzielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten könnte an der Qualität seiner Kampagne scheitern, sagt Wahlkampfexpertin Mary Anne Marsh.

Washington In nur sechs Monaten halten die ersten US-Bundesstaaten Vorwahlen ab. Wie lautet Ihre Prognose? Werden wir rasch einen klaren Favoriten haben, oder zieht sich das Rennen bis zur Nominierung im Juli?
Wir haben seit einiger Zeit ein sehr konsistentes Feld aus Spitzenreitern: Joe Biden, Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Kamala Harris. Ich glaube nicht, dass irgendjemand sonst an diese Gruppe herankommen kann. Pete Buttigieg schlägt sich gut, aber die Zeit wird für ihn nicht ausreichen. Unter diesen vier wird es entschieden, und unter ihnen ist alles möglich. Wer Iowa und New Hampshire gewinnt, hat das Rennen in der Tasche. So einfach ist das. Der Prozess wird sich nicht mehr allzu lange ziehen. Wir werden im März wissen, wer die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten bekommt.

Joe Biden liegt in Umfragen seit Monaten vorn. Kann sich daran noch etwas ändern?
Es gerät einiges in Bewegung. Biden droht sein Momentum zu verlieren. Und Warren fährt parallel eine sehr kluge Kampagne. Sie schickt unglaublich viele Leute in die Fläche, allein in Iowa hat sie 130 Mitarbeiter. Und sie mobilisiert Anhänger, ihre Auftritte sind immer gut besucht. Sie hat den am besten organisierten Apparat von allen. Jeder sollte Warren genau beobachten, sie macht gerade vieles richtig. Außerdem ist Kamala Harris endlich in den Angriffsmodus übergegangen. Bei ihr ist der Knoten geplatzt, sie konzentriert sich jetzt voll auf Iowa – und grenzt sich scharf von Biden ab. Im Lager der Moderaten ist sie seine Hauptkonkurrenz.

Warum ist Biden aus Ihrer Sicht nicht gesetzt?
Die größte Gefahr für Joe Biden ist Joe Biden. Seine Kampagne ist schlichtweg nicht gut. Das ist wenig überraschend, wenn man sich vergangene Wahlkämpfe von ihm anschaut. Niemand zwingt ihn dazu, Fehler auf einer Wahlkampfbühne zu machen – er macht sie aber trotzdem.

Macht er das nicht mit seiner großen Bekanntheit wieder wett?
Bidens Zustimmung speist sich derzeit zu einem großen Teil aus afroamerikanischen Wählern. Das ist eine extrem pragmatische Wählergruppe. Biden zehrt von seinem Profil als Vizepräsident, als Vertreter der Obama-Ära. Er wird bislang als eine Art Versicherung betrachtet: Wenn es keinen anderen gibt, dem wir die Aufgabe zutrauen, nehmen wir ihn. Aber im Langfristtrend hat er an Zustimmung verloren. Er ist ein Spitzenreiter, aber einer mit einer volatilen Anhängerschaft. Seine Basis kann schwinden, sobald die Leute merken, dass es gute Alternativen zu ihm gibt. Und davon gibt es reichlich. Die Stimmung kann sich schnell drehen. Ganz zu Beginn des demokratischen Rennens hatte Biden Umfragewerte von fast 50 Prozent. Da ist er schon lange nicht mehr.

Die Wahlkampfberaterin und politische Analystin für die US-Demokraten arbeitet als Strategin bei der Bostoner PR-Beratung Dewey Square Group. Dewey Square Group

Mary Anne Marsh

Die Wahlkampfberaterin und politische Analystin für die US-Demokraten arbeitet als Strategin bei der Bostoner PR-Beratung Dewey Square Group.

Welcher der bekannteren Kandidaten ist Bidens größte Konkurrenz?
Sanders hat nicht mehr dieselbe Anziehungskraft wie vor vier Jahren, Warren hat diese Lücke teilweise gefüllt. Sie hat ihre Umfragewerte in wenigen Monaten mehr als verdoppelt. Ich würde argumentieren, dass sie aktuell die stärkste Kandidatin ist, weil sie nach einem schwierigen Start aufgeholt hat. Bei Harris ist es ein Auf und Ab, das muss man in den nächsten Wochen beobachten. Es ist jedenfalls strategisch klug, dass sie Biden an wunden Punkten treffen will, wenn es um Einwanderung und Bürgerrechte geht. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass das Rennen um die Nominierung zwischen Harris und Warren entschieden werden könnte. Die Demokraten wollen vor allem eins: Trump schlagen. Und die Politik abwickeln, die Trump in vier Jahren im Amt angerichtet hat. Deshalb wollen sie ein echtes Gegenmodell.

Würden die Amerikaner eine Frau ins Weiße Haus wählen?
Dazu kann ich immer nur wieder sagen: Hillary Clinton hatte drei Millionen mehr Stimmen als Donald Trump bekommen. Und Trump wirkt in einem Zweierduell mit einer profilierten Kandidatin noch schwächer. Das Geschlecht wäre hier eindeutig ein Vorteil, kein Nachteil.

Aber wie soll eine progressive Kandidatin wie Warren im wichtigen Mittleren Westen punkten?
Progressive Ideen verfangen nach wie vor sehr gut unter Arbeitern. Man wird im Wahlkampf unermüdlich zeigen müssen, dass Demokraten mehr für sie tun werden, als Trump es getan hat. Dass man Gesundheitsversorgung verbessern, nicht abschaffen will. Dass man keinen Handelskrieg anzettelt und dafür sorgen wird, dass die Löhne steigen.

Ab welchem Punkt wird Obama eine aktivere Rolle übernehmen?
Vor den Vorwahlen wird er die Füße stillhalten, zumindest öffentlich. Alles andere wäre unüblich. Mal abgesehen davon, dass Obama, der im Kampf um die Nominierung für die Präsidentschaftswahlen 2008 lange hinter Hillary Clinton lag, selbst keine Starthilfe benötigte. Er hat Iowa aus eigener Kraft gewonnen. Später, wenn der oder die Nominierte feststeht, wird er sicher unterstützen.

Mehr: Der Ex-Vizepräsident tut sich schwer, Feuer in seine Kampagne zu bringen. Sechs Monate vor den wichtigen Vorwahlen geraten die Demokraten unter Druck.

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