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12.05.2022

18:03

Nahrungsmittelkrise

40 Millionen Tonnen Getreide lagern in der Ukraine – Wie der Weizen aus dem Land kommen soll

Von: Nicole Bastian, Mathias Brüggmann, Christoph Herwartz, Katrin Terpitz

Die EU hilft dem Land, den begehrten Weizen über die Grenze zu schaffen. Die Regierung in Kiew will aber mehr und hofft auf Investitionen auch aus Deutschland.

In der Ukraine lagern derzeit rund 40 Millionen Tonnen Getreide, während in vielen Ländern der Welt Hungersnöte befürchtet werden. Future Publishing/Getty Images

Weizenfeld

In der Ukraine lagern derzeit rund 40 Millionen Tonnen Getreide, während in vielen Ländern der Welt Hungersnöte befürchtet werden.

Brüssel Die Dimensionen sind gewaltig: In der Ukraine lagern derzeit rund 40 Millionen Tonnen Getreide, während in vielen Ländern der Welt Hungersnöte befürchtet werden. Gleichzeitig bereiten sich die ukrainischen Landwirte auf die Ernte vor.

70 Prozent der Vorjahresmenge können sie einfahren, hoffen sie. Doch solange die Speicher voll sind, würde sich das nicht lohnen. Sollten nicht innerhalb von drei Monaten 20 Millionen Tonnen des Getreides exportiert werden, wäre der wirtschaftliche Schaden für die Ukraine enorm.

Die EU will der Ukraine nun beim Export helfen. Die Regierung in Kiew hofft allerdings auch darauf, das Problem mittelfristig anders lösen zu können.

„Es wäre wichtig, dass europäische Länder in die Verarbeitung der blockierten Lebensmittel in der Ukraine investieren“, sagte die Vizeregierungschefin Olha Stefanishyna dem Handelsblatt. „Wenn es da Vorschläge der deutschen Wirtschaft gibt, bitte ich darum, uns als Regierung zu kontaktieren.“

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    Trotz des Kriegs warb sie mit sicheren Rahmenbedingungen: „Die Getreideernte ist ein sicherer Prozess in der Ukraine. Unsere Leute werden liefern, ob sie beschossen oder bombardiert werden, denn wir sind ein Land mit einer jahrhundertelangen Agrartradition“, sagte sie. „Wir sind selbst in Kriegszeiten ein verlässlicher Partner.“ Die Unternehmen erwarte in der Ukraine ein quasi unbegrenzter Zugang zu Rohstoffen zu niedrigen Preisen sowie Zollfreiheit.

    Viele Häfen sind von russischen Truppen besetzt

    Kurzfristig geht es aber darum, das Getreide unverarbeitet aus der Ukraine herauszubekommen. Verkehrskommissarin Adina Valean beschrieb am Donnerstag, was das bedeutet: In der vergangenen Woche habe ein Schiff den rumänischen Hafen Constanta verlassen, beladen mit 70.000 Tonnen ukrainischem Getreide.

    Zum Beladen seien 49 Binnenschiffe und Züge eingesetzt worden. Ein 600 Meter langer Zug könne rund 1900 Tonnen Getreide transportieren. Ein Binnenschiff rund 3000 Tonnen.

    Auf diese Weise 20 Millionen Tonnen Getreide zu transportieren ist eine große Herausforderung. Valean sprach von 10.000 Binnenschiffen, die dafür notwendig seien.

    Die Ukraine ist der sechstgrößte Weizenexporteur der Welt und deckt etwa zehn Prozent der globalen Exporte ab. Laut Welternährungsorganisation FAO stecken derzeit knapp 25 Millionen Tonnen Getreide in ukrainischen Häfen am Schwarzen und Asowschen Meer fest.

    Vor dem Krieg liefen fast alle Exporte über den Seeweg. Die Häfen Mariupol, Cherson und Berdjansk stehen unter russischer Kontrolle, der Hafen von Mykolajiw ist schwer beschädigt. Normalerweise exportiert die Ukraine etwa fünf Millionen Tonnen Getreide im Monat.

    Die großen Getreidevorräte per Bahn außer Landes zu bringen erweist sich als schwierig. „Der Aufwand, die Mengen aus der Ukraine per Bahn zu transportieren statt über die blockierten Schwarzmeerhäfen, ist gigantisch“, sagt Peter Haarbeck, Geschäftsführer des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft. Getreide muss ständig überwacht, kühl gehalten und belüftet werden. „Sonst kann sich ein Haufen Getreide stark erhitzen und Feuer fangen“, so Haarbeck.

    DB-Cargo kommt zentrale Rolle zu

    Die Bahn-Tochter DB Cargo soll bei der geplanten „Getreidebrücke“ eine zentrale Rolle spielen. Mit einem Zug können bis zu 52 Container transportiert werden. Allerdings sind große Umwege nötig, denn die Hauptabnehmer des Getreides sitzen in Nahost und Nordafrika. Besonders der Libanon, Tunesien und Somalia sind stark von Weizenlieferungen aus der Ukraine abhängig.

    Die ukrainische Weizenernte dürfte 2022 deutlich geringer ausfallen. Zwar wurden rund 7,6 Millionen Hektar Wintergetreide ausgebracht – so viel wie 2020, ermittelte die Beratung APK-Inform. Allerdings fehlt es im Krieg allerorten an Dünger, Pflanzenschutzmitteln und Treibstoff für Traktoren. Der ukrainische Getreideverband (UGA) erwartet deshalb einen Rückgang der diesjährigen Weizenernte von 33 auf 18,2 Millionen Tonnen. Das wäre ein Einbruch um fast die Hälfte.

    Die EU besitzt selbst keine Schiffe und Züge, mit denen sie helfen könnte. Aber sie will zumindest dabei helfen, Engpässe zu vermeiden. So stehen derzeit Züge mit Tausenden von Waggons an den Grenzen zu Polen und Rumänien. Die durchschnittliche Wartezeit für Grenzübergänge beträgt 16 Tage, an manchen Grenzübergängen sogar 30 Tage.

    Ein großes Problem: Ukrainische Züge fahren auf anderen Gleisen als europäische. Die Spur ist rund zehn Zentimeter breiter. Deshalb müssen die Waggons mit Wagenhebern angehoben und die Fahrgestelle manuell etwa an die polnischen Gleise angepasst werden.

    Das alternative Umladen in andere Züge kann bis zu einer halben Stunde pro Waggon dauern. Die Kommission will zusätzliche Kapazitäten dafür schaffen. Außerdem will sie mit einer Plattform die ukrainischen Getreideverkäufer mit Logistikunternehmen und Händlern zusammenbringen.

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